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Angst vor Moskauer Aggressionen

Von David Ignatius

Analysen
Der Autor war Chefredakteur der "International Herald Tribune". Seine Kolumne erscheint auch in der "Washington Post".

Die Vereinigten Staaten wollen mit neuen Waffensystemen Russland und China abschrecken.


Es ist eine Entwicklung, die neben den täglichen Nachrichten über die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) und über Syrien kaum wahrgenommen wird. Das US-Verteidigungsministerium drängt auf unkonventionelle neue Waffen, um Russland und China abzuschrecken. Mitarbeiter des Pentagon sprechen nun offen darüber, die neuesten Instrumente künstlicher Intelligenz für den Bau von Roboterwaffen und lernfähigen Apparaten einzusetzen, sie sprechen von Mensch-Maschine-Teams und Superleistungssoldaten. Das mag nach Science-Fiction klingen, aber laut Pentagon lassen sich mit solchen Hightech-Systemen die rasanten Fortschritte des russischen und chinesischen Militärs am besten bekämpfen.

Erläutert wurden die neuen, potenziell revolutionären US-Waffensysteme in einem Interview mit Robert Work, dem stellvertretenden US-Verteidigungsminister, und General Paul Selva, dem stellvertretenden Vorsitzenden des US-Generalstabs. Das Gespräch fügte sich in eine Reihe von ungewöhnlichen Enthüllungen über einen Gegenstand ein, der noch vor ein paar Monaten zu den bestgehüteten Militärgeheimnissen gezählt hat.

Diese dritte Ausgleichsstrategie, wie sie im Pentagon genannt wird, erfolgt nach dem Vorbild der ersten beiden, die die russischen Fortschritte während des Kalten Kriegs eindämmen sollten: Damals waren das zuerst taktische Atomwaffen, dann konventionelle Präzisionswaffen. Jetzt sollen smarte Roboterwaffen helfen, die durch den russischen und chinesischen Fortschritt zerstörte Abschreckung wiederherzustellen. General Joseph Dunford, neuer Vorsitzender des US-Generalstabs, hatte schon im Juli 2015 gewarnt, dass Russland für die USA die größte Bedrohung darstellt.

Vorgesehen sind dafür im Pentagon-Budget 2017 drei Milliarden US-Dollar für hochentwickelte Abwehrwaffen, weitere drei Milliarden, um Unterwassersysteme aufzurüsten, weitere drei Milliarden für Mensch-Maschine-Teams und Ausschwärmoperationen unbemannter Drohnen, 1,7 Milliarden für Systeme mit künstlicher Intelligenz und 500 Millionen für Kriegssimulationen und andere Testverfahren der neuen Konzepte. Die Regierung von US-Präsident Barack Obama, des Öfteren getadelt, zu langsam auf russische und chinesische Bedrohungen zu antworten, scheint nun davon auszugehen, dass es die beste Strategie für die USA ist, ihrer größten Überlegenheit, der Technologie, mehr Gewicht zu geben. Das erinnert an US-Präsident Reagans Star-Wars-Initiative vor 30 Jahren.

In einer Stellungnahme zum Budget sprach US-Verteidigungsminister Ash Carter Anfang Februar von russischer "Aggression" in Europa und sagte: "25 Jahre lang haben wir uns darüber keine Sorgen machen müssen - jetzt schon." Man arbeite daher an hochentwickelten Navigationssystemen für intelligente Waffen mit Mikrokameras und Sensoren, an Missile-Abwehrsystemen mit Hypergeschwindigkeits-Projektilen und an Schwarmdrohnen, die "wirklich schnell, wirklich widerstandfähig" sind. "Unsere Gegner betreiben - offen gestanden - übermenschliche Operationen", warnte Work bei einem Treffen im Center for a New American Security im Dezember: "Wir machen uns wirklich an vor lauter Angst."

Übersetzung: Hilde Weiss