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Angst vor Rache und Bürgerkrieg

Von Thomas Schmidinger

Gastkommentare

Angesichts der exzessiven Gewalt des Regimes droht Syrien ein Bürgerkriegsszenario.


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Bis zum Juli sah es noch so aus als würde Syriens arabisch-nationalistisches Baath-Regime mit Zuckerbrot und Peitsche auf die Proteste im Land reagieren. Während in einigen Städte wie Daraa massive Gewalt gegen Demonstranten angewendet wurde, signalisierte das Regime zugleich Dialogbereitschaft. Spätestens mit dem Massaker in Hama, dürfte das Bashar al-Assad jedoch endgültig die Chance auf einen geregelten Übergang zur Demokratie verspielt haben. Das von Angehörigen der religiösen Minderheit der Alawiten (Nusairier) - nicht zu verwechseln mit den anatolischen Aleviten - getragene Regime könnte damit jedoch nicht nur seinen eigenen blutigen Untergang heraufbeschwören, sondern auch die religiösen Minderheiten im Lande der Rache sunnitischer Islamisten aussetzen.

Hama ist v.a. für den syrischen Zweig der Muslimbruderschaft von großer Bedeutung. Hier ließ der Vater des gegenwärtigen Präsidenten 1982 bei der Niederschlagung eines Aufstands der Muslimbruderschaft 20.000 bis 30.000 Menschen ermorden. Für die im Allgemeinen als wesentlich strikter als ihre ägyptische Mutterorganisation eingeschätzte syrische Muslimbruderschaft, gelten Nusairier, aber auch andere nichtsunnitische heterodoxe Gruppen wie Ismailiten und Druzen, als Ketzer und Apostaten. Mit der Angst der religiösen Minderheiten vor einer Machtübernahme sunnitischer Islamisten gelang es dem Regime lange Zeit die Loyalität großer Teile der Minderheiten zu erkaufen. Die Angst der Alawiten vor einer möglichen Rache der Islamisten ist nicht unbegründet. In Think Tanks in den USA wird deshalb bereits über Schutzgebiete für Alawiten und Druzen diskutiert, eine Art Wiederaufwärmung des État des Alaouites und des État de la Montagne Druze unter französischem Protektorat.

Vom Szenario einer Demokratie, die sowohl religiösen als auch der kurdischen Minderheit entsprechende Rechte gewährt, wären all diese Szenarien allerdings weit entfernt. Je länger das Regime, das seit Jahrzehnten zu den autoritärsten der arabischen Welt gehörte, auf brutale Gewalt setzt, desto wahrscheinlicher ist allerdings eine Eskalation hin zum Bürgerkrieg. Ein jemenitisches oder libysches Szenario eines langwierigen Bürgerkriegs wäre in diesem Falle wahrscheinlicher als ein tunesisches oder ägyptisches.

Hoffnung gibt allerdings, dass es der Opposition in den letzten Wochen gelungen ist, breitere Allianzen zwischen arabischen und kurdischen Oppositionellen unterschiedlicher religiöser Hintergründe zu bilden. Den Syrern ist zu wünschen, dass sie statt eines Bürgerkriegs bald einem Prozess folgen können, in dem sich Assad vor einem regulären Gericht verantworten muss, wie derzeit sein früherer Amtsbruder Mubarak in Kairo.

Thomas Schmidinger ist Lektor am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien und Vorstandsmitglied der im Nahen Osten tätigen Hilfsorganisation LeEZA.