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Angstgeruch löst Mitleid aus

Von Rosemarie Kappler

Wissen
Über das Riechen wird nicht nur bestimmt, ob wir jemanden mögen. Foto: stustaculum

Geruchssinn ein immer spannenderes Forschungsthema. | Neue Arbeit weist Bedeutung für das Sozialverhalten nach. | Düsseldorf. Vor fünf Jahren erfuhr der menschliche Geruchsinn eine deutliche Aufwertung. Bis dahin war er zu den "niederen" Sinnen gerechnet worden. Doch die Riechforschung der amerikanischen Wissenschaftler Linda Buck und Richard Alex zeigte, dass Riechen in unserem Leben eine weit größere Rolle spielt, als bislang angenommen. Für die Enträtselung des Geruchssinnes erhielten die beiden Physiologen deshalb 2004 den Nobel-Preis für Medizin.


Deren Fachkollegin Trese Leinders-Zufall, Professorin am Physiologischen Institut der Universität des Saarlandes, erklärt, was der Geruchssinn alles leistet: "Er ist enorm wichtig für die Suche von Nahrung und ihrer Qualitätsbeurteilung, er hilft bei der Regulation des Salzhaushaltes und beeinflusst damit die Flüssigkeitsbalance, er hilft Menschen beim Aufbau eines sozialen Umfeldes und wird bei der Partnerwahl benötigt, und er verrät feindselige Absichten und lässt Gefahren erkennen." Bei alldem spielen die Riechzellen in der Nase eine wesentliche Rolle.

Nun hat eine Arbeitsgruppe um die Düsseldorfer Psychologin Prof. Bettina Pause erstmals nachgewiesen, dass auch Angst über den Geruch zwischen Menschen übertragen wird. Riecht ein Mensch die Angstmoleküle eines anderen, so werden im Hirn des Wahrnehmenden solche Gehirnregionen aktiviert, die für die Erkennung von Angstzuständen zuständig sind. Und noch eine Erkenntnis erlangten die Forscher. "Angst, wenn sie geruchlich wahrgenommen wird, wirkt ansteckend und löst beim Wahrnehmenden empathisches Miterleben aus", berichtet Pause. Das bedeutet, der Wahrnehmende nimmt an der Angst seines Gegenübers teil, er empfindet also Mitleid.

Evolutionärer Vorteil

Nichts in der Natur ist ohne Sinn. So vermuten die Forscher in ihrem Artikel im Wissenschaftsmagazin "PLoS One" einen evolutionären Vorteil. Durch die Aktivierung der Hirn-Schaltkreise, die emotionale und soziale Signale verarbeiten und mittels im Angstschweiß enthaltener Duftstoffe breiten sich Gefühle wie Anspannung oder Panik schneller in einer Gruppe aus. So können sich die Gruppenmitglieder besser auf Flucht oder Angriff einstellen.

Dass Angstschweiß unbewusst das Verhalten von Menschen beeinflusst, zeigte bereits 2006 die Psychologin Denise Chen an der Rice Universität in Houston. Allerdings waren die 75 Studienteilnehmer allesamt weiblich. Das Experiment von Bettina Pause war insgesamt komplizierter ausgelegt. Die Psychologen nahmen von Studierenden vor wichtigen akademischen Prüfungen "Angstschweißproben". Dazu mussten die Probanden eine Viertelstunde lang vor der Prüfung Wattepads unter den Armen tragen. Zudem wurden Schweißproben von denselben Personen bei sportlicher Betätigung genommen.

Die "Schweißspender" waren je zur Hälfte weiblich und männlich. Die gesammelten Proben wurden aufbereitet und mittels eines Olfaktometers anderen Probanden dargeboten. (Ein Olfaktometer ist ein technisches Gerät, das Probanden Geruchsmoleküle bei sters konstanten Temperatur- und Strömungsbedingungen darbietet.) Die Gerüche wurden von den Untersuchungsteilnehmern als sehr schwach wahrgenommen, nur die Hälfte der Präsentationen wurde überhaupt bewusst gerochen. Während dieser Geruchsdarbietung wurden die Gehirnaktivitäten der Probanden mit einem Magnetresonanztomografen abgeleitet.

Dabei zeigte sich, dass bei der Präsentation von "Angst" bei den Probanden diejenigen Gehirnareale aktiviert wurden, in denen ein emotionales Widerspiegeln der Gefühle anderer stattfindet bzw. die auf die Wahrnehmung von Angstausdrücken bei anderen Menschen spezialisiert sind. Aktivität gemessen wurde in der Inselrinde, dem Cingulum und im fusiformen Kortex. Die Präsentation von Sportschweiß dagegen löste keine deutlich messbaren Reaktionen aus. Gerochene Angst erhöht also die Aufmerksamkeit und beeinflusst darüber den Hormonhaushalt und das Immunsystem.