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Angststörungen begleiten zunehmend die Depression

Von Christa Karas

Wissen

Angst und Depression: Mit einiger Besorgnis registrieren die Fachleute, dass Depressionen - für die Betroffenen und ihre Umwelt ohnehin schon qualvoll - zunehmend von Zwängen und Phobien begleitet werden. Der Grazer Psychiater Univ.-Prof. Dr. Peter Hofmann sagte jüngst sogar in Wien: "Wir kennen kaum depressive Menschen, die nicht auch gleichzeitig irgendeine Angststörung haben." Doch da, wo die Not am größten ist, bisweilen auch das Rettende naht, werben er und seine Kollegen um mehr Verständnis für die medikamentöse Therapie. Denn tatsächlich wirken die modernen Antidepressiva sehr positiv gegen alle Facetten der Erkrankung.


Längst sind die Zeiten vorbei, als Depressive mit regelrechten "Medikamenten-Bomben" vorrangig an suizidalen (oder ähnlichen) Handlungen gehindert wurden, was meist zur Folge hatte, dass sie zu überhaupt keiner Handlung mehr fähig waren. Mit der zunehmenden Erkenntnis der neurochemischen Abläufe im Gehirn ist klar geworden, dass es sich bei der Depression um eine sogenannte serotonerge Spektrumserkrankung handelt.

Das heißt, dass in diesem Fall (wie auch bei Angst, Zwang, Sozialphobie, Essstörungen oder manchen Migräneformen) grundsätzlich drei verschiedene Regelkreise von Gehirnbotenstoffen (Neurotransmittern) - Serotonin, Noradrenalin und Dopamin - in ihrem Zusammenwirken gestört sind. Die wichtigste Rezeptorgruppe ist dabei die (in unterschiedliche Subtypen untergliederte) der Serotonin-Rezeptoren.

Serotonin im Zentrum

"Bei der Depression sind die Neurotransmitter Serotonin und Noradrenalin im Gehirn reduziert. Bei Angst sind die Serotonin-Rezeptoren übersensibel." - So stellte Univ.-Prof. Dr. Siegfried Kasper, Vorstand der klinischen Abteilung für Allgemeine Psychiatrie an der Wiener Universitätsklinik (AKH) die grundlegenden Mechanismen bei der Entwicklung solcher Symptome dar.

Kasper: Man müsse sich - etwa am Beispiel des Regelkreises für Angst - vorstellen, dass zunächst alle Sinnesreize auf das Hirn auftreffen. Sie kommen zur Beurteilung im sogenannten Thalamus. Dort fällt eine wichtige Entscheidung: Wird der Reiz als unbedenklich eingestuft, so wird er in die Hirnrinde zur allgemeinen Speicherung weiter geleitet. Ist das nicht der Fall, erfolgt die Weiterverarbeitung in den benachbarten Mandelkörpern (Amygdalae). "Und in dieser Region bzw. im Hirnstamm und im Kleinhirn kommen dann jene Imbalancen an den Rezeptoren zum Tragen, die wir letztendlich behandeln", so der Experte. Dabei sei zu beachten, dass insbesondere Serotonin sehr umfassend wirksam sei, beeinflusse es doch eine Vielfalt von Bereichen wie: Entzündungs- und Immunreaktion, allgemeine Hirnleistung und Gedächtnis, Stimmung, motorische und neuroendokrine Nervenfunktion, Nervenwachstum, Herzrhythmus, Schmerz, Sexualfunktion und zirkadianer Biorhythmus.

Breites Anwendungsgebiet

Univ.-Prof. Dr. Peter Hofmann von der Universitätsklinik für Psychiatrie Graz: "Zur therapeutischen Anwendung kommen vor allem moderne Anti-Depressiva wie Paroxetin, Sertralin oder Venlafaxin, von denen die ersten beiden auf das serotonerge System und das dritte zusätzlich auf das noradrenerge System wirken." Zahlreiche Studien über diese Substanzen belegen ein breites Anwendungsgebiet, von den klassischen depressiven Krankheitsbildern bis zu Zwangs-, Angst- und Panikstörungen. Und: "Alle genannten Substanzen zeichnen sich durch gute Verträglichkeit aus."

Insbesondere im Fall von Angststörungen bestehe grundsätzlich die Möglichkeit, zu Beginn der Behandlung zusätzlich Anxiolytika einzusetzen, so Hofmann. Dabei handelt es sich vorwiegend um Präparate aus der Gruppe der Benzodiazepine. Der Grund: Es dauert meist mehrere Wochen - durchschnittlich zwischen zwei und vier -, ehe die Anti-Depressiva ihre Wirkung entfalten. Bis dahin können sich die Symptome kurzfristig sogar verstärken, weshalb die Benzodiazepine also eine Art "Brückenfunktion" haben.

Allerdings, so Hofmann, müsse dringend von einer längerfristigen Gabe dieser Anxiolytika abgeraten werden, da sie bei längerer Einnahme süchtig machen können - eine Problematik, die in Bezug auf die genannten Anti-Depressiva nicht bestehe. Dennoch, so der Grazer Experte, "haben viele Menschen zu Untrecht Angst, von der antidepressiven Medikation süchtig zu werden".

Und noch ein Punkt ist ihm, da für die Betroffenen nicht immer ersichtlich, sehr wichtig: "Man muss wissen, dass diese Substanzen auch dann zum Einsatz kommen, wenn die klassische Symptomatik einer Depression nicht im Vordergrund steht, sondern ganz andere klinische Beschwerden. Hintergrund ist auch hier die Wirksamkeit auf das serotonerge und noradrenerge Transmittersystem, dem die Beeinflussung der jeweiligen Rezeptoren zugrunde liegt."

Nebenwirkungen

Aber auch wenn sie Patienten nicht mehr, wie die früheren, zu "Zombies" machen - ganz frei von gewissen Nebenaspekten sind freilich auch die modernen Anti-Depressiva nicht, nämlich vor allem, wenn sie dauerhaft, also über Jahre eingenommen werden müssen.

Gewiss, wem´s schlecht geht, der wird sich nach einigen Wochen damit bedeutend besser (wenn auch nicht "verändert") fühlen und das um den anfänglich eventuellen, sehr geringen Preis von z. B. Appetitlosigkeit und Durchfall. Insofern stellen die genannten Medikamente wirklich einen Triumpf über Depression und Angst dar.

Doch just, wenn´s dem Menschen dann damit wieder gut geht und er sein Leben in vollen Zügen genießen will, setzen sie ihm auch Grenzen: Alkohol kann, wie andere Drogen- und Rauschmittel auch, in Kombination gefährliche Folgen haben und heftige Aggressionen (auch gegen sich selbst) auslösen. Und der wieder gewonnene Spaß am Essen kann zu mehr Gewicht führen.

Noch mehr beklagen viele - vor allem männliche - Betroffene die Einschränkung ihrer Libido oder vielmehr das gewisse "Ich will zwar gern, kann aber einfach nicht kommen", also Anorgasmus. Hier ist indes zu bedenken, dass sie auch andernfalls sexuelle Funktionsstörungen hätten - nämlich infolge Depression.