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Anna Gavalda: "Meine Figuren sind meine Droge"

Von Sonja Panthöfer

Reflexionen

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"Ein Esel ist besser als jedes Anti-Depressivum, er heilt alle Krankheiten dieser Welt", sagt Anna Gavalda, in deren neuem Roman es u.a. um Eselstouren geht.
© Foto: Le Dilettante

"Wiener Zeitung": Frau Gavalda, in Ihrem neuen Buch geht es unter anderem um Eselstouren in den französischen Cevennen, die seit einigen Jahren gerade bei Familien mit Kindern sehr beliebt sind. Haben Sie das selbst ausprobiert?Anna Gavalda: Ehrlich gesagt, nein, ich stelle es mir jedoch sehr lustig vor: all diese hippen Großstädter aus Paris, Berlin oder Wien, die zum Teil noch nie in ihrem Leben einen Esel gesehen haben und zudem häufig keinerlei Erfahrung im Umgang mit Tieren besitzen. Wenn man bedenkt, was für Charakterköpfe Esel sind, müssen sich bei diesen Touren sehr schöne Szenen abspielen.

Sie selbst besitzen sogar einen Esel namens Bourriquet. Hätte es nicht auch ein Hund oder eine Katze als Haustier getan?

Hören Sie, ich lebe auf einem Bauernhof, ich besitze also jede Menge Haustiere, darunter auch Hunde und Katzen, ebenso wie ein Lama, damit Bourriquet nicht so allein ist! Aber offenbar kennen Sie sich mit Eseln nicht aus, sonst würden Sie diese Frage nicht stellen.

Da haben Sie nicht ganz Unrecht. Aber verraten Sie mir doch bitte, was Sie an Ihrem Esel so schätzen.

Ein Esel bedeutet Entspannung pur! Bei Müdigkeit und Stress ist es allein schon sehr beruhigend, die sanftmütigen Augen dieses Tieres zu betrachten. Glauben Sie mir: Ein Esel ist besser als jedes Anti-Depressivum, er heilt alle Krankheiten dieser Welt.

Nun sind gerade Esel vieldeutige Tiere, denen philosophisch betrachtet noch immer das Klischee des eigensinnigen Stehenbleibers anhaftet. Gibt es in dieser Hinsicht Parallelen zwischen Ihnen und dem Esel?(lacht) Zwischen mir und dem Esel?! Nun, wenn Sie mich so fragen: Ein statisches Element verbindet uns durchaus. Denn ich würde mich selbst als ebenfalls sehr ruhig bezeichnen. Für mich hat diese Form des Stehenbleibens allerdings sehr positive Aspekte. Ich verbringe jedes Jahr die Sommermonate auf dem Land, in einer Region, die zu den am dünnsten besiedelten in ganz Frankreich zählt. Und in dieser Zeit reise ich auch nicht. Gelassenheit auszustrahlen ist meiner Ansicht nach das Beste, was man den Menschen in seiner Umgebung bieten kann. In dieser Hinsicht habe ich also durchaus eine eselähnliche Haltung. Auch für mich spielt sich das Leben sehr stark im Inneren ab. Kennen Sie das Buch "Stoner" von John Williams?

In Deutschland war dieses Buch, das von den kleinen und großen Niederlagen des Universitätsprofessors William Stoner erzählt, sogar ein Bestseller. Sie haben "Stoner" doch aus dem Englischen ins Französische übersetzt.

Ja, und dieses wundervolle Buch handelt letztlich von der Bedeutsamkeit des Innenlebens und dessen Überlegenheit über das äußere Leben.

Welche Rolle spielt der Zweifel in dieser für Sie so wichtigen Innenwelt? Denn das Zaudern ist ebenfalls ein Zug, den wir mit Eseln verbinden.

Oh, der Zweifel beansprucht leider Gottes sehr viel Platz in meinem Leben . . .

Leiden Sie darunter?

Ja und nein. Gerade zwischen zwei Büchern lastet die Erwartungshaltung meiner Leser auf mir, die endlich ein neues Buch von mir lesen wollen, und in diesen Momenten verspüre ich durchaus Angst vor dem Scheitern. Andererseits sind moderne, halbwegs kultivierte und aufgeklärte Menschen - so wie Sie und ich - in der Regel häufig voller Zweifel, und zwar ab dem Moment, in dem wir beginnen nachzudenken. Meiner Ansicht nach ist es genau dieser Zweifel, der die Menschen interessant macht. Die Menschen, die wir nicht mögen und nicht gern um uns herum haben, sind diejenigen, denen das Zweifeln fremd ist.

Sie sprechen von denjenigen, die sich gern im Recht fühlen?

Exakt! Ich unterscheide zwischen den Menschen, die auf die Welt kommen und glauben, bereits alles zu wissen, und denjenigen, die von Beginn an zweifeln. Zweifeln heißt nichts anderes als nachdenken.

Aber das vom Zweifel infizierte Denken gilt als Grübeln, und das ist heutzutage verpönt.

Ach, da bin ich wie ein Esel: Ich pfeife auf den Ruf des Zweifelns, des Grübelns und vor allem auf das, was die anderen davon halten könnten! Gerade in Zeiten der Globalisierung ist es in meinen Augen enorm wichtig, den Menschen Platz einzuräumen, die nicht wie alle anderen ticken.

Inwiefern gilt das für Sie selbst?

Nun ja, in mancher Hinsicht unterscheide ich mich schon sehr von den allermeisten Menschen in meiner Umgebung. Ich höre beispielsweise kaum Radio und habe zudem noch nie in meinem Leben einen Fernseher besessen. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum ich mit Menschen sehr schnell ins Gespräch komme - über sie selbst und das, was sie bewegt. Ich habe beispielsweise oft Gäste, mit denen ich gerne Zeit in meiner Küche verbringe. Wenn Sie so wollen, sind das meine ganz persönlichen TV-Serien, nur eben live und ganz real.

Intensiven Kontakt pflegen Sie auch zu Ihren Lesern. Schütten Ihnen diese Menschen tatsächlich gleich beim ersten Treffen ihr Herz aus?

Oh ja! Sie erzählen mir zum Teil sogar sehr private Dinge. Aber ich interessiere mich auch für sie: Ich frage sie, ob es ihnen gut geht, wie sie sich mit ihren Kindern verstehen, ob sie an Gott glauben oder Angst vor dem Tod haben. Wir tauschen uns also über Dinge aus, die zutiefst menschlich sind. Meine Bücher sind offenbar für viele Menschen Begleiter in schwierigen Lebensphasen. Daher betrachten sie mich als eine Art Freundin, selbst wenn sie mir das erste Mal begegnen.

Das klingt anstrengend.

"An einem bestimmten Punkt des Lebens musst du dich auf deinen eigenen Weg machen und damit auf die Suche nach dem begeben, was nur dich allein ausmacht. Ich glaube, das ist das, was wir als Seele bezeichnen. . .": Anna Gavalda im Gespräch mit "W. Z."-Mitarbeiterin Sonja Panthöfer.
© Foto: Andreas Wirthensohn

Ich habe erst kürzlich wieder eine große Lesereise beendet und empfinde diese Kontakte als sehr bereichernd und inspirierend. Zugleich bin ich danach tatsächlich sehr erschöpft. So komisch es klingen mag: Manchmal habe ich den Eindruck, als würde ich so eine Art "healing job" erfüllen, also eine Aufgabe, die gar nicht im Bereich der Literatur liegt. Aber wissen Sie, was mich immer wieder überrascht?

Nämlich?

Von meinen Büchern heißt es stets, sie handelten von der Gesellschaft, obwohl ich doch durch meinen Lebensstil bedingt recht isoliert lebe und von vielen gesellschaftlich relevanten Phänomenen keinerlei Ahnung habe.

Das verbindet Sie aber auch mit "allen Außenseitern", denen Sie Ihr neues Buch gewidmet haben. Die Protagonisten sind Billie, ein Mädchen aus der Unterschicht, das nicht gerade auf Rosen gebettet ist und sich so durchs Leben schlägt, und Franck, der schwul ist. Was verstehen Sie unter dem Begriff Außenseiter?

Darunter verstehe ich Menschen, die anders als der Großteil der Masse und außerhalb des Mainstreams leben. Außenseiter sind auch Menschen wie Sie und ich, die in der Lage sind, sich wirklich miteinander auszutauschen und die sich durch eine gewisse Sensibilität auszeichnen. Begegnungen mit solchen Menschen bereiten mir große Freude und sie inspirieren mich auch. Danach ziehe ich mich allerdings auch gerne wieder in mein Leben auf dem Bauernhof zurück, wo ich - offen gestanden - das Leben einer alten Dame führe.

Nun ja, wie eine ältere Dame wirken Sie nicht gerade. Was inspiriert Sie bei Ihrer Arbeit? Vielleicht Musik von Michael Jackson? Immerhin trägt Billie den gleichen Namen wie einer der großen Jackson-Hits.

Nein, Musik höre ich nie, wenn ich an meinem Computer sitze und arbeite. Denn das Einzige, was zählt, ist die Musikalität der Sprache. Meine Droge, mein Kokain sozusagen, sind meine Figuren, die zu mir sprechen. Wenn ich mit einem neuen Buch beginne, sind die Personen in mir bereits sehr lebendig, zum Teil schon seit mehreren Jahren. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht in Gedanken irgendeine Szene meiner Bücher schreibe.

Ihre Charaktere sprechen zu Ihnen?

Szene aus der Romanverfilmung "Zusammen ist man weniger allein" mit Audrey Tatou in der Hauptrolle.
© Foto: Etienne George/Corbis

Ich weiß, dass das komisch und vielleicht sogar ein wenig schizophren klingt. Aber ich kann es nicht anders erklären: Die Figuren meiner Bücher kommen zu mir, nicht ich zu ihnen. Das ist die Wahrheit, auch wenn ich manchmal damit nicht besonders glücklich bin.

Ein zentrales Merkmal Ihrer Bücher ist ein ausgeprägt mündlicher Sprachduktus, zum Teil, wie vor allem im neuen Buch, durchsetzt mit Argot und auch Anglizismen. Damit begehen Sie so ziemlich jedes Sakrileg, gerade als französische Schriftstellerin. Das findet sich nicht häufig in der Literatur. Was ist der Grund dafür?

Mein Stil ist mir schon häufiger vorgeworfen worden, aber nicht ich wähle den Stil des jeweiligen Buchs.

Sondern?

Ich verstehe mich nur als das Prisma, durch das sich die Personen ausdrücken. Ich bin nicht mehr als die Schreiberin, die notiert. Wenn die Figuren sich in mir bemerkbar machen, sind sie bereits lebendige Wesen, mit einer starken Persönlichkeit und einer eigenen Sprache. Nicht ich entscheide darüber, wie sie sprechen. Ich gebe zu, dass ich das gern ändern würde, aber es liegt nicht in meiner Macht. Billie ist in keiner Weise kultiviert, sie kann sich daher nur so ausdrücken, wie sie es tut. Dazu zählen eben Umgangssprache, Schimpfwörter und auch Anglizismen. Trotz alledem gelingt es Billie, sehr schöne Dinge über das Leben zu sagen.

Es zählt also die Haltung, die dahinter steht?

Was zählt, ist die Seele. Was zählt, ist, dass eine 15-Jährige zu einem älteren Jungen, der trotz allem mehr Glück im Leben hatte als sie selbst, Folgendes sagt: "Leb’ dein eigenes Leben." Es ist doch immerhin erstaunlich, dass ein Mädchen dieses Alters, das bis zu diesem Zeitpunkt nur Schläge bekommen hat, über eine solche innere Kraft verfügt.

Das eigene Leben leben - was verstehen Sie darunter?

Da sprechen Sie das zentrale Thema all meiner Bücher an. An einem bestimmten Punkt des Lebens musst du dich auf deinen eigenen Weg machen und damit auf die Suche nach dem begeben, was nur dich allein ausmacht. Ich glaube, das ist das, was wir als Seele bezeichnen. Mit Seele meine ich die Vorstellung, die wir von uns selbst haben, und die Beziehung jedes Einzelnen zu sich selbst. Die entscheidende Frage lautet: Bist du mit dir selbst befreundet, ja oder nein? Das Einzige, was mich interessiert, ist das Leben und was die Menschen daraus machen.

Was Ihr eigenes Leben angeht, sind Sie sehr erfolgreich, und Ihre Bücher dienen sogar als Lektüre im Französisch-Unterricht. Empfinden Sie das als Ehre?

Es fällt mir schwer, das zu beurteilen, und mit Begriffen wie Ehre tue ich mir schwer. Wissen Sie, ich bin in Frankreich bei einem kleinen Verlag mit dem schönen und bezeichnenden Namen "Le Diléttante". Per Definition ist der Dilettant jemand, der das macht, was ihm zusagt. Was danach geschieht, gute oder schlechte Kritiken, Erfolg oder Misserfolg, ist zweitrangig.

"Die Menschen, die wir nicht mögen und nicht gern um uns herum haben, sind diejenigen, denen das Zweifeln fremd ist." Anna Gavalda
© Foto: Sharifulin Valery/ITAR-TASS

Dann stelle ich die Frage anders: Hätten Sie als Lehrerin Ihre eigenen Bücher mit Schulklassen gelesen?

Um Gottes willen, nein! In meinen Büchern finden sich viel zu viele Schimpfwörter! Meinen zwölfjährigen Schülern habe ich häufig vorgelesen, aber aus richtig guten Büchern, wie etwa aus denen des britischen Schriftstellers Roald Dahl. Manche meiner Schüler erinnern sich noch immer daran, selbst 15 Jahre später.

Die Heldin Ihres neuen Romans flucht und schimpft, dass es eine wahre Freude ist. Hat sie das also nicht von Ihnen?

Ganz gewiss nicht. Ich hatte das Haus gerade erst voll mit mehreren Freundinnen meiner 16-jährigen Tochter. Alle Besucher kennen und respektieren die eiserne Regel im Hause Gavalda: Wir dürfen uns alles sagen, aber geflucht wird nicht! Ich sauge die verschiedenen Sprachstile von Menschen wie ein Schwamm auf: Ich habe daher ein sehr gut entwickeltes Gehör für authentische Dialoge und die Angemessenheit des Sprachklangs. Ich kenne also die Welt der Schimpfwörter bestens, Teil meiner eigenen Sprache sind sie jedoch nicht.

Sonja Panthöfer, geboren 1967, arbeitet als Journalistin, Coach und Lehrerin in München. Außerdem bietet sie das Podcast "sounds deutsch" an (www.sounds-deutsch.de). Dieser Service richtet sich an alle, die Deutsch lernen und sich für die deutsche Sprache interessieren.

Zur Person
Anna Gavalda, 1970 in Boulogne-Billancourt in der Nähe von Paris geboren, ist die wohl erfolgreichste Gegenwartsautorin Frankreichs. Ihre Bücher erreichen nicht nur in Frankreich Millionenauflagen und wurden in bisher fast 30 Sprachen übersetzt. Als 1999 ihr Erzählungsband "Ich wünsche mir, dass irgendwo jemand auf mich wartet" im Kleinverlag Le Dilettante erschien, wurde die Französischlehrerin mit einem Schlag berühmt. Die zweifache Mutter gab ihren Beruf auf und widmete sich fortan ganz dem Schreiben. Zwei ihrer Romane wurden verfilmt: "Zusammen ist man weniger allein" (mit Audrey Tautou in der Hauptrolle) und "Ich habe sie geliebt" (mit Daniel Auteuil). Anna Gavalda lebt in Paris und, wie so viele Franzosen, zwischendurch gerne auch auf dem Land. Dort ist auch ihr Esel namens Bourriquet zu Hause.
Ende Juli erschien bei Hanser ihr neuer Roman, der im Französischen einfach den Namen der Heldin trägt: "Billie". Im Deutschen hat man sich, wie schon des Öfteren bei Anna Gavalda, eine etwas eingängigere Formulierung einfallen lassen: "Nur wer fällt, lernt fliegen" (übersetzt von Ina Kronenberger). Zusammen mit dem recht süßlichen Umschlag könnte man eine romantische Liebes- und Lebensgeschichte à la française erwarten. Und an einem Happy End fehlt es tatsächlich nicht. Abgesehen davon überrascht uns Anna Gavalda aber mit einer Protagonistin, die sich einer mitunter derben Ausdrucksweise bedient. Und die auch sonst nicht auf der Sonnenseite des Lebens aufgewachsen ist und damit ebenso wie der schwule Frank zu den Außenseitern der Gesellschaft gehört. Nun liegen sie beide in einer Felsspalte in den Cevennen, er bewusstlos, sie verzweifelt, und in ihrer Hilflosigkeit erzählt sie einem Stern, den sie von dort unten sieht, ihre Geschichte: vom Aufwachsen in der Wohnwagensiedlung, von Gewalt, vom Anschaffengehen, aber auch davon, wie sie und Frank zu einem "Paar" wurden, das weiß: Zusammen ist man weniger allein. Und die Chance auf einen Neuanfang hat man immer.