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Anschlag auf Polizei in Dagestan

Von Ines Scholz

Politik

12 Tote und 32 Verletzten in Kisljar. | Putin: "Banditen am Werk". | Machatschkala/Moskau. (is) Während Moskau versucht, die Hintermänner der U-Bahn-Anschläge in Russlands Metropole auszumachen, die am Montag 39 Todesopfer forderten, sorgt erneut ein Doppel-Selbstmordattentat für Schlagzeilen. Schauplatz war diesmal Dagestan, das Ziel: Sicherheitskräfte. Zwölf Menschen starben, unter ihnen neun Polizeibeamte. | Tschetschenischer Rebellenführer bekennt sich zu Moskau-Anschlägen


Am Mittwochmorgen kurz vor neun Uhr zündete in Kisljar, einer Stadt im Nordosten der nordkaukasischen Teilrepublik, zunächst ein Selbstmordattentäter in einem geparkten Lada eine Bombe, als eine Polizeipatrouille vorbeifuhr. Die beiden Polizeibeamten, die sich in dem Auto befanden, starben.

Als 20 Minuten später Sicherheitskräfte und Ambulanzwagen am Tatort eintrafen, ging eine weitere Bombe hoch. Ein in Polizeiuniform gekleideter zweiter Selbstmordattentäter hatte sich in die Menge gemischt und einen an seinem Körper befestigten Sprengsatz gezündet. Unter den Opfern waren auch der Polizeichef der Stadt und der leitende Ermittler der Polizei. Mindestens 23 Personen wurden zum Teil schwer verletzt - auch viele Schaulustige, die nahe des Tatortes standen. Eine nahe gelegene Schule ist durch die Wucht der Explosion schwer beschädigt worden, wegen der Frühjahrsferien war sie jedoch leer.

Im Nordkaukasus gehören solche Anschläge zum politischen Alltag. Ausgeführt werden sie zumeist von islamistischen Rebellen, die für die Loslösung von Russland kämpfen. Oft sind es Racheaktionen für Anti-Terror-Einsätze und illegale Verhaftungen von Zivilisten. Allein in Dagestan forderten im Vorjahr bei 60 Bombenexplosionen 263 Todesopfer; unter ihnen der Innenminister der Republik. Von 17 Zivilpersonen ist belegt, dass sie von maskierten Staatsorganen entführt und an unbekannte Orte gebracht wurden - die Dunkelziffer liegt laut der NGO "Memorial" weit höher. Viele Familien hätten Angst, das Verschwinden ihrer Angehörigen zu melden, weil sie weitere Repressionen befürchten.

Zivilisten nicht im Visier

Im Dunkeln tappen indes auch die Ermittler in Moskau - zwar beschuldigte die Politik umgehend "Terroristen aus dem Nordkaukasus", hinter dem U-Bahn-Anschlag zu stehen, doch Beweise gibt es keine. Auch kein Bekennerschreiben.

Am Mittwoch wiesen die Rebellen erstmals öffentlich die Verantwortung für die Bluttat zurück. "Wir haben den Anschlag in Moskau nicht ausgeführt und wissen auch nicht, wer das getan hat", sagte ein Sprecher der Gruppe um den Tschetschenen Dokku Umarow, der Nachrichtenagentur Reuters. In Russland plane das "Kaukasus-Emirat" zwar Angriffe auf wirtschaftliche Ziele in Russland, nehme aber keine Zivilisten ins Visier. In einem im Internet aufgetauchten Rebellen-Video wird der russische Geheimdienst FSB als Drahtzieher verdächtigt. Der FSB hatte (nach bisherigem Erkenntnisstand) 1999 Anschläge auf Hochhäuser in Moskau, Wolgodonsk und Buinakskverübt und für diese anschließend Tschetschenen verantwortlich gemacht. Leiter des FSB war damals Putin, der die Terrorattentate mit 331 Todesopfern zum Anlass nahm, den zweiten Tschetschenien-Krieg zu beginnen und seine Popularität vor der Präsidentenwahl zu steigern. Gerichtlich wurde die Tat nie geklärt.

Putin hingegen glaubt, dass hinter dem jetzigen Doppelanschlag in Moskau und jenem in Kisljar dieselben Drahtzieher stecken: "Ich schließe nicht aus, dass hier die gleichen Banditen am Werk waren", sagte er bei einer Kabinettssitzung.