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Anthony McIntyre

Von Sigrun Saunderson

Reflexionen

Der nordirische Publizist Anthony McIntyre gehört zu den wenigen ehemaligen IRA-Aktivisten, die offen und selbstkritisch über ihre terroristische Vergangenheit sprechen.


Wiener Zeitung:Sie sind einer der wenigen Ex-IRA-Mitglieder, die offen über ihre Vergangenheit sprechen. Wie sind Sie überhaupt in die IRA gekommen?Anthony McIntyre: Als Kind und Jugendlicher wurde ich von protestantischen Burschen verprügelt, weil ich Katholik war. Weil sich die Protestanten mit dem britischen Staat identifizierten, während wir uns als Iren sahen, waren sie unsere Feinde. Das waren aber eher vage, inkohärente Gedankengänge. Mein primäres Motiv war wohl eine intensive Abneigung gegen das, was Polizei und britische Armee hier auf den Straßen taten.

Was taten sie genau?

Im Februar 1972 um 6 Uhr früh verhaftete mich die Polizei - ich war damals vierzehn Jahre alt. Sie steckten mich in einen Land Rover, einen anderen Burschen warfen sie auf mich drauf, und dann brachten sie uns beide auf die Polizeistation in Musgrave Street. Dort wurden wir verprügelt.

Waren Sie damals schon in IRA-Aktivitäten verwickelt?

Ich war in kleinere Aktionen der IRA-Jugendeinheit involviert. Ich habe an Straßenschlachten teilgenommen. Die IRA hatte dieses romantische Image. Wenn ein IRA-Mann erschossen wurde, gab es in unserem Viertel ein großes Begräbnis . Das imponierte uns jungen Burschen. Diese IRA-Helden waren wie wir, sie lebten in denselben Vierteln, dachten wie wir und unterstützten sogar dasselbe Fußballteam. Typen wie wir wurden also von Fremden verprügelt, die eine Uniform trugen. In unseren Augen hatten die kein Recht, hier zu sein und uns umzubringen.

Die Soldaten waren ja wohl nicht hier, um ständig Katholiken umzubringen, oder?

Es genügte, wenn wir im Fernsehen sahen, wie ein "Petrol Bomber" in Derry von britischen Soldaten erschossen wurde.

Aber wer eine Feuerbombe wirft, versucht doch zumindest Sachschaden anzurichten, wenn nicht sogar jemanden zu töten?

Klar. Aber damals haben wir nie die Schuld bei uns selbst gesucht. Die Polizisten waren für uns die Schuldigen. Punkt.

Sie sehen das heute wohl anders?

Natürlich. Die Welt ist nicht in Gut und Böse aufgeteilt. Aber mit vierzehn ist das Töten ein bisschen so wie in einem Western. Wenn du jemanden umbringst, dann ist das sogar etwas Gutes und du denkst nicht an die Folgen. Nach dem Motto "Töten ist etwas, was wir mit den anderen machen. Wir haben das Recht dazu. Nicht umgekehrt."

Was empfinden Sie, wenn Sie die jungen Burschen sehen, die heute Feuerbomben werfen?

Eine Art Bedauern. Ich wünsche ihnen, dass sie durchkommen, bis sie 20 sind. Bis dahin haben sie sich bestimmt wieder gefangen. Es wäre entsetzlich, wenn einer von ihnen fürs Leben gezeichnet oder gar erschossen würde. Sogar als ein 16-jähriger Loyalist sich selbst irrtümlich mit einer Rohrbombe in die Luft jagte, hat er mir sehr leid getan. Und seine Familie auch. Aber als ich 16 war, tat ich dasgleiche. Ich habe Bomben geworfen, ich habe geschossen.

Wären Sie auch klüger geworden, wenn Sie es bis 20 ohne Gefängnis geschafft hätten?

Nein, um ehrlich zu sein, glaube ich das nicht. Ich hatte eine besondere Entschlossenheit, die andere in meiner Altersgruppe nicht hatten. Die meisten meiner Freunde sind ja auch nicht der IRA beigetreten.

Was hat Sie zum Kampf gegen die Briten veranlasst?

Da gab es kein ausschlaggebendes Motiv. Schon als Teenager wächst du mit dem Gedanken auf, dass du zur IRA gehen wirst, sobald du alt genug dafür bist. Das ist keine intellektuelle Entscheidung. Als es dann so weit war, fand ich es großartig, auf britische Soldaten zu schießen und dieser Kameradschaft anzugehören. Aber ich lernte sehr schnell, dass die Kameradschaft innerhalb der IRA auch ein Schwindel sein konnte. Es gab zu viele Drückeberger.

Zum Beispiel?

Die älteren Männer in der Organisation waren leicht bereit, mich zu schicken, um Soldaten zu erschießen. Sie selbst blieben zu Hause. Ich war aber auch besonders eifrig. Es gefiel mir, dass die Alten das nicht machen wollten, denn so hatte ich mehr Gelegenheit, mich zu beweisen.

Erinnern Sie sich an Ihren ersten Auftrag im Namen der IRA?

Ich erinnere mich daran, auf britische Soldaten geschossen zu haben. Ich erinnere mich an die Entführung von Loyalisten und an bewaffnete Raubüberfälle. Ich bin nicht sicher, was das Erste war. Vielleicht auf die Soldaten zu schießen, die in den Straßen patroullierten.

Wie fühlten Sie sich dabei? Waren Sie der Ansicht, das Richtige zu tun?

Ich hatte nur das Gefühl, etwas falsch zu machen, wenn ich nicht traf. Ich wuchs in einer Gemeinschaft auf, die vielleicht die Gewalttaten der IRA nicht immer guthieß. Aber niemand hat dich als Kriminellen angesehen, wenn du einen britischen Soldaten erschossen hast.

Aber wenn Sie jemanden aus Ihrer eigenen Gemeinschaft ermordet hätten?

Das wäre etwas anderes gewesen. Hättest du den Liebhaber deiner Frau erschossen, wäre das natürlich Mord gewesen. Aber einen britischen Soldaten - das war ein Kriegsakt, ausgeführt von heroischen Individuen.

Sie kamen 1976 ins Gefängnis.

Ja, wegen Mordes an einem Loyalisten. Ich war damals 18.

Wie erträgt man die Schuld am Tod eines Menschen?

Als ich die ersten Nachrichten über diese Operation erfuhr, war ich schon in Haft. Ich hörte, es hätte einen Toten gegeben, und ich dachte nur: "Oh, ich hätte mehr als einen erwischen sollen". Gewiss kam es mir unmoralisch vor, mehrere Tote zu wünschen, damit die Operation mehr Erfolg hatte. Also versuchte ich diesen Wunsch zu unterdrücken. Aber sehr viel habe ich nicht darüber nachgedacht. Während des Gerichtsprozesses, ein Jahr später, sah ich den Vater des Opfers im Gerichtssaal. Er sah arm und schäbig aus. Ich meine, er war sauber angezogen und trug eine Krawatte, aber man sah gleich, dass er aus ärmlichen Verhältnissen kam. Genau wie wir. Da erst kam mir der furchtbare Gedanke: "Was haben wir bloß getan?"

Hat dieser Moment etwas in Ihnen verändert?

Nein. Ich behielt dieses Gefühl zwar immer in Erinnerung, aber ich wusste, dass meine Freunde mich niemals verstehen würden, also habe ich nie mit ihnen darüber gesprochen. Wir sollten ja stolz sein, wenn wir ein Mitglied der UVF umgebracht hatten.

Wie denken Sie heute darüber?

Seit ich selbst Vater bin, weiß ich, dass es das Schlimmste ist, wenn man einem Menschen die Kinder nimmt. Wir fügten diesem Vater einen entsetzlichen Schmerz zu. Und unseren anderen Opfern und deren Familien auch.

Während Ihrer Jahre im Gefängnis nahmen Sie am "Blanket-Protest" teil. Was war das Ziel dieses Protests?

Inhaftierte IRA-Mitglieder verlangten, als politische Gefangene behandelt zu werden. Die Briten wollten das nicht anerkennen. Sie sagten, wir wären Kriminelle.

Aber Sie haben ja auch tatsächlich Menschen getötet.

Wir sahen uns nicht als Kriminelle, sondern als Soldaten in einem Befreiungskrieg.

War das Rechtfertigung genug für einen Mord?

Heute glaube ich nicht mehr, dass man Mord oder Gewalt rechtfertigen kann. Ich würde den Mord an einem Polizisten nicht gutheißen. Ich rechtfertige Mord nicht mehr. Aber ich weiß auch, dass es manchmal unvermeidlich ist, zu töten.

Aber das Recht auf Leben ist doch ein grundlegendes Menschenrecht!

Das Recht, nicht umgebracht zu werden, ist kein absolutes Menschenrecht, wie es zum Beispiel das Recht ist, nicht gefoltert, versklavt oder vergewaltigt zu werden. Es exisiert nirgendwo ein Gesetz, das unter bestimmten Umständen eine Vergewaltigung oder Folter erlauben würde. Aber jedes Land definiert bestimmte Umstände, unter denen das Töten gerechtfertigt oder sogar erwünscht ist. Zum Beispiel im Fall der Selbstverteidigung oder der Todesstrafe, und natürlich im Krieg. Das Recht auf Leben ist nicht so unantastbar, wie wir gerne glauben.

Würden Sie den Kampf der IRA mit den jüngeren Terrorakten in New York und London vergleichen?

Das kann man nicht vergleichen. Die IRA hatte verhandelbare Ziele. Al Kaida attackiert ein Wertesystem. Die IRA wollte niemandem den Katholizismus aufzwingen. Wir versuchten nur das Fleckchen Erde zu befreien, von dem wir glaubten, es gehöre uns.

Hat es denn damals keine Alternative zur Gewalt gegeben?

Leute, die Gewalt anwenden wollen, glauben immer, dass es keine Alternative gibt. Dabei dachten wir nur nicht genügend über Alternativen nach. Wir wollten nicht darüber nachdenken. Wir behaupteten, der bewaffnete Kampf sei ein strategisches Muss, und nannten das Ganze einen nationalen Befreiungskrieg.

Es hätte also Alternativen gegeben, wenn nur jemand darüber nachgedacht hätte?

Dass der bewaffnete Kampf der falsche Weg war, ist heute durch die Tatsache bewiesen, dass er keinen Erfolg brachte. Ein Teil der irischen Insel ist immer noch britisch. Es hätte also eine Alternative gegeben. Es gibt auch genug Alternativen zur gegenwärtigen Politik von Sinn Fein.

Sie stimmen also nicht mit Sinn Fein überein?

Sinn Fein hat ihre radikale Seele verloren. Die Republikaner haben den Krieg verloren und wollen jetzt an die Macht. Sie verwenden die Energie, die in der republikanischen Organisation steckte, um selbst an die Macht zu kommen. Wie schon George Orwell sagte: "In neun von zehn Fällen sind Revolutionäre nur soziale Aufsteiger mit Bomben."

Würden Sie sich selbst im Gegensatz zu Sinn Fein als einen wahren Republikaner bezeichnen?

Nein, das wäre zu puristisch, zu absolut, nahezu religiös. Ich lehne Religion ab. Ich nenne mich lieber einen Republikaner, der die Ereignisse so beschreibt, wie er sie sieht. Das heißt aber auch, dass ich manchmal sogar für manche Unionisten glaubwürdig bin.

Sie sagen also die Wahrheit, egal, wen sie trifft?

Ich versuche, Ereignisse zu beschreiben, wie ich sie sehe, während mir bewusst ist, dass es keine absolute Wahrheit gibt. Wahrheit ist die Summe aus einer Vielzahl einzelner Sichtweisen, die alle öffentlich diskutiert werden sollten. Denn sobald eine davon dominiert, kann sie die anderen völlig zum Verschwinden bringen. Wir arbeiten gegen jede Unterdrückung nicht-dominanter Sichtweisen.

Und Sie lassen sich nicht den Mund verbieten?

Genau. Wir rufen "Der König hat keine Kleider", aber wir fordern nicht seinen Kopf.

Das muss doch eine Bedrohung für gewisse Leute sein?

Natürlich. Am 17. Oktober 2000 hatten wir das gesamte Oberkommando der IRA an unserem Küchentisch sitzen. Sie wollten meine Frau und mich einschüchtern, weil ich in einem Zeitungsartikel behauptet hatte, die "Provisional IRA" hätte einen Mann der "Real IRA" ermordet. Sie stellten Banden vor unserem Haus auf, die tagelang in mehreren Schichten Mahnwache hielten, nur damit wir den Artikel zurückziehen.

Wie ernsthaft war diese Drohung?

Die Leute von Sinn Fein sind sehr gewieft. Sie wissen, dass sie politisch dafür bezahlen müssten, wenn sie mich ermorden ließen. Sie hätten eine äußerst schlechte Publicity. Das wusste ich. Aber die Atmosphäre wirkte trotzdem sehr bedrohlich auf uns.

Hat die katholische Bevölkerung generell Angst davor, etwas gegen Sinn Fein zu sagen?

Ja, aber nicht unbedingt Angst vor einem körperlichen Angriff - eher vor gesellschaftlicher Isolation. Die Macht, jemanden auszuschließen, zu ächten, ihm Wege zu bezahlter Arbeit zu verbauen - all das ist in unseren Bezirken ein Druckmittel.

Sehen Sie sich als Sprachrohr für jene, die sich unterdrücken lassen?

Ich versuche nicht, für alle Republikaner zu sprechen. Es ist mir nämlich egal, was die anderen denken. Mir wäre es lieber, wenn die Leute nicht zu mir kämen und sagten "Toll! Du sagst genau, was wir alle denken." Sie glauben zwar, sie machen mir eine Freude damit, aber eigentlich ärgern sie mich nur. Sie sollen selbst sagen, was sie denken. Ich tue es ja auch und lebe noch.

Sie setzen sich heute vor allem für die Redefreiheit ein. Ein Mittel dazu ist Ihre Internet-Zeitung "The Blanket". Was wollen Sie damit erreichen?

Die Zeitung selbst ist das Ziel. Wir haben kein strategisches Ziel außer dem, ein Medium zu sein, in dem jeder schreiben darf, was er denkt. Ohne Zensur.

Erreichen Sie denn auch die Öffentlichkeit damit?

Und wie! Als wir vor fünf Jahren anfingen, hatten wir nur 75 Aufrufe am Tag. Heute sind wir bei 15.000 täglich gelandet. "The Blanket" wird in der ganzen Welt von sehr unterschiedlichen Leuten gelesen.

Wenn Sie Ihr Leben noch einmal leben könnten . . .

Leute, die durchs Leben kommen, ohne jemanden zu töten, sind wohl bessere Menschen als jene, die einen Mord begangen haben. Also, wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, würde ich es, glaube ich, vorziehen, niemanden zu töten.

Zur Person

Anthony McIntyre war bereits als Jugendlicher aktives Mitglied der IRA und wurde im Alter von 18 Jahren wegen Mordes an einem protestantischen "Loyalisten" zu lebenslanger Haft verurteilt. Im Gefängnis studierte er Sozialwissenschaften und promovierte mit einer Arbeit über die Geschichte der IRA und Sinn Fein zum Doktor der Philosophie.

Seit seiner Begnadigung und Entlassung lebt er mit seiner Frau und zwei Kindern in West-Belfast. Er schreibt Bücher und Zeitungsartikel zur Politik Nordirlands und setzt sich als Mitglied der britischen Journalistengewerkschaft und deren Ethikrat vor allem für die Redefreiheit ein. McIntyre ist Herausgeber der Internetzeitung "The Blanket": http://lark.phoblacht.net

Der einstmals überzeugte IRA-Aktivist Anthony McIntyre gilt heute als einer der wortgewaltigsten Gegner von Sinn Fein, dem "politischen Arm der IRA".

Einige Worterklärungen zum Interview:IRA - Irish Republican Army, Terrororganisation der katholischen Republikaner.

Loyalisten - protestantische Extremisten

Petrol Bomber - Meist junge Burschen, die während Straßenschlachten Feuerbomben werfen.

Republikaner - Katholiken, die sich eine Vereinigung mit der Republik Irland wünschen.

Sinn Fein - derzeit zweitstärkste politische Partei Nordirlands. Sie versucht, die Ziele der IRA, vornehmlich ein vereintes Irland, mit friedlichen Mitteln zu erreichen. Enge Verbindungen mit der IRA legen jedoch die Vermutung nahe, dass der Unterschied zwischen Terrororganisation und Partei nicht so groß ist, wie Sinn Fein glauben machen will.

Unionisten - gemäßigte Protestanten, die mit friedlichen Mitteln die Union mit Großbritannien aufrecht erhalten wollen.

UVF - Ulster Volunteer Force, eine der pro-britischen Terrororganisationen.