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Anti-Mafia-General vor 20 Jahren in Palermo ermordet

Von Rainer Mayerhofer

Politik

Rom - Italien gedenkt heute, Dienstag, des Todes von General Carlo Alberto Dalla Chiesa, der vor 20 Jahren, am Abend des 3. September 1982, in Palermo auf offener Straße von einem bewaffneten Kommando ermordet wurde. Bei dem Mordanschlag auf den Oberpräfekten kamen auch seine junge Ehefrau, Emanuela Setti Carraro, und der Leibwächter Domenico Russo ums Leben. Dalla Chiesa war das erste Opfer einer Reihe von prominenten Polizisten, Richtern und Staatsanwälten, die innerhalb eines Jahrzehnts nach Sizilien entsandt worden waren, um der Mafia das Handwerk zu legen.


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Dalla Chiesa hatte unmittelbar nach seiner Ankunft in Palermo im Frühjahr 1982 die komplexen Beziehungen von Politik und Mafia durchleuchtet. Er hatte vor allem über die Vergabe öffentlicher Bauvorhaben auf Sizilien, um die Auseinandersetzungen zwischen den Mafia-Familien und den Drogenhandel der Mafia-Clans ermittelt.

Heftige Kämpfe zwischen den verschiedenen miteinander verfeindeten Mafia-Familien, die um ihre Einflußbereiche kämpften, hatten im Sommer dieses Jahres dazu geführt, dass fast täglich blutige Anschläge verübt wurden. Kurz vor seinem Tod hatte Dalla Chiesa darüber geklagt, dass er bei seinen Bemühungen von der Regierung in Rom nicht ausreichend unterstützt werde. Italienischer Regierungschef war damals der Christdemokrat Giulio Andreotti, dem man immer wieder nachsagte, dass er beste Verbindungen zu sizilianischen Parteifreunden pflege, die im Mafia-Verdacht standen. In den späten Neunzigerjahren war Andreotti deshalb auch angeklagt, jedoch im Revisionsverfahren freigesprochen worden.

Der Sohn des Ermordeten, Nando Dalla Chiesa, klagte in einem vielbeachteten Buch, das in Italien lange Zeit für Furore sorgte, Spitzenpolitiker, unter ihnen Andreotti an, seinen Vater der Mafia auf dem Präsentierteller ausgeliefert zu haben.

Der Mord an Dalla Chiesa zählt zu den gewalttätigsten Attacken der Mafia gegen den italienischen Staat. Der abtrünnige Mafia-Boss Tommaso Buscetta, der Mitte der Achtzigerjahre durch seine Aussagen mitgeholfen hatte, Jahrzehnte von Mafia-Verbrechen aufzuklären, hatte öfter betont, dass der Mord an Dalla Chiesa von Rom aus bestellt worden sei. Der Anschlag auf den Carabinieri-General sei politisch beauftragt gewesen, um seine brisanten Untersuchungen zu stoppen.

Nach dem Tod des Generals rüstete Italien gegen die Mafia auf. Nachdem die aus Rom zum Begräbnis angereisten Politiker von der Bevölkerung Palermos mit Schmährufen und einem Münzenregen bedacht worden waren, verabschiedete das Parlament in Rom innerhalb weniger Tage das erste Gesetz gegen das organisierte Verbrechen, in dem wörtlich von der "Mafia" die Rede ist. Zur Bekämpfung der "Paten" durfte das Bankgeheimnis verletzt und die Vermögen Verdächtiger konfisziert werden. Als Reaktion auf die Ermordung Dalla Chiesas wurde außerdem bei der Staatsanwaltschaft von Palermo die legendäre "Anti-Mafia-Gruppe" gegründet, der die im Sommer 1992 ermordeten Mafiajäger Giovanni Falcone und Paolo Borsellino ihren Stempel aufdrückten.

In einem aufsehenerregenden Prozess wurden am 13. Dezember 1987 insgesamt 342 Verurteilungen gegen Mafia-Mitglieder ausgesprochen. Der flüchtige mutmaßliche Auftraggeber des Mordes an Dalla Chiesa, Nitto Santopaola, wurde zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.

Später wurde die Frage nach der Verantwortung für den Mord an dem Oberpräfekten von Palermo erneut aufgeworfen. Zwei prominente Mafia-Bosse, Antonino Madonia und Vincenzo Galatolo, wurden im vergangenen März in Palermo wegen des Anschlags auf Dalla Chiesa zu lebenslanger Haft verurteilt.

In Palermo sind mehrere Gedenkfeiern zu Ehren Dalla Chiesas geplant, an denen hochrangige Politiker wie der italienische Innenminister Beppe Pisanu teilnehmen wird. "Dalla Chiesas Opfer hat uns den Mut gegeben, gegen die Mafia mit neuem Mut zu kämpfen", sagte der Erzbischof von Palermo, Kardinal Salvatore Pappalardo, der zu den Freunden des Generals zählte und mit der Exkommunikation von Mafia-Angehörigen einen wichtigen Schritt im katholisch dominierten Sizilien gesetzt hatte.