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"Antiamerikanismus hält Europäer zusammen"

Von Alexander U. Mathé

Politik

Expertenrunde zu Ablehnung der USA. | Wien. Antiamerikanismus ist weltweit im Vormarsch. Die Wurzeln der Abneigung gegenüber den USA untersuchte dieser Tage eine Expertengruppe bei einer Konferenz in Wien. Diese kam dabei zu teils überraschenden Ergebnissen.


"Antiamerikanismus ist der Kitt, der die Europäer zusammenhält", sagte Peter Ulram Meinungsforscher und Politikwissenschafter an der Universität Wien. Seiner Meinung nach hilft die Polemik gegen die USA über den Mangel an gemeinsamen Themen in Europa hinweg. "Treffen ein Grieche und ein Finne aufeinander, so ist es unwahrscheinlich, dass sie Literatur und Politik ihres Gegenübers kennen und sich darüber unterhalten." Dafür könnten sie aber geradezu selbstverständlich über die USA schimpfen. Denn fast in ganz Europa sind Menschen, die eine gute Meinung von Amerika haben, in der Minderheit.

Selbst beim großen US-Verbündeten Großbritannien sind nur 56 Prozent der Bevölkerung den USA gegenüber positiv eingestellt. Das zeigt eine Analyse des Pew Research Center (PRC) in Washington.

"Man hasst uns, weil man unsere Werte hasst", erklärte einmal US-Präsident George W. Bush. Dem widersprach Bruce Stokes vom PRC. Schließlich würden weltweit Demokratie, und Marktwirtschaft geschätzt. Der Hass gelte der US-Politik - dem Irak-Krieg. Dennoch zeigen Analysen, dass die Abneigung gegenüber den USA an sich weltweit stetig zunimmt.

Traditionelle Abneigung

Besonders ausgeprägt ist der Antiamerikanismus in der moslemischen Welt. Nur 12 Prozent der Türken schätzen die USA. In Jordanien sind es gerade einmal 15 Prozent. In Nigeria hingegen, wo 60 Prozent Muslime und 40 Prozent Christen leben, haben 62 Prozent der Bevölkerung eine gute Meinung von den USA.

In Europa ist laut Ulram der böse Blick über den Atlantik teilweise historisch bedingt. Denn Antiamerikanismus hat Tradition: Ob es sich nun um den im 18. Jahrhundert lebenden französischen Grafen von Buffon handelt, der Amerikanern eine menschliche Reife von Kindern attestierte, oder um Deutsche und Österreicher, die die Niederlage in den beiden Weltkriegen nicht verkraftet haben.

Zudem sind die USA seit dem Zerfall des kommunistischen Blocks als Schutzmacht vor einer unmittelbaren Bedrohung nicht mehr so gefragt. Im Gegenteil: Einer der Hauptantriebe des Anti-Amerikanismus ist der Wunsch, eine ausgeglichenere Welt zu haben und die USA als einzige Supermacht abzusägen.

Wirtschaftlich hat sich das nicht niedergeschlagen: Multinationalen US-Firmen wie MacDonalds und Coca Cola geht es gut wie eh und je. Dafür müssen Politiker wegen der Anti-US-Stimmung in ihrem Land aufpassen, wie nah sie sich den Amerikanern zeigen. Gerade hier dürfte in Europa Mut und Handeln gefragt sein. Denn den Amerikanern scheint allmählich die Geduld zu reißen, was sich wiederum in einem wachsender Anti-Europäismus in den USA äußert.