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Antisemitischer Eklat in Spandau

Von Franz Nickel/Berlin

Politik

Berlin - Die zahlreichen Gedenkveranstaltungen in Berlin anlässlich der Pogromnacht vom 9. November 1938, in der Synagogen angezündet, jüdische Geschäfte und Wohnungen verwüstet, Berliner jüdischen Glaubens verhaftet, verschleppt und ermordet wurden, sind vorüber. Heuer waren sie geprägt von einem Ereignis in Berlin-Spandau, wo latenter bürgerlicher Antisemitismus offen zum Ausbruch gekommen ist.


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Nach 17-jähriger kontroverser Debatte war hier ein Bezirksamtsbeschluss umgesetzt worden, die bisherige Kinkelstrasse wieder in Jüdenstrasse zürückzubenennen, wie sie vier Jahrhunderte lang geheißen hatte - bis 1938, als die braunen Machthaber ihr den Namen des Kunsthistorikers Gottfried Kinkel gaben, eines aktiven Teilnehmers der Revolution von 1848, der in Spandau eingekerkert war. Hitler selbst hatte am 15. März 1938 auf dem Wiener Heldenplatz die Erinnerung an die deutschen Nationalrevolutionäre und die Märzgefallenen beschworen, als deren "Vollender" er sich fühlte.

Zum Festakt der Umbenennung war als Gastredner Alexander Brenner, der Vorsitzende der Berliner jüdischen Gemeinde, eingeladen worden. Zirka 40 Leute, meist Anwohner, waren erschienen. Etwa 25 Polizisten sicherten die Veranstaltung. Da geschah das Ungeheuerliche: Brenner wurde von Buh-Rufen, Pfiffen und Zwischenrufen wie "Juden raus", "Sie sind gottlos", "Ihr Juden seid an allem Schuld" und "Ihr habt Jesus gekreuzigt" unterbrochen. Erschreckt, entsetzt und traurig brach er seine Rede ab.

Seitdem schlagen die Wellen hoch. Schadensbegrenzung ist angesagt. Parlamentspräsident Walter Momper (SPD) spricht von "Schande", Bischof Huber von "offenen Antisemitismus", der Präsident des Zentralrates der Juden, Paul Spiegel, ist "entsetzt und irritiert", FDP-Fraktionschef Bannasch, der ebenfalls als Redner vorgesehen war, nannte den Eklat "ungeheuerlich". "Das waren nicht die Kahlköpfe wie sonst, das waren Leute die der bürgerlichen Mittelschicht zuzuordnen sind". Die Berliner Justizsenatorin Karin Schubert versicherte am Wochenende, der Senat nehme die Vorgänge sehr ernst und werde sie aufklären. Staatsschutz und Senatsinnnverwaltung ermitteln.

Nicht überrascht ist der Leiter des Zentrums für Antisemitismus-Forschung an der TU Berlin: "Wir sind an einem Punkt angekommen, wo es kaum noch Hemmschwellen gibt. Solcher offener Antisemitismus ist neu und außerordentlich beunruhigend. Der latente Antisemitismus schlägt um in einen manifestierten Antisemitismus". Eine aktuelle Langzeitstudie von Bielefelder Wissenschaftlern zeigt, dass von 3.000 Befragten fast 22 Prozent einen angeblich großen Einfluss von Juden in Deutschland monieren und antisemitische Gefühle weit verbreitet sind. Die Landesarbeitsgemeinschaft Antifaschismus/Antirassismus in Weimar verwies am Wochenende auf die Tatsache, dass nach der deutschen Vereinigung der Antisemitismus verstärkt aufgebrochen ist und seitdem mehr jüdische Friedhöfe verwüstet wurden als zwischen den Jahren 1914 und 1933.