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Antisemitismus gleich Islamhass?

Von Stefan Beig

Politik

Juden wie Muslime sehen Parallelen, bleiben aber bei Vergleichen vorsichtig.


Wien. Moschee-Debatten, Thilo Sarrazin, antiislamische Postings. Zum dritten Mal widmet sich das vom Wiener Politikwissenschafter Farid Hafez herausgegebene "Jahrbuch für Islamophobieforschung" verschiedenen Facetten von Islamfeindlichkeit, diesmal aber mit besonderem Schwerpunkt: "Unerwarteterweise haben die meisten Artikel das Verhältnis von Islamophobie und Antisemitismus unabhängig voneinander angesprochen", betont Hafez.

Allein schon aus historischen Gründen müsse die Islamophobie-Debatte in Deutschland und Österreich auf den Antisemitismus eingehen, fordert darin etwa die Politikwissenschafterin Jana Kübel. Beides seien ausgrenzende Ideologien um ein eigenes Kollektiv zu schaffen. Den konstruierten Feinbildern werde dabei immer "ein anderes Verständnis von Moral und ein anderes Wertesystem" zugeschrieben, hält Kübel fest. Geschichtlich sei der Antisemitismus mehr von oben herab - durch Institutionen - propagiert worden, Islamophobie sei dagegen von unten gewachsen.

Wie islamophobe Bewegungen rechtsgerichtete Akteure aus Israel zu ihren Veranstaltungen einladen, beschäftigt wiederum den Wiener Soziologen John Bunzl in seinem Beitrag. Solche Gruppen wollten damit suggerieren: Wir sind nicht antisemitisch, obwohl unter den Teilnehmern auch Personen aus rechtsnationalen Kreisen seien, die antijüdische Sprüche von sich geben.

Bei mehreren Mitautoren stößt die Bezeichnung "christlich-jüdisches Europa" auf Kritik: Sie diene zur Ausgrenzung von Muslimen und blende die zahlreichen Judenverfolgungen in Europa aus.

Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" nennt Hafez weitere Parallelen zwischen Antisemitismus und Islamophobie: "Groß-Wien darf nicht Groß-Jerusalem werden" lautete ein Slogan des Wiener Bürgermeisters Karl Lueger. 2005 plakatierte die FPÖ: "Wien darf nicht Istanbul werden". Auch Weltverschwörungstheorien gebe es in beiden Fällen: "Einmal ist es das Weltjudentum, das andere Mal die islamische Ummah, die beide geheime Pläne haben, um die Welt zu erobern."

"Alle Rassisten aus dem selben Holz geschnitzt"

Wie denken jüdische Persönlichkeiten darüber? "Antisemitismus und Islamfeindschaft haben strukturelle Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede", räumt Raimund Fastenbauer, Generalsekretär der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien, ein. Beide Male gehe es um "gesellschaftliche Vorurteile gegenüber dem Fremden aus Sicht der Mehrheitsgesellschaft." Gerade in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit oder politischer Unfreiheit würde die Aggression auf einen Außenfeind gelenkt.

"Jene, die sich gegen Muslime, Juden, Ausländer und Minderheiten richten, sind aus dem immer selben Holz geschnitzt", meint auch Peter Menasse, Buchautor und Chefredakteur der jüdischen Zeitschrift "Nu". Sie suchten Schuldige für ihre teils imaginierten Probleme oder würden Abweichungen von ihrem engen Weltbild nicht ertragen. Einen Vergleich zwischen verschiedenen Formen der Diskriminierung möchte Menasse aber nicht ziehen. "Jede Feindschaft gegenüber einer Minderheit rüttelt an den Standfesten der Demokratie."

Einige Mechanismen des Antisemitismus findet auch Ilja Sichrovsky von der jungen jüdischen Community Wiens im heutigen antimuslimischen Rassismus vor. "Die muslimische Herkunft reicht zum Beispiel aus, um alle negativen Zuschreibungen zu rechtfertigen, als seien sie vererbt", betont Sichrovsky, der auch Gründer und Generalsekretär der Muslim Jewish Conference ist, die sich um Verbesserung des jüdisch-islamischen Verhältnisses bemüht. Von religiöser Andersartigkeit würde man "angebliche typische, unveränderliche, vererbbare muslimische Eigenheiten ableiten". Das schlage sich auch in islamfeindlichen Wahlplakaten, Gesetzen, die sichtbare Zeichen des Islam in der Öffentlichkeit verbieten und einer negativen medialen Darstellung nieder.

Der Begriff Islamophobie stößt teils auf Kritik

Für problematisch hält Raimund Fastenbauer aber die "leichtfertige Verwendung des englischen Begriffs Islamophobia anstelle von Islamfeindlichkeit: Er erlaubt keine klare Unterscheidung zwischen notweniger aufklärerischer Kritik und fremdenfeindlichen Vorurteilen." Dieser Frage stellten sich auch die Autoren des Jahrbuches kaum. Zuweilen würden Islam-Vertreter mit diesem Begriff auch jegliche Religionskritik am Islam unterbinden, auch wenn sie islamischen Antisemitismus oder Vorschriften, die den Menschenrechten widersprechen, betreffe. Anders als beim Christentum bestehe zurzeit "kaum Bereitschaft auf islamischer Seite, sich mit antijüdischer Polemik in den eigenen heiligen Schriften auseinanderzusetzen".

"Kritik an fragwürdigen islamischen Organisationen ist nicht islamophob", hält Hafez fest. Deshalb sei sie auch nicht Thema seines Buchs. Gleiches gelte generell für Religionskritik. Es sei auch ein Unterschied, ob das Kopftuch, wie in Berlin, gemeinsam mit allen religiösen Symbolen aus der Schule verbannt wird - aus Gründen weltanschaulicher Neutralität - oder ob es in anderen deutschen Bundesländern als einziges religiöses Symbol verboten wird. Nur im zweiten Fall liege eine Ungleichbehandlung vor, "auch wenn ich mit dem Resultat in beiden Fällen nicht zufrieden bin".

Auf eines weisen Fastenbauer, Sichrovsky, wie Menasse hin: Das Ausmaß, das der Antisemitismus in der Geschichte angenommen hat, unterscheidet sich völlig vom gegenwärtigen Islamhass. "Antisemitismus bleibt ein einzigartiges Phänomen. Pauschal ist der Vergleich daher nicht legitim", sagt etwa Sichrovsky. Das sieht auch der islamische Religionspädagoge Moussa Al-Hassan Diaw von der Uni Osnabrück so: "Der Holocaust, wie seine Umstände, waren ein singuläres Ereignis." Gleiches gelte für Pogrome und systematische Diskriminierungen jüdischer Minderheiten. Doch es habe sehr wohl auch ethnische Säuberungen an Muslimen gegeben. Ebenso seien im Kolonialismus die Kolonialisierten als unveränderbar zweitklassige Menschen dargestellt wurden. Diaw gehörte 2012 ebenfalls zum Team der Muslim Jewish Conference.

"Einen Holocaust gab es in der Islamophobie nicht"

"Vergleich und Gleichsetzung sind nicht dasselbe", meint Hafez dazu. "Gleichsetzung ist etwas Politisches, nicht etwas Wissenschaftliches, etwa indem man erklärt: Der Muslim ist der neue Jude. Mit solchen Gleichsetzungen habe ich Bauchschmerzen." Und: "Der Holocaust ist das Endstadium des Antisemitismus. So etwas gibt es bei der Islamophobie nicht." Er bediene sich nur des Vergleichs, einer gängigen Methode der Wissenschaft, und hier hält Hafez fest: "Islamophobie und Antisemitismus haben teils ähnliche Ausdrucksformen und Systematiken." Naheliegend sei der Vergleich auch, weil die Antisemitismus-Forschung im deutschsprachigen Raum weit fortgeschritten ist.

Wichtig ist für Hafez vor allem eins: "Bei der Islamophobie geht es in Wirklichkeit um uns und wie wir uns sehen. Es geht nicht um die Muslime selbst, sondern wie die Mehrheit mit einer Minderheit umgeht."