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"Antisemitismus ist europäisch"

Von Michael Schmölzer

Politik
"Regionale Mächte müssen sich einigen und Gewalt in Syrien stoppen": Ekmeleddin Ihsanoglu.
© Jenis

Generalsekretär der Organisation für Islamische Zusammenarbeit über Zionismus, Extremisten und Toleranz


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"Wiener Zeitung":Das King Abdullah Zentrum für interreligiösen Dialog in Wien ist eröffnet. Welche Hoffnungen verbinden Sie als Moslem mit dem Projekt?Ekmeleddin Ihsanoglu: Ich war gerade bei einem Meeting zwischen dem türkischen und dem EU-Parlament. Wir haben über Toleranz gesprochen, es geht um besseres Verständnis füreinander in einer multiethnischen, multikulturellen, multi-religiösen Welt.

Türkei und EU: Da gibt es starke Kräfte in Europa, die die Türkei nicht aufnehmen wollen, weil es sich um ein muslimisches Land handelt. Kann das neue Zentrum in Wien auch direkt politisch wirksam werden?

Natürlich, sobald die Institution anfängt zu arbeiten und zu funktionieren und sein Programm umsetzt und seinen Grundsätzen treu bleibt. Dann kann sich das Politische zwischen der muslimischen Welt und dem Rest verbessern. Das gilt nicht nur für die Türkei im Speziellen, sondern für alle Staaten.

In dem Abdullah-Center sind auch die Juden vertreten. Wie läuft eigentlich der Dialog zwischen Moslems und Juden, gibt es überhaupt schon Foren für einen Dialog?

Ich bin nicht der Sprecher des Abdullah-Zentrums, da sind andere verantwortlich.

Klar, aber Sie vertreten 57 muslimische Staaten. Und jetzt gibt es die Chance, dass Juden und Muslime in einem Forum zusammenkommen.

Der Dialog läuft an vielen Stellen, aber es ist das erste Forum mit einem fixen Standort.

Wie läuft der Dialog vor dem Hintergrund des blutigen Konflikts im Gazastreifen?

Der Antisemitismus ist nicht Teil der muslimischen Kultur. Antisemitismus ist bedauerlicherweise mehr ein europäisches Phänomen als ein islamisches. Wir Muslime glauben, dass Moses ein Prophet war. Moses und Jesus sind für uns Propheten.

Dann nennen wir es Antizionismus. Es gibt überall in der arabischen Welt starke antizionistische Strömungen, Ressentiments gegen Israel und Hass.

Das ist richtig. Es gibt viele, die sagen, der Zionismus ist eine Art rassistische Bewegung, und ich erinnere Sie, es gibt auch Juden, die gegen den Zionismus sind. Und vergessen Sie nicht: Immer wenn die Juden aus Europa vertrieben worden sind, sind sie vor allem in den arabischen Ländern aufgenommen worden.

Trotzdem ist in Nahost keine politische Lösung in Sicht. Wie sollte eine Einigung zwischen Israel und Palästinensern aussehen.

Die Lösung ist da. UNO-Vereinbarungen, der Oslo-Vertrag, die Roadmap. Aber sie werden alle nicht umgesetzt. Die Palästinenser wollen einen Sitz als Beobachter in der UNO, ich denke, es ist höchst an der Zeit, dass sie diesen Status bekommen.

Was weltweit unter den Nägeln brennt, ist der Bürgerkrieg in Syrien. Es gibt dort jetzt eine geeinte Opposition, aber die OIC unterstützt sie nicht geschlossen.

In meiner Reaktion habe ich gesagt, dass wir die Formierung einer einheitlichen Opposition begrüßen. Das ist die Haltung, die ich als Generalsekretär der OIC zum Ausdruck gebracht habe.



Aber nicht alle Mitglieder folgen dieser Linie.

Natürlich, was erwarten Sie bei 57 Mitgliedern?

Die Vereinten Nationen haben in der Syrien-Frage keine Antworten gefunden. Kann ihre Organisation einen Weg finden, das Blutvergießen zu stoppen?

Das Desaster in Syrien ist Resultat des Versagens der Internationalen Gemeinschaft, einen Konsens zu finden. Es gibt keine Verständigung zwischen den Mächten, die die Zusammenstöße mit beeinflussen. Meine Haltung ist, dass die Mächte, die Einfluss auf die Streitparteien haben, eine Einigung unter sich ausmachen sollten.

Das bedeutet endlosen Bürgerkrieg.

Nein, das ist das einzige wirkliche Rezept, den Bürgerkrieg zu stoppen.

Da gab es zuletzt einen großen Aufschrei in der muslimischen Welt wegen eines in den USA produzierten Mohammed-Videos. War die Aufregung gerechtfertigt?

Man muss vorsichtig sein und auf Hasstiraden verzichten. Und die Provokation von Gewalt vermeiden. Man darf Meinungsfreiheit nicht missbrauchen und muss andere respektvoll behandeln. Wenn ich meine Meinung über Sie kundtue, sollte ich das tun, ohne Sie zu beleidigen.

In Westeuropa gibt es Ressentiments gegen moslemische Mitbürger. Wie stehen Sie dazu?

Zunächst: Die Muslime in Westeuropa sollten sich als Teil ihres Gastlandes betrachten. Sie haben eine Brückenfunktion zwischen dem Land, in dem sie Leben und dem Land, aus dem sie kommen. Auf der anderen Seite ist Europa nicht nur Gastgeber für den Islam, sondern Heimstätte des Islam.

Was ist mit extremistischen Strömungen des Islam?

Diese haben kein Recht, sich islamisch zu nennen.

Gilt das auch für den saudischen Wahhabismus? (Das erzkonservative saudische Regime finanziert das King-Abdullah-Zentrum, Anm.)

Das gilt für alle Arten von Gewalt gegen andere. Niemand hat die Berechtigung andere zu töten. Die radikalen Gruppen missbrauchen den Islam.

Ekmeleddin Ihsanoglu,
geboren 1943 in Kairo, ist gelernter Chemiker und war Universitätsprofessor. Seit 2005 ist er Generalsekretär der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC). Der Organisation gehören weltweit 57 Staaten an.