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Antrainierte Schlagfertigkeit

Von Bettina Figl

Politik
Feminismus-Unterricht: Die Lehrlinge in der Berufsschule Meiselstraße sind der Meinung, dass Feminismus nie überflüssig wird.
© Andreas Urban

Beim Projekt "flic flac" werden Geschlechterstereotype infrage gestellt.


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Wien. Kurz vor Schulschluss - heute starten in Wien, Niederösterreich und Burgenland die Sommerferien - besuchte die "Wiener Zeitung" eine Berufsschule in der Meiselstraße in Wien Rudolfsheim-Fünfhaus. Dort werden im Projekt "flic flac" traditionelle Rollenbilder infrage gestellt.

17 Lehrlinge sitzen im Sesselkreis und diskutieren, was "typisch weiblich" und "typisch männlich" ist. Anregungen finden die Schüler zwischen 15 und 19 Jahren in Bildern feministischer Künstlerinnen, die Angela Tiefenthaler und Elke Smodics-Kuscher mitgebracht haben. "Künstlerische Arbeiten geben mehr Raum für Assoziationen", sagt Kunstvermittlerin Tiefenthaler, da gebe es kein "Richtig" oder "Falsch".

Ob Bruce Willis, die queere (siehe Wissen) Pop-Ikone Beth Dito oder die Künstlerin Lady Bitch Ray in provozierender Pose vor einem Auto mit dem Kennzeichen "Vagina": Durch die Bilder und Assoziationen der Jugendlichen sei man mitten im Thema, erklären die Projektleiterinnen. Als eine Schülerin das Bild "Die große Schere" von Lisl Ponger zückt, auf dem eine Hose und eine Schürze auf einer Wäscheleine zu sehen sind, flammt eine hitzige Diskussion darüber auf, ob Frauen dieselbe Arbeit leisten können wie Männer.

"Sie sprechen jetzt mit mir"

Julitta erzählt von einer befreundeten Elektrikerin und einige Burschen können nicht glauben, dass sie dieselbe körperlich anstrengende Arbeit verrichtet wie Männer: Sie argumentieren, Frauen hätten einfach andere körperliche Voraussetzungen. Tiefenthaler entgegnet: "Aber wenn eine Frau drei Monate lang dort arbeitet, kann sie es auch." Theoretisch sei das Wissen über Gleichberechtigung da, aber in der Praxis sehe es anders aus, sagt ihre Kollegin Smodics-Kuscher.

Davon wissen auch Jenny und Sophie zu berichten, die im Büro eines Telefonanbieters arbeiten: "Manchmal rufen Kunden an und sagen, sie wollen mit einem Mann sprechen, weil wir uns mit Technik angeblich nicht auskennen", berichten sie. Doch selbstbewusst erzählen die beiden jungen Frauen, wie sie darauf kontern: "Sie sprechen jetzt mit mir."

Die Klasse ist nicht nur zahlenmäßig männlich dominiert, sondern auch, was die Wortmeldungen anbelangt. Doch auch die männlichen Jugendlichen schreckt das Wort "Feminismus" keineswegs ab: "Feminismus wird nie überflüssig sein", sagt Angelo. Die Lehrlinge, unter ihnen einige Schulabbrecher, bringen einiges an Vorwissen mit: Auf dem Bild "We Can Do It" posiert Rosie the Riveter (Rosie, die Nieterin), eine Frau mit aufgekrempelter Bluse und angespanntem Bizeps. Mit diesem Webeplakat wollte man in den USA 1941 dem Arbeitskräftemangel in den Fabriken entgegenwirken, indem Frauen in klassische Männerberufe gelockt wurden, erklärt Alex.

Teil der Lehrlingsausbildung

Über die Bedeutung des Frauentags am 8. März besteht weniger Wissen, und Sprache nimmt viel Platz ein: Die Schüler hören oft zum ersten Mal vom "sozialen Geschlecht", Biologismus und von Stereotypen. Projektleiterin Smodics-Kuscher hofft, dass ihr Projekt Teil der Lehrlingsausbildung wird. Warum braucht es feministische Workshops gerade in der Lehrlingsausbildung? "Berufsschulen werden in der öffentlichen Wahrnehmung im Vergleich zu anderen Bildungsinstitutionen schlechter bewertet", sagt Smodics-Kuscher. "Wir wollen einen Raum schaffen, in dem Erfahrungen der SchülerInnen thematisiert werden können, die im Unterricht keinen Platz haben."

Doch nicht alle Forderungen, die der Gleichberechtigung dienen sollen, können die angehenden Bürokaufleute nachvollziehen: Etwa dass die Nationalhymne geändert wurde, stößt bei den Lehrlingen beiderlei Geschlechts auf Verwunderung: "Da stehen wir doch drüber", sagt Alex, und erntet zustimmendes Nicken.

Wissen

"Das Wort "queer" [kwiia] bedeutet "seltsam, pervers, verquer". Anfangs war es ein Schimpfwort gegen Transgender, Lesben, Schwule oder Drag Queens und Drag Kings, die am Rand der Gesellschaft lebten (Arbeiter, Migranten, Sexarbeiter). Sie haben den Begriff übernommen und so versucht, sich die Macht des Wortes anzueignen. Queer wurde später über schwule, lesbische und Aids-Kampagnen bekannt. Queer wird im Englischen oft noch immer als Schimpfwort verwendet, wie pervers oder schwul im Deutschen. Queere Theorien und Bewegungen wollen aufzeigen, dass Geschlecht und Sexualität nicht einfach nur so sind, wie sie sind, sondern unter anderem über Sprache gemacht werden. Und dass niemand nur schwul oder Frau oder weiß ist, sondern alle Facetten lebt, die tief verwoben sind mit den Machtstrukturen der Gesellschaft. Bei queeren Bewegungen und Theorien geht es darum, Vielfalt zu feiern (vor allem von Geschlechtern und Sexualitäten) und sich gegen Einseitigkeit aufzulehnen.

Das feministische Projekt "flic flac" wird sozialwissenschaftlich begleitet und existiert seit 2007. Die Kunst- und Kulturvermittlerinnen von trafo.k besuchen Berufsschulen und sind in der Ausbildung von Lehrenden und Trainern aktiv.