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Antriebs-Alternative für die Start-Ups

Von Peter Muzik

Wirtschaft

Banken und Risikokapital lassen Newcomer zumeist im Stich. | Zwei Fonds sollen Energie-Gruppe aufbauen. | Die ersten Aufträge sind bereits in Sicht. | Wien. In Österreich gibt es fast 400 Unternehmen, die sich mit Umwelttechnik befassen. Sie beschäftigen 22.000 Mitarbeiter und setzen insgesamt mehr als sechs Milliarden Euro um. Die Umwelttechnologie hat ein starkes Wachstum vorzuweisen, Begriffe wie erneuerbare Energie, Recycling oder Rauchgasentschwefelung werden immer gängiger und auch eine Vielzahl von Verbänden, Vereinen und wissenschaftlichen Institute haben sich dieser Thematik verschrieben.


Trotzdem, Boom her, Boom hin: Start-Up-Unternehmen haben es auch in diesem Bereich immens schwer, zukunftsorientierte Projekte ins Laufen zu bringen.

Grüne Technologien, die beispielsweise von österreichischen Forschern entwickelt werden (siehe Kasten), werden zwar von allen erdenklichen Fördereinrichtungen gerne großzügig subventioniert. Das AWS (Austria Wirtschaftsservice) etwa unterstützt im Rahmen seines Schwerpunktes "Umwelt, Klima und Energie" nicht nur umweltrelevante Investitionen von Betrieben, sondern pusht die Marktdurchdringung umweltrelevanter Produkte. Insbesonders Firmengründer, die Umwelt-Ideen in unternehmerischen Erfolg umwandeln möchten, haben es aber in der Regel nicht leicht, weil die Finanzierung meist zum Spießrutenlauf wird.

Das liegt zum einen an den Banken, die in solchen Fällen in der Regel das Risiko scheuen und nur ungern Kredite rausrücken, womit selbst die besten Projekte bereits im Ansatz gekillt werden können.

Und zum anderen hat es mit dem Faktum zu tun, dass auch die anderswo gängige Alternative alles andere als funktioniert: In Österreich gibt es zu wenige Venture-Capital- sowie Private-Equity-Firmen, die jungen Technologiefirmen mit Beteiligungskapital unter die Arme greifen würden.

Selbst im noch relativ gut laufenden Jahr 2008 hat diese Branche, laut Arno Langwieser, Geschäftsführer des AWS-Mittelstandsfonds, "das Schlusslicht in Europa", bloß 0,082 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in die Wirtschaft investiert - im EU-Durchschnitt war es fünf Mal so viel. Im Vorjahr "schaute es dann gar nicht gut aus", erklärt Langwieser, weil die Investments auf nicht einmal 30 Prozent jener Summe schrumpften, die noch 2007 verfügbar war. Laut einer Statistik der EVCA European Private Equity and Venture Capital Association wurden in 97 Fällen alles in allem 132 Millionen Euro locker gemacht, wobei es sich zu 40 Prozent um Erstinvestitionen und zu 60 Prozent um Folge-Investments handelte.

Im Bereich Energie & Umwelt kamen nur vier Unternehmen zum Zug, für die spärliche sieben Prozent vom Gesamtkuchen abfielen. Die in Wien beheimatete SEE Group hat daher einen alternativen Kurs eingeschlagen, um mehreren Projekten im Energie- und Umweltbereich zur Marktreife zu verhelfen. Ihre drei Chefs, Joachim Grill, früher Investmentbanker sowie CEO von AMI Agrolinz Melamine, Karl Stagl, einst Ericsson-Manager sowie Mitgründer des Telefondienstes Jajah, und Michael Mandl, ehemaliger Berater in Sachen Ost-Expansion, beschlossen im Jahr 2006, gemeinsam etwas aufzuziehen.

Von 70 Projektenwerden vier realisiert

Rasch stand fest, dass es sich um Investments in Technologiegesellschaften im Frühstadium handeln sollte. SEE steht für "Solutions for Energy & Environment", wobei es zunächst ausschließlich um die Realisierung österreichischer Erfindungen ging.

Gute Projekte waren bald gefunden, doch die Finanzierung erwies sich zunächst als riesige Hürde: Österreichische Investoren konnten nicht motiviert werden, mitzumachen. "Wir hatten einfach keine Chance", erinnert sich Michael Mandl.

Algen werden im privaten Biotop oft geschmäht, in Pilotprojekt Timelkam dafür gehegt und gepflegt. Foto: bb

Daher wurde Plan B in Angriff genommen: Die Ende 2007 in Luxemburg gegründete SEE Private Equity Group (Seepeg) finanzierte die ersten Schritte großteils mit Hilfe von Geldgebern aus dem Ausland. Die Seepeg ist mittlerweile an der SEE-O-TWO Biotech GmbH, der SEE Hydropower GmbH, der SEE Plasma GmbH und der SEE-Fuel GmbH beteiligt. Ihre Anteile liegen in der Bandbreite von 11 bis 100 Prozent, die Geschäfte der jungen Unternehmen, bei denen zumeist auch die European Private Equity Venture Invest SA aus Panama an Bord ist, werden von den drei SEE-Chefs geführt.

Im Laufe der Zeit haben Mandl & Co. fast 70 einschlägige Projekte geprüft, für vier Technologien gab es grünes Licht. Zum einen geht es um die industrielle Zucht von Mikroalgen, wobei CO2 aus Industrieabgasen in Biomasse umgewandelt wird. Diese kann zur Pflanzenölproduktion, als hochwertiges Tierfutter oder etwa als Brennstoff für Biomasse-Kraftwerke verwertet werden. Die Pilotanlage steht seit zwei Jahren im Kraftwerk Timelkam der Energie AG Oberösterreich.

Die zweite Spezialität der SEE-Gruppe sind Wasserräder mit nur drei Metern Durchmesser, die zur umweltfreundlichen Energieerzeugung in stillen Gewässern, beispielsweise Bewässerungskanälen, dienen, wo größere - und teurere - Turbinensysteme nicht einsetzbar sind. Der Prototyp wird demnächst herzeigbar sein.

Weiters setzt die derzeit zehn Mitarbeiter zählende Holding auf ein in Österreich entwickeltes Gasplasma-Verfahren, das dank extrem hoher Temperaturen (5000 Grad Celsius) für die abgasfreie Verwertung von Problemabfällen, etwa Krankenhausmüll, optimal geeignet ist. Das dabei entstehende Synthesegas wird wiederum zur Stromproduktion benutzt, die Abwärme kann Fernwärmenetzen zugeführt werden.

Eine Pilotanlage mit einer jährlichen Kapazität von 1400 Tonnen ist bereits verfügbar. In diesen drei Fällen gab es Subventionen, etwa seitens des Forschungsförderungsfonds FFG, des AWS und der für Beteiligungen und Bürgschaften zuständigen Nöbeg. Alles in allem seien laut Mandl auf diese Weise "ein paar Millionen Euro geflossen".

Bis September 30 Millionen Euro einsammeln

Die drei erwähnten SEE-Unternehmen sind jedenfalls startklar: Die Gespräche mit in- und ausländischen Industriekonzernen, die künftig für das Engineering zuständig sein und die Anlagen bauen sollen, sind weit gediehen, mit Interessenten im In- und Ausland, etwa im Mittleren Osten, werden Aufträge, die zig Millionen Euro bringen könnten, gerade ausverhandelt - unterschrieben ist allerdings noch keiner.

Die Luxemburger Beteiligungsgesellschaft Seepeg hat im Vorjahr zwei Fonds aufgelegt, mit einem Volumen von 100 Millionen Euro beziehungsweise 100 Millionen Dollar. Ziel beim First Closing Ende September sind 30 Millionen, 2011 werden die Fonds geschlossen. In erster Linie werden derzeit Schweizer und US-Fonds aus der Venture Capital- beziehungsweise Private Equity-Szene angesprochen.

Begüterte Privatpersonen werden angesprochen

In Österreich sollen, mangels in Frage kommender Private Equity-Firmen, vor allem reiche Privatpersonen, etwa begüterte Industrielle zum Einsteigen motiviert werden. Ab einem Einsatz von 125.000 Euro können sie mit dabei sein. Mandl hofft, dass diverse Wunden aus jüngster Vergangenheit bereits verheilt sind: "In Österreich gibt es zwar wahnsinnig viel Geld, aber die Leute haben in diesem Bereich, zum Beispiel bei Wind- oder Solarparks, unheimlich viel verloren."

Mandl, der aus heutiger Sicht laut Businessplänen für das Jahr 2015 bereits mehr als 200 Millionen Umsatz und einen üppigen Nettogewinn von 154 Millionen erhofft, tendiert auf Grund der jüngsten Erfahrungen beim Fundraising eher zu langfristigeren Vorhaben: In Zukunft will sich SEE daher großteils auf sogenannte Later-Stage-Investments konzentrieren - Unternehmen, die mindestens drei Jahre am Markt sind und schon einige Millionen Umsatz vorweisen können. In der Pipeline befinden sich derzeit fünf, sechs Projekte, bei denen es beispielsweise um Mini-Windturbinen, die intelligente Steuerung von Brennstoffzellen oder die Verflüssigung von Biogas geht.

Noch rund zwei Jahre bis zur Marktreife benötigt das bereits in Angriff genommene vierte SEE-Projekt: Dabei handelt es sich um die direkte Umwandlung von Biomasse, also Gras, Ölsaaten, Algen oder Energiepflanzen, in sogenannte Bio-Treibstoffe der zweiten Generation. Die Pilotanlage Alpha steht beim Grazer Joanneum.

Michael Mandl ist überzeugt, dass er auch mit dieser Biotreibstoff-Anlage den ausländischen Konkurrenten technologisch überlegen sein wird: "Wir wissen genau, was in zwei, drei Jahren am Markt gebraucht und Erfolg haben wird - das ist unser Geheimnis."

Patente-Boom im Energiebereich

(pm) Im vergangenen Jahr hatte das Europäische Patentamt in München rund 135.000 Anmeldungen zu bewältigen.

Schlussendlich erteilten die Prüfer in 52.000 Fällen ein Patent - 13 Prozent weniger als 2008, aber es waren auch erfreuliche Trends zu verzeichnen. Im Bereich erneuerbare Energie etwa wurden im vergangenen Jahr 1259 Patente angemeldet, das sind um 27 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

Auch wenn diese Sparte erst 0,9 Prozent aller Anmeldungen stellt und beispielsweise noch weit hinter der Medizintechnik rangiert, ist die Dynamik beachtlich: Die stärksten Zuwächse - bis zu 51 Prozent - gab es bei Windenergie, Solarthermie und Fotovoltaik, wobei sich Forscher bzw. Erfinder aus den USA, Deutschland und Japan besonders hervorgetan hatten. Aus diesen drei Ländern kamen gleich 58 Prozent aller Ideen, die patentrechtlich geschützt werden sollten.

Die fleißigsten Anmelder waren wie gewohnt Großkonzerne wie General Electric, Siemens oder Shell, aber auch rot-weiß-rote Unternehmen mischten mit, zum Beispiel die in Kärnten beheimatete Greenonetec, die sieben Patente in Sachen Solarthermie angemeldet hat.

Mit insgesamt rund 3500 Anmeldungen und bloß 580 erteilten Patenten lag Österreich statistisch freilich unter ferner liefen.

Leider spielen die hellsten Köpfe der Republik gerade bei erneuerbaren Energien - etwa Biomasse sowie Hydro-, Wellen- und Gezeitenenergie - lediglich eine ungeordnete Rolle.