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Applaus hinter zugezogenem Vorhang

Von Michael Schmölzer

Politik

In Deutschland brennen fast täglich Asylquartiere. Zu Neonazis gesellen sich immer öfter "bis dato unbescholtene Mitbürger".


Wien/Berlin. Was jetzt mit dem Brand in Altenfelden in Österreich beginnt, ist in Deutschland auf der Tagesordnung: Seit Jahresbeginn sind dort insgesamt 449 Angriffe auf Asylunterkünfte registriert worden. Gewalt gegen Asylwerber auf den Straßen hat es 107 Mal gegeben.

Unter den Tätern sind Neonazis, bei einem erheblichen Teil der Verdächtigen handelt es sich um sogenannte "brave Bürger", die in keinem Strafregister aufscheinen. "Wenn unbescholtene Bürger plötzlich Gewalt anwenden, gibt das umso mehr Anlass zur Sorge", sagt der deutsche Innenminister Thomas de Maiziere und spricht bereits von einer "Teilverrohung" der Gesellschaft. Wenn im sächsischen Bautzen im Februar dieses Jahres ein für Flüchtlinge vorgesehenes Gebäude lichterloh brennt und ein klatschendes und johlendes Publikum die Löscharbeiten behindert, dann ist Feuer am Dach: Auf Trauma-Erkrankungen spezialisierte Forscher verweisen darauf, dass Flüchtende eine Umgebung brauchen, in der sie sich sicher fühlen können. Dazu kommt, dass brennende Bücher oder Gebetshäuser in der jüngeren deutschen Geschichte eine Rolle spielen.

Schon seit Beginn der sogenannten Flüchtlingskrise im vergangenen Sommer ist feststellbar, dass die Hemmschwelle zur Ausübung physischer Gewalt in Deutschland sinkt.

"Das Mistvolk muss raus"

Es ist zu vermuten, dass Sprache Wirklichkeit schafft und dass die rassistische Hetze im Internet immer bedrohlichere Formen annimmt. Nach den Übergriffen in der Silvesternacht in Köln konnte man in Foren lesen, dass man "das Dreckspack an die Wand stellen und abknallen" müsse und: "Das Mistvolk muss raus."

Nach Köln, aber auch den Vergewaltigungen in Wien im Umkreis des Pratersterns herrscht Alarmstimmung. Übersehen wird aber, dass Gewalt in erster Linie nicht von Migranten ausgeht, sondern von denen, die sich zu den Alteingesessenen zählen. Wenn Flüchtlinge Gewalt ausüben, dann in erster Linie untereinander. Die jüngsten Ereignisse in Calais, wo sich Afghanen und Sudanesen eine Massenschlägerei lieferten, belegen das. In Wien kam es im März am Handelskai zu ähnlichen Vorfällen zwischen afghanischen und tschetschenischen Jugendlichen. Bekannt ist auch, dass männliche Flüchtlinge ebenfalls flüchtende Frauen zur Prostitution zwingen.

In Deutschland haben sich schon vor Monaten Gruppen von Rechtsradikalen gebildet, die gezielt Jagd auf Asylwerber machen. Syrer, die eben erst der Hölle des Bürgerkrieges entkommen sind, werden krankenhausreif geprügelt. Diese Vorfälle begannen in Deutschland, griffen dann auf Schweden über und könnten bald andere Länder erreichen.

Deutschlands Rechtsradikale haben große Ziele, es geht um die Schaffung "National befreiter Zonen". Ausländer, Linke, Juden und Homosexuelle sollen sich wegen der gewalttätigen Übergriffe nicht mehr auf die Straße trauen. Zahllose "brave Bürger", so ist zu befürchten, machen da nicht mit, applaudieren den Gewalttätern aber hinter zugezogenem Vorhang.