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Arabischer Frühling und Wiener Kongress

Von David Ignatius

Analysen
Der Autor war Chefredakteur der "International Herald Tribune". Seine Kolumne erscheint auch in der "Washington Post".

Die alte Machtstruktur - ein von den USA dominiertes Hegemoniesystem - fällt auseinander und eine neue Ordnung muss aufgebaut werden, um Stabilität zu gewährleisten.


Der Arabische Frühling lässt Analysten Ausschau halten nach dem passenden historischen Vergleich. Ist es wie in Europa 1848? Oder ist es mehr wie 1989 nach dem Fall der Berliner Mauer? Oder doch vielleicht eher wie im Jahr 1979 im Iran nach dem Sturz des Schahs?

Der demokratische Aufstand 2011 beinhaltet Elemente aus allen. Aber das lauteste Getöse, das man im Moment aus der arabischen Welt hört, kommt nicht von den Barrikaden, sondern von erschrockenen Führern, die in Anlehnung an die verzweifelte französische Armee 1815 bei Waterloo rufen: "Rette sich, wer kann!"

Diese 1815-Analogie ist sehr nützlich, denn sie erinnert uns daran, dass die alte Machtstruktur - ein von den USA dominiertes Hegemoniesystem - auseinanderfällt und eine neue Ordnung aufgebaut werden muss, um Stabilität zu gewährleisten. 1815 führte dieser Prozess zum Wiener Kongress und zu einer neuen Sicherheitsarchitektur.

Aber zuerst noch zur Politik der Selbsterhaltung um 2011: Die Taktiken variieren von Land zu Land. Einige arabische Führer, besonders König Abdullah II. von Jordanien, unterstützen den Wandel, in der Hoffnung, dadurch neue Legitimität zu erlangen. Andere, Muammar Gaddafi in Libyen und Bashar al-Assad in Syrien, wollen mit militärischer Gewalt Unterwerfung erzwingen. Durch den Einsatz von Gewalt können sie durchaus ein paar Wochen Atempause gewinnen, aber sowohl Gaddafi als auch Assad werden im Mistkübel der Geschichte landen. Mit dem Schießen auf das eigene Volk haben sie sich selbst die Legitimität genommen.

Der Hintergrund dieser hektischen Selbsterhaltungsbestrebungen ist die Auflösung des US-Imperiums wider Willen: Die Könige und Präsidenten, ganz zu schweigen von den Menschenmassen in den Straßen, haben am Beispiel Ägyptens gesehen, dass die USA nicht mehr herbeieilen, um ihre Klienten zu retten. Erschöpft vom Einsatz im Irak und in Afghanistan (und vielleicht durch die beiden Kriege auch etwas klüger geworden) sind die USA nicht mehr bereit, selbstherrlichen Diktatoren aus der Patsche zu helfen. Dass die USA Präsident Hosni Mubarak nicht zu Hilfe kamen, schockierte die Israelis, die Saudis und andere Mächte der Region. Tatsache ist: Eine Million Menschen, die bereit sind, für die gute Sache zu sterben, kann keine in- und keine ausländische Macht aufhalten.

Im Moment zwischen zwei Systemen

In Zeiten, in denen die alten Übereinkünfte zerbrechen, ist es wichtig, dass junge Demokratien klare Bezugspunkte haben. Im Moment befinden wir uns jedoch zwischen zwei Systemen. Das alte, in dem Mubarak und Gaddafi einen Platz hatten, ist erledigt. Allerdings gibt es noch kein neues.

Wenn er sich mit all den Umwälzungen beschäftigt, sollte sich US-Präsident Barack Obama auf die grundlegenden Werte konzentrieren: Wie können die USA am besten einen gewaltlosen Umschwung unterstützen? Und wie mit den Regimen umgehen, die Gewalt gegen ihre eigenen Bürger einsetzen? Wie kann die alte Geschichte des Zorns zu einer neuen der Hoffnung und des Selbstvertrauens werden?

Die bereits erwähnte 1815-Analogie war das Thema von Henry Kissingers im Jahr 1954 veröffentlichten Dissertation - ein Thema, das heute wieder relevant ist. Wie der ehemalige US-Außenminister erläutert, fanden die weitblickenden Staatsmänner des Wiener Kongresses schließlich einen Weg, die Interessen der damaligen alten Mächte (Österreich-Ungarn und Großbritannien) mit denen der aufstrebenden Mächte (Frankreich, Preußen und Russland) in Einklang zu bringen.

Übersetzung: Redaktion Der Autor war Chefredakteur der "International Herald Tribune". Seine Kolumne erscheint auch in der "Washington Post". Originalfassung