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Arbeit, aber nicht für alle

Von Brigitte Pechar und Mathias Ziegler

Politik

Die Arbeitslosigkeit steigt auf Rekordniveau. Der ÖGB ruft nach Arbeitszeitverkürzung, die Wirtschaftskammer sagt: "Nein."


Wien. Das Wirtschaftswachstum in Österreich kommt laut Wirtschaftsforschungsinstituten Wifo und IHS wieder langsam in die Gänge, die Zahl der Überstunden ist hoch, die Zahl der Beschäftigten steigt, dennoch droht bei der Arbeitslosigkeit eine Rekordmarke von 8 Prozent. Was tun? Kann Arbeit überhaupt gerecht verteilt werden und wer soll das tun?

ÖGB-Präsident Erich Foglar ortet darin ein "Alarmsignal". Um die Arbeitsmarktsituation generell zu verbessern, regt der ÖGB Modelle zur besseren Verteilung der vorhandenen Arbeit an. So schlägt Foglar nicht nur die rasche Umsetzung eines Bonus-Malus-Systems für die Beschäftigung älterer Arbeitnehmer vor. Man werde auch weitere Maßnahmen einleiten müssen wie die bessere Verteilung der vorhandenen Arbeit durch Arbeitszeitverkürzung (AZV) und eine sechste Urlaubswoche.

Das Schlagwort von der Arbeitszeitverkürzung fällt aber bei Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl nicht auf fruchtbaren Boden. Von ihm kommt ein "klares Nein" zu einer Arbeitszeitverkürzung, zur sechsten Urlaubswoche oder dem vom ÖGB geforderten Strafeuro pro geleistete Überstunde. Zustimmung kommt von der Wirtschaftskammer aber zu den am Donnerstag im Nationalrat beschlossenen Gesetzesänderungen zur Umschichtung von Geldern aus der passiven (Arbeitslosengeld) in die aktive Arbeitsmarktverwaltung. So könnten Kombilohnmodelle und Ähnliches ermöglicht und damit Menschen wieder in Beschäftigung gebracht werden.

Österreich liegt einerseits bei der realen Arbeitszeit im EU-Spitzenfeld, andererseits ist die Arbeitslosigkeit vergleichsweise niedrig. Bei den Arbeitskosten pro Stunde wurde der höchste Anstieg in der Eurozone verzeichnet. Am höchsten sind sie in der Industrie, gefolgt vom Dienstleistungssektor und dem Baugewerbe (Landwirtschaft und öffentliche Verwaltung berücksichtigt die Statistik nicht). Die Arbeitskosten setzen sich aus Löhnen und Gehältern sowie Lohnnebenkosten zusammen. Im Nationalrat wurde am Donnerstag eine Senkung der Lohnnebenkosten bis 2015 um insgesamt 0,2 Prozent beschlossen.

Im Jahr 2013 waren in Österreich knapp 886.000 Personen zumindest einen Tag von Arbeitslosigkeit betroffen. Untersuchungen zeigen, dass rund ein Drittel relativ kurz arbeitslos war, sich rund ein Drittel in der "Drehtür" zwischen Arbeitslosigkeits- und Beschäftigungsperioden befand und ein weiteres Drittel gar keine Chance auf dem Arbeitsmarkt bekommen hat.

Im Vorjahr haben die Österreicher 270 Millionen Mehrleistungs- und Überstunden gearbeitet. Die Zahl der Überstunden geht aber ständig zurück. Im Jahr 2005 lag sie noch bei 360 Millionen, wie die Statistik Austria ausweist.

Ökonom Hofer: Arbeit kann nicht umverteilt werden

Können diese Überstunden aufgeteilt und damit die Arbeitslosigkeit verringert werden? Als Ökonom habe er größte Schwierigkeiten mit dem Ruf nach Umverteilung von Arbeit (Lump of Labor Fallacy), sagt IHS-Arbeitsmarktexperte Helmut Hofer. "Es gibt kein fixes Arbeitsvolumen, das man nur umverteilen muss, damit alle Arbeit haben." Es helfe einer Sekretärin auf Arbeitssuche nicht, wenn eine hochqualifizierte Ingenieurin keine Überstunden mehr mache, sagt Hofer. "Da geht es darum, dass nachgefragte Qualifikationen am Arbeitsmarkt auch angeboten werden. Dass also Arbeitslosen die notwendigen Qualifikationen vermittelt werden." Sein Rezept für eine bessere Verteilung der Arbeit: "Grundqualifikationen müssen schon in der frühkindlichen Entwicklung gelegt werden." Hofer ist nicht der Meinung, dass uns durch die zunehmende Automatisierung die Arbeit ausgeht. Es fehle aber vielen an der Qualifikation, weshalb einige Überstunden leisten müssten. Für ihn liegen die größten Defizite im Bildungssystem, denn noch immer haben Menschen ohne Schulabschluss die höchste Wahrscheinlichkeit, arbeitslos zu werden.

Ökonom Mahringer: AZV führt zu Produktivitätssteigerung

Auch Arbeitsmarktexperte Helmut Mahringer vom Wifo glaubt nicht, dass Arbeit im qualifizierten Bereich einfach zu reduzieren ist. Der Arbeitsmarkt sei eben ein Markt und in Zeiten der Arbeitslosigkeit sei die Nachfragerseite - also die Arbeitgeber - im Vorteil. Aber er sieht sehr wohl die Möglichkeit, mit Kollektivverträgen stärker einzugreifen. Allerdings: Wo wenig Angebot da sei, bringe eine AZV nichts. Als Beispiel nennt Mahringer die Kinderbetreuung. Würde man hier die Arbeitszeit verkürzen, hätte das nur mehr Überstunden zur Folge.

Dennoch rät er in einzelnen Bereichen zu AZV-Modellen, die sich im Krisenjahr 2009 schon bewährt hätten. Damals habe man durch Arbeitszeitverkürzung - Urlaubskonsumation, Kurzarbeit - die Situation stabilisieren können. Man könne auch über die Streichung der Begünstigungen bei Überstunden nachdenken - schließlich seien diese auch gesundheitsgefährdend, sagt Mahringer. Aber er gibt auch zu bedenken, dass Arbeitszeitverkürzung nicht nur eine Erhöhung der Beschäftigung bringe, sondern auch mit einer Produktivitätssteigerung- mehr Leitung in kürzerer Zeit - verbunden sei. Und AZV sei nicht überall gleich effektiv - bei Teilzeit oder All-in-Verträgen wirke sie gar nicht.