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Arbeit an der Qualität, nicht an den Strukturen

Von Heiner Boberski

Politik

33 konkrete Empfehlungen, verteilt auf fünf Handlungsbereiche, für die Zukunft der österreichischen Schule legte gestern die Zukunftskommission des Bildungsministeriums im Rahmen ihres Abschlussberichtes vor. Der Maßnahmenkatalog reicht von weniger Sitzenbleiben bis zur Lehrerevaluierung.


Der von Bildungsministerin Elisabeth Gehrer gemeinsam mit Günter Haider, dem Leiter der Zukunftskommission und heimischen PISA-Koordinator, in einer Pressekonferenz in Wien präsentierte Bericht fand großes Interesse. Besonders vermerkt wurde die Haltung der Kommission, dass "das Wiederholen einer Klassenstufe - von Einzelfällen abgesehen - keine effiziente Maßnahme der Lernförderung" ist. Weil den Experten hier "die Nachteile deutlicher größer als die Vorteile" erscheinen, empfiehlt sie, fehlende Kompetenzen durch begleitende Kurse im laufenden Schuljahr nachzuholen statt ein ganzes Jahr zu repetieren.

Für die AHS-Oberstufe wird ein "leistungsdifferenziertes Kurssystem" vorgeschlagen. Bei schwacher Leistung ist dann nur der Kurs, nicht das Schuljahr zu wiederholen.

Eingehend widmet sich der Bericht dem Lehrpersonal. Dessen Ausbildung (inklusive Kindergartenpädagogik) soll als gemeinsame Grundausbildung in Form eines Bachelor-Studiums an Pädagogischen Hochschulen (sechs Semester) erfolgen. Daran sollen Masterstudiengänge für einzelne Bildungseinrichtungen anschließen. Wie an den Fachhochschulen soll eine Studienplatzbewirtschaftung zur Qualitätssicherung dienen.

Die Pragmatisierung soll fallen. Wie viele Stunden eine Lehrkraft in der Klasse steht, soll von ihrer zusätzlichen Arbeit abhängig werden. An den Schulen will man eine Art mittleres Management schaffen. Fortbildung soll in der Regel außerhalb der Unterrichtszeit erfolgen. Die Kommission spricht sich dafür aus, Lehrpersonal während einer "Kernarbeitszeit", aber auch in der letzten Ferienwoche zur Anwesenheit in der Schule zu verpflichten.

Personalentscheidungen (etwa Lehrer-Einstellungen) sollen Behörde und Schule nur einvernehmlich treffen können. Den Schulen soll mindestens ein Veto-Recht zukommen. Lehrer sollen verpflichtet werden, mindestens einmal im Schuljahr aus mehreren Klassen Rückmeldungen über die Qualität ihres Unterrichts einzuholen.

Zur sprachlichen Frühförderung regt die Kommission ein verpflichtendes Vorschul- oder Kindergartenjahr an, um auch die Kommunikationsfähigkeit und die Stärkung der Herkunftssprache zu fördern. Deutschsprachige und nicht-deutschsprachige Kinder sollten nicht getrennt werden.

Für die Unterrichtszeit pro Jahr soll die Schule eine Unterrichtsgarantie abgeben. Nur ein Stundenausfall von fünf Prozent pro Fach und insgesamt fünf Prozent pro Klasse seien bei entsprechender Begründung zu tolerieren. Die Lehrer sollen für das jeweilige Schuljahr konkrete Lernziele für die Grundkompetenzen in ihren Fächern formulieren (Lernzielkataloge), die sich an den Bildungsstandards für das jeweilige Unterrichtsfach bzw. am Kernbereich des Lehrplans orientieren.

Jedes Schulkind im Alter von sechs bis 14 Jahren soll einen gesetzlichen Anspruch auf Betreuung auch über die Unterrichtszeit hinaus bekommen. Wollen die Eltern dieses Anrecht nutzen, so ist dem nicht durch eine bestimmte Schule, aber innerhalb eines zumutbaren Schulwegs Rechnung zu tragen.

Mittelfristig sollen die Schulen Budgetentscheidungen innerhalb gewisser Vorgaben selbst treffen. Auch alle Entscheidungen über Klassen- oder Gruppengrößen könnten am Standort getroffen werden, Dazu wurde schon in der Pressekonferenz auf Nachfrage klargestellt, dass dabei natürlich die jeweiligen Ressourcen eine entscheidende Rolle spielen werden. Eine Änderung der Klassenschülerhöchstzahlen ist nicht in Sicht.

Weiters empfiehlt die Kommission die Schulpartnerschaft auszubauen und jährlich schriftliche Schulbilanzen an jeder Schule zu erstellen.

Die Experten betonten, es gehe ihnen um eine nachhaltige Verbesserung des bestehenden Systems. Strukturreformen wie die Einführung einer Gesamtschule müssten langfristig überdacht werden, kurzfristig - so der Bildungsexperte Werner Specht - würden sie mehr Probleme schaffen als lösen.

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Reaktionen

"Einige positive Ansätze" und "gute Vorschläge" sehen Oppositionsvertreter im Endbericht der Zukunftskommission. Das Papier weise aber auch Lücken auf, viele heiße Eisen würden "in die ferne Zukunft geschoben oder gar nicht erst angesprochen", meint der Grüne Bildungssprecher Dieter Brosz.

SPÖ-Bildungssprecher Erwin Niederwieser fand im Bericht wichtige Punkte, die rasch umgesetzt werden sollten. Generell sei im SPÖ-Bildungsprogramm "aber dennoch deutlich mehr an bildungspolitischen Vorschlägen, die zu einer Verbesserung des Schulsystems führen würden, enthalten", erklärte Niederwieser. Die Zukunftskommission setze vor allem auf die Verbesserung der Unterrichtsqualität: "Vom Messen und Prüfen allein wird der Unterricht aber nicht besser, sondern nur teurer." Zu begrüßen sei die Forderung, dass "Bildungsstandards als Mindeststandards" rasch entwickelt werden sollten.

Kritik an Gehrer übte auch Brosz. Sie verspreche "nebulos die Umsetzung" der Vorschläge und setze gleichzeitig ihren Sparkurs fort. Brosz kann keine Maßnahmen erkennen, "die die Anzahl der 15-Jährigen mit massiven Leseschwierigkeiten wirkungsvoll senken werden". "Rückhaltlos" unterstützt der Grün-Mandatar die Pläne nach mehr individueller Förderung, gerade die sei aber durch Kürzungen der Lehrerdienstposten immer weniger möglich.

Sowohl Industriellenvereinigung als auch Wirtschaftskammer begrüßen die Vorschläge und fordern eine rasche Umsetzung. In die gleiche Kerbe schlägt die Arbeiterkammer, und der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) begrüßt die "Bewegung im Bereich der Schulpolitik".

Die SP-nahe Aktion kritischer Schüler (AKS) sieht angesichts der teilweisen Übereinstimmung der Vorschläge der Experten mit den Plänen Gehrers die Zukunftskommission "an der Leine gehalten". Die Wiener Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl (SPÖ) bezeichnete die von Gehrer vorgestellten acht "Arbeitspakete" als "reine Placebo-Maßnahmen".