Arbeiten, wo andere urlauben

Von Rosa Eder-Kornfeld

Wirtschaft
Peter Fuchs hat zwölf Sommer als Hirte auf Almen in Österreich und der Schweiz verbracht. Seine Botschaft: Das Leben auf der Alm ist in erster Linie Arbeit, die allerdings mit unvergesslichen Erfahrungen und Eindrücken belohnt wird.
© unsere almen.at

Ein Sommer als Hirte auf der Alm hat wenig mit Romantik zu tun. Trotz aller Plackerei bleiben aber unvergessliche positive Eindrücke und Erfahrungen.


Sommerjobs gibt es viele, aber kaum eine Tätigkeit beschwört so sehr das Bild von Idylle herauf wie die des Hirten oder der Hirtin. Saftige grüne Wiesen, blauer Himmel, friedlich grasende Kühe, frische Luft: All das findet man tatsächlich auf den Almen, und Naturliebhaber kommen auf jeden Fall auf ihre Kosten. Mit Romantik hat Almwirtschaft aber kaum etwas zu tun, und der Arbeitsalltag ist hart.

Der Tiroler Peter Fuchs, 54, hat zwölf Sommer als Hirte auf Almen in Österreich und in der Schweiz gearbeitet. Das erste Mal ging er das Abenteuer Alm im Sommer 1996 ein. "Es hat damals dort kein fließendes Wasser und keinen Strom gegeben", schildert er im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Zum Kochen und Heizen musste er selbst Feuer machen. Die Melkmaschine wurde mittels einer Unterdruckleitung betrieben, die Milch in den Kannen nur mit kaltem Wasser gekühlt.

Wochenlanges Melktrainingvor dem ersten Mal

Der Bauernhof seines Nachbarn in Hopfgarten im Brixental bot Fuchs von Kindesbeinen an ausgiebig Gelegenheit, den Umgang mit Vieh zu erlernen. Zudem habe er auf dem Hof eines Onkels mehrere Wochen lang vor seinem ersten Almsommer das Melken trainiert, erzählt er. Mit den Sommerferien an der Uni ließ sich seine Leidenschaft gut vereinbaren. Wollte er Ende Mai, Anfang Juni "rauf auf die Alm", ließen ihn seine Professoren ziehen.

Heute ist Fuchs Content- und Projektmanager des Online-Portals unsere-almen.at, "wo sich unsere Almen in ihrer ganzen Vielfalt präsentieren", wie er stolz anmerkt. Seinen (vorläufig) letzten Almsommer verbrachte er 2021 auf einer zweistaffeligen Alm: "Unten waren wir ans Stromnetz angeschlossen, oben hatten wir ein Kleinwasserkraftwerk." Wasserkraft habe den Vorteil, dass - anders als bei Photovoltaikanlagen, die auch schön langsam Einzug auf die Almen halten - permanent Strom erzeugt werden könne, sagt er.

Problematisch könne es allerdings bei Gewittern mit Starkregen werden, wenn Leitungen durch angeschwemmtes Geröll verlegt werden. Er habe auch schon erlebt, dass ein Notstromaggregat eingeflogen werden musste. "Das war richtig dramatisch. Kein Strom und 90 Kühe mit prallen Eutern, die gemolken werden wollen", schildert Fuchs. Ebenso schlimm sei es, wenn es zu wenig Wasser gibt.

"Wovon es auf der Alm nicht zu wenig gibt, ist Beschäftigung. Tagwache ist manchmal schon vor 5 Uhr Früh, wenn der Milchwagen auf seiner Tour vorbeikommt", so Fuchs.

Zweimal täglich melken, Stall ausmisten, Kontrollgänge und Reparaturen durchführen, kochen, eventuell auch Käse machen: "Das Leben auf der Alm bedeutet in erster Linie arbeiten." Das Wetter spielt auch nicht immer mit. Unwetter mit Blitz, Donner, Hagel oder sogar Schnee sind keine Seltenheit. Völlig falsche Vorstellungen würden dazu führen, dass Alm-Neulinge nach wenigen Wochen, manchmal schon nach ein paar Tagen, das Handtuch werfen, sagt Fuchs. "Die Allermeisten aber erfahren - trotz aller Härten - die Alm als wunderschönen, sinnstiftenden Arbeitsort."

Dem kann Christoph Plankel, Pächter der Lainacher Kuhalm in Kärnten, zu 100 Prozent zustimmen. Auf der Job-Plattform der Almwirtschaft Österreich sucht er für den Sommer noch jemanden, der auf der Alm mitanpacken und dabei unvergessliche Erfahrungen und Eindrücke aus der Natur und dem bäuerlichen Alltag sammeln möchte. "Viele meinen, dass das ein ruhiger Job zum Entspannen und Entschleunigen ist. Es ist aber ein Haufen Arbeit", sagt der Senner, der schon als Kind mit dem Leben auf der Alm vertraut war, zur "Wiener Zeitung".

Auf die Lainacher Alm, die es seit dem Jahr 1962 gibt, zieht er heuer bereits das zwölfte Mal hinauf. 25 bis 28 Kühe sind dort zu versorgen. Ihre Milch wird seit etwa zehn Jahren direkt auf der Alm zu Käse verarbeitet, mit dem sich müde Wanderer auf einer nebenan liegenden Hütte stärken können. Früher war das anders, da wurde die Milch täglich zweimal mit dem Materialaufzug ins Tal transportiert.

"Jeder Tag auf der Almist anders"

Derzeit gilt es auch noch auf 30 Stück Jungvieh und 240 Schafe aufzupassen. Zu schauen, dass alle da und gesund sind, ist keine leichte Aufgabe. "Jeder Tag auf der Alm ist anders. Man kann eigentlich nichts planen", so Plankl. Für die Almen werde es immer schwieriger, Personal zu finden, das auch die richtigen Vorstellungen von Hirtenarbeit hat. In den allermeisten Fällen müsse man keine besonderen Kenntnisse mitbringen, aber Aufgeschlossenheit. Auf den Punkt gebracht: "Wer gerne lernen will, auf unserer kleinen Alm kann man das noch."

Laut Angaben des Vereins Almwirtschaft Österreich werden hierzulande noch etwa 8.100 Almen betreut. Im Jahr 2000 waren es noch mehr als 9.000. Rund 7.000 Hirtinnen und Hirten sorgen dafür, dass rund 311.000 Kühe (davon rund 50.000 Milchkühe), 110.000 Schafe, 12.000 Ziegen und etwa 10.000 Pferde am Ende des Almsommers wieder gesund bei den Bauern im Tal ankommen. Die meisten Hirtinnen und Hirten arbeiten in Tirol, gefolgt von Salzburg, Vorarlberg

und der Steiermark.

Die Wurzeln der Almwirtschaft reichen bis 5000 Jahre vor Christus zurück. Aus diesem Zeitraum gibt es archäologische Hinweise auf Weideflächen oberhalb der Waldgrenze. Bereits im 7. Jahrhundert begann der Ausbau der Almwirtschaft, die der uns bekannten Form entsprechen dürfte. Ihre erste Blütezeit erlebte die Almwirtschaft im 15. Jahrhundert. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die ersten Almschutzgesetze erlassen. Geringe Erträge und hoher Aufwand führten dazu, dass die intensive Nutzung der Almgebiete gegen Ende der 1960er zurückzugehen begann. Durch Unterstützung der öffentlichen Hand konnte der Rückgang gestoppt werden. Mehr im Internet: www.almwirtschaft.com