Arbeitswelten von Frauen um 1873

Von Eva Stanzl

Wissen
Weißnäherinnen bei der Anfertigung von Hemdkrägen um 1910.
© Technisches Museum Wien / Archiv

Weltausstellung in Wien vor 150 Jahren: Frauenpavillon thematisierte erstmals weibliche Erwerbsarbeit.


Sie bestickten Tischdecken und klöppelten Spitzen, banden Kunstblumenkränze und färbten Straußenfedern, züchteten Seidenraupen, roboteten am Fließband und schleppten schweres Zeug am Bau: Frauen wurden mit dem Beginn der Industrialisierung zu einem unverzichtbaren Wirtschaftsfaktor.

Industriebetriebe beschäftigten Heerscharen von kaum ausgebildete Frauen zu Niedriglöhnen. In den damals neuen Fotoateliers entwickelten sie die immer zahlreicheren Bilder und auch die Handarbeit war in ihren Händen. Allerdings fand die weibliche Erwerbsarbeit unter prekären Bedingungen statt und wurde kaum gewürdigt. Eine der ersten öffentlichen Formen der Anerkennung bekam sie bei der Weltausstellung 1873 in Wien, indem das K.+K. Wirtschaftsministerium einen Beschluss erließ, wonach eine "Exposition der Frauenarbeit" in einem eigenen Pavillon nordöstlich der Rotunde kuratiert werden sollte.

Zur Durchführung der Ausstellung im "Pavillon für Frauen-Arbeiten" formierte sich 1872 eine "leitende Central-Commission" aus 32 Frauen und 20 Männern des Adels und des liberalen Bürgertums in Wien. Zahlreiche der beteiligten Frauen engagierten sich ehrenamtlich im Wiener Frauen-Erwerb-Verein, dessen Ziel es war, die Bildungs- und Erwerbssituation von Frauen zu verbessern. Die schnell wachsende Organisation ließ 1873/74 ein Vereinshaus in der Rahlgasse im sechsten Wiener Gemeindebezirk errichten und bot eine Mittelschule, eine Handelsschule und Kurse in Fremdsprachen, Telegrafie und Zeichnen sowie eigene Nähstuben an.

"Ausstellerinnen konnten sich mit ihren Arbeiten über einen Open Call bewerben - eine innovative Form der Antragstellung, die allen offen stand. Da so viele Einreichungen kamen, musste die Ausstellungsfläche von ursprünglich 300 auf 500 Quadratmeter vergrößert werden", sagte Martina Griesser-Stermschegg, Leiterin des Forschungsinstituts des Technischen Museums Wien (TMW), am Dienstag vor Journalisten zur Eröffnung der Ausstellung "Women at Work: 150 Jahren Frauenpavillon der Wiener Weltausstellung" bis 2. Juli im Festsaal des TMW.

Enorme Mehrfachbelastung

"Es war ein lange gehegtes Desiderat, zu diesem Thema eine Ausstellung zu machen. Heute sind Frauenpavillons bei einer Expo die Regel und Wien lieferte den Startpunkt dieser Tradition", erläuterte TMW-Generaldirektor Peter Aufreiter: "Unsere Schau macht einen ganz besonderen Moment des Beginns der Frauenarbeit fest."

Zu sehen sind Original-Dokumente, Fotos und Exponate aus dem Depot des Museums zu den Themen und dem Werden des Frauenpavillons bei der Expo. In einer Online-Ausstellung können Interessierte sich unter https://forschung.tmw.at/women_at_work weiter vertiefen.

Die Palette der Exponate im Frauenpavillon vor 150 Jahren reichte von Handarbeiten aus Schulen der Kronländer über Erzeugnisse aus Frauengefängnissen bis zu in Heimarbeit gefertigten Trachten. Vor allem der Bereich "Frauen-Arbeit in der Grossindustrie" war ein Novum. Mehr als 150.000 Frauen und Mädchen waren 1873 in den "Gewerben und Verkehrsanstalten" der Habsburger-Monarchie tätig, doch die Mehrheit der bürgerlichen Besucherinnen und Besucher erfuhr bei der Weltausstellung erstmals über den Alltag von Arbeiterinnen in Landwirtschaft, Leder-, Kautschuk-, Metall-, Holz-, Stein-, Glas- und Papierindustrie, Nahrungs- und Genussmittelerzeugung, chemischer Industrie, Maschinenwesen, Kommunikation und Bauwesen. "Es muss eine kaum zu erfassende Mehrfachbelastung gewesen sein: Frauen arbeiteten tagsüber in Fabriken und abends in Heimarbeit, kümmerten sich nebenbei um die Kinder und kämpften noch mehr nebenbei um ihre Rechte", sagte Griesser-Stermschegg

Der Einsatz von weiblichen Arbeitskräften wurde von Industriellen begrüßt, waren doch die Lohnkosten erheblich geringer. Aufgrund der angespannten wirtschaftlichen Lage wurde eine bessere Ausbildung für Frauen auch als Potenzial für eine höhere Produktivität gesehen. Das spielte auch den Bestrebungen der noch jungen Frauenbewegung in die Hände, um Lohngefälle zu thematisieren.

Lohngefälle zwischen Mann und Frau existieren bedauerlicherweise noch immer. Jedoch können Frauen heute in vielen Ländern jeden Beruf ergreifen. Außerdem sind so manche Anachronismen verschwunden. "1873 durften Frauen den Frauenpavillon nur dann besuchen, wenn ihre Männer bereits Eintrittskarten gekauft hatten", sagte Aufreiter.