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Argentinien: 85 Tote - und niemand ist schuld

Von Antje Krüger

Politik

Ein argentinisches Bundesgericht hat im Prozess um den Bombenanschlag auf das jüdische Zentrum 1994 alle fünf Hauptangeklagten mangels Beweisen freigesprochen.


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Zehn Jahre nach dem verheerenden Bombenanschlag auf das jüdische Gemeindezentrum AMIA am 18. Juli 1994 in Buenos Aires, bei dem 85 Menschen ums Leben kamen und mehr als 300 verletzt wurden, gibt es kaum noch Hoffnungen, die Köpfe des Attentats oder auch nur ihre Helfer zur Verantwortung ziehen zu können. Denn der Prozess gegen die argentinischen Helfer der wahrscheinlich arabischen Terroristen endete am 2. September in einem Debakel.

Die Hypothese, auf deren Grundlage zehn Jahre lang ermittelt wurde, stellte sich als falsch heraus. Die fünf Hauptbeschuldigten, der Autohändler Carlos Telledín sowie vier Polizisten, wurden freigesprochen. Bisher war man davon ausgegangen, dass Telledín das Bombenauto zur Verfügung gestellt hatte und dieses von den Polizisten an die Terroristen übergeben wurde. Zwar wurde vom Gericht die Existenz des Bombenautos bestätigt, doch sei die ganze Geschichte drumherum konstruiert worden.

In dieser Aussage liegt die eigentliche Brisanz des Urteils. Seit Jahren schon klagen Angehörige der Opfer des Anschlags den argentinischen Staat und die Justiz der Komplizenschaft an. Sie würden den eigentlichen Hergang des Attentats vertuschen. Nun bestätigte das Gericht diese Anschuldigungen. Der Ermittlungsrichter Juan José Galeano hatte eine Hypothese falscher Beschuldigungen verfolgt, "um so den Forderungen der Gesellschaft nachzukommen und gleichzeitig die dunklen Interessen skrupelloser Politiker zu befriedigen", heißt es im Urteil. Galeano hatte unter anderem dem angeklagten Telledín 400.000 US-Dollar für eine Aussage bezahlt, welche die vier Polizisten in das Verfahren hineinzog.

Neben dem Richter Galeano zeigte das Gericht den ehemaligen Innenminister Carlos Corach und den Ex-Geheimdienstchef Hugo Anzorregui an, welche die Bestechungsgelder zur Verfügung stellten. Mit Ermittlungen müssen auch sieben Funktionäre, die von der Bestechung wußten, aber nichts taten, sowie zwei weitere Richter und mehrere Polizisten rechnen.

Das Urteil im AMIA-Attentat stellte somit alles auf den Kopf. Diejenigen, die seit acht und zehn Jahren als Beschuldigte hinter Gittern saßen, kamen frei, während ihre Richter nun mit Strafverfolgung rechnen müssen. Ein Urteil also, das nicht das Attentat aufklärt, sondern die Straflosigkeit, welche die Aufklärung unmöglich machte, bloß stellte. Die Schlussfolgerung ist bitter: Zehn Jahre Ermittlungen waren umsonst.