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Argentinien am Rande erneuter Krise

Von Konstanze Walther

Wirtschaft

Präsidentin Kirchner präsentiert 21 Mrd. Dollar Konjunkturpaket. | Anleger haben 14 Mrd. Dollar abgezogen. | Buenos Aires/Wien. Lange hat man in Lateinamerika geglaubt, dass diese Krise den Kontinent diesmal ausspart. Es sei bloß ein zyklischer Abschwung, wurde von den Politikern allerorts versichert. Doch eine aktuelle Umfrage der brasilianischen Stiftung Getulio Vargas, die in Zusammenarbeit mit dem Münchner Ifo Institut erstellt worden ist, zeichnet ein anderes Bild. Der Wirtschaftsklima-Index des Kontinents ist so tief gefallen, wie zuletzt vor 10 Jahren. Andere Barometer zeichnen sogar noch schlechteres Stimmungsbild als 1998 - damals, als die so genannte Argentinien-Krise ihren ersten Höhepunkt mit einer starken Rezession erlebte. Drei Jahre später, 2001, kollabierte das Finanzsystem des Landes. Argentinien hat heute, 2008, drei Jahre starken Wachstums hinter sich. Doch nach Einschätzung von südamerikanischen Ökonomen könnte 2009 Argentinien erneut in eine Stagnation fallen - vielleicht sogar in eine Rezession, wie zuletzt 1998. Eine Meinung, die offiziell nicht von der Regierung geteilt wird, die maximal von "geringeren Wachstumsraten" spricht.


In den vergangenen Jahren ist es dem zweitgrößten Land Südamerikas wirtschaftlich gut gegangen - das deutsche Auswärtige Amt attestierte dem Land noch diesen Frühling "chinesische Wachstumsraten". 2007 ist das Bruttoinlandsprodukt um 8,7 Prozent angestiegen.

Rückzahlungen an den IWF

2006 konnte Argentinien seine gesamten Schulden beim IWF in Höhe von 9,5 Mrd. Dollar vorzeitig zurückzahlen. Dank der Investment-freundlichen Bedingungen prügelten sich ausländische Anleger um die rentablen Ziele. "Argentinien ist eine Art Zufluchtsort der Investoren", hieß es 2005 etwa in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Dann kam die Krise im Agrarsektor und die Verstaatlichung des privaten Pensionssystems. Das zart gewachsene Vertrauen das Finanzsystem wurde wieder erschüttert - und es setzte die Kapitalflucht ein, eines der momentan größten Probleme Argentiniens. In den ersten neun Monaten des heurigen Jahres wurden laut der Zentralbank in Buenos Aires 14,38 Mrd. Dollar von argentinischen Bankkonten abgezogen und auf ausländische Institute verbracht. Der Trend geht noch immer ungebrochen weiter.

Die Regierung um Präsidentin Cristina Kirchner versucht nun verzweifelt, mit Steuererleichterungen das Geld wieder ins Land zu locken. Ihr Rezept: 6 Prozent Kapitalsteuer auf jene, die ihr Geld wieder ins Land holen, nur 3 Prozent Steuer für jene, die Staatsanleihen kaufen. Und die, die in Infrastruktur investieren, sollen nur mit einem Prozent besteuert werden.

Parallel dazu kündigte Kirchner ein Konjunkturprogramm im Umfang von 21 Mrd. Dollar an. Das Geld soll vor allem in den Bausektor fließen und dort die Zahl der Arbeitsplätze verdoppeln (von derzeit 362.000 auf 770.000). Außerdem solle ein Ministerium für Produktion aufgebaut werden.

Abhängig von den Exporten

Angesichts der Exportstruktur Argentiniens und der geringen Verflechtung mit den internationalen Finanzmärkten gingen die meisten Experten im Frühling noch davon aus, dass Argentinien von den Auswirkungen der internationalen Finanzkrise zunächst einmal gut geschützt ist. Doch die Abhängigkeit vom Exportsektor war schließlich auch für die Argentinien-Krise mitverantwortlich: Damals hat nicht nur die Bindung an den starken Dollar Argentinien gegenüber dem Ausland beinahe wettbewerbsunfähig gemacht. Sondern auch, dass die wichtigsten Handelspartner (Brasilien und Mexiko) ebenfalls in einer Krise waren - und den Import stoppten. Die Handelsbilanz war tief in den roten Zahlen.

Die Geschichte könnte sich jetzt wiederholen. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) prognostizierte in dieser Woche, dass sich das Wachstum von Mexiko von 1,9 (2008) auf 0,4 (2009) Prozent halbieren werde. Auch Brasilien, zuletzt mit Wachstumsraten von 5,3 Prozent, werde 2009 nur 3 Prozent erreichen.