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Argentinien setzt auf Nano und Bio

Von Alexander U. Mathé aus Buenos Aires

Wirtschaft
Argentinien - im Bild ein Strand in Patagonien - will seinen Bildungsstandard in die globale Waagschale werfen. Foto: sxc

Land des Tangos konzentriert sich auf Zukunftstechnologie. | Landwirtschaft wird biologisch. | BuenosAires. Der argentinischen Wirtschaft steht ein großer struktureller Wandel bevor. Präsident Néstor Kirchner hat das Land nach dem Zusammenbruch im Jahr 2001 wieder auf den Weg der Stabilität geführt. An seiner Nachfolgerin und Ehefrau Cristina Kirchner wird es nun liegen, dabei vorbereitete einschneidende Änderungen durchzuführen.


"Argentinien ist nicht ein Land, das sich über niedrige Lohnkosten einen Wettbewerbsvorteil verschaffen könnte", sagte Argentiniens Vizeminister für Wirtschaft, Oscar Tangelson, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Gegen Malaysien, Indonesien und Indien hätten wir einfach keine Chance." Darauf zu setzen scheint auch nicht wirklich logisch für ein Land, dessen hoher Bildungsstandard sogar die Weltbank in Entzücken versetzt. Bei solchen Voraussetzungen ist es schon näher liegend, auf Zukunftstechnologie zu bauen. "Wir haben einen eigenen Fonds für Nanotechnologie ins Leben gerufen. Damit finanzieren wir Unternehmen, die diese Technologie in Argentinien produzieren", erklärte Tangelson. Denn in spätestens 20 Jahren könne man ohne Nanotechnologie nicht mehr wettbewerbsfähig sein. "Wer dann Textilien produziert, die kein intelligentes Gewebe haben, wird auf seiner Ware sitzen bleiben." Doch Ausbildung und Entwicklung auf dem Gebiet brauchen ihre Zeit, daher will man in Argentinien schnell handeln, um rechtzeitig zum großen Boom der Nanotechnologie die Trümpfe in der Hand zu haben.

Kernkraft statt Erdöl

Auch den Ausweg aus der Energiekrise will Argentinien über seine hoch qualifizierte Bevölkerung finden. Die Stärke des Landes auf dem Gebiet der physikalischen Forschung mache die Kernkraft zu einem zentralen Faktor. "Wir müssen so wie die USA und Frankreich die Atomenergie nutzen, um dieses enorme Ungleichgewicht auszugleichen, das ein Barrel Öl um 90 Dollar bedeutet", ist Tangelson überzeugt. Verstecken brauche sich Argentinien in Sachen Atomkraft nicht, schließlich haben man sich bereits heute einen Konkurrenzkampf mit Frankreich liefern können, bei dem es darum ging, Australien ein Atomkraftwerk zu verkaufen. Gleichzeitig sollten aber auch alternative Energien wie Wind- und Sonnenkraft weiterentwickelt werden.

Die wirtschaftlichen Ambitionen der argentinischen Regierung sind breit gefächert und so setzt man nicht nur auf High-Tech. "Wir haben aufgehört, Tango und Maradona zu sein", sagte Tangelson: "Jetzt sind wir Tango, Maradona und Malbec." Die berühmte Weinsorte steht stellvertretend für die hochqualitative Produktpalette mit Ursprungsbezeichnung, mit der sich Argentinien künftig auf dem Weltmarkt positionieren will. Nur so, glaubt Tangelson, könne die Wettbewerbsfähigkeit Argentiniens auf dem Agrarsektor künftig sichergestellt werden.

Land wenig bebaut

Damit könnte man der EU in die Quere kommen, die schon seit längerem auf Qualität und Bio setzt. Doch Tangelson sieht hier einen entscheidenden Vorteil für Argentinien gegenüber der EU: "Auf einem Land, das 2000 Jahre lang ausgebeutet wurde, kann Landwirtschaft nur über Einsatz von Chemie betrieben werden. Das führt aber dazu, dass man irgendwann nicht mehr Gemüse, sondern Chemie isst." Nur ein landwirtschaftlich bisher so wenig genutztes Land wie Argentinien könne einen niedrigen Einsatz an chemischen Stoffen in der Landwirtschaft garantieren. Doch für den erfolgreichen wirtschaftlichen Neustart müssen erst zwei große Defizite aus dem Weg geräumt werden.

Großes Ungleichgewicht

Das eine ist die Ungleichverteilung von Vermögen und Einkommen. Denn Argentinien gehört zu den Ländern mit der am höchsten konzentrierten Wirtschaft der Welt. Während beispielsweise in den 90er Jahren Buenos Aires das Pro-Kopf-Einkommen von Belgien aufweisen konnte, hat die Provinz Formosa im Norden des Landes das Pro-Kopf-Einkommen von Kamerun. "Das heißt, wir haben eine Hauptstadt der ersten Welt, aber zehn Provinzen in Afrika", erklärte Tangelson.

Direkt damit zusammen hängt das andere Defizit des Landes: Die Infrastruktur. Argentinien hat für jeden Dollar, den es exportiert, Logistik-Kosten in Höhe von 27 Cent. Zum Vergleich: Die USA haben 7. Einer der Gründe dafür ist der mangelhafte Ausbau des Eisenbahnnetzes, als Resultat kurzsichtiger Rentabilitätsüberlegungen. Bestehende Bahnstrecken wurden teilweise sogar wieder abgebaut. Gab es in Argentinien früher 45.000 Kilometer Gleise, so sind es heute nur noch 10.000. Auch das Wirtschaftsbündnis Mercosur leidet darunter, weil Güter, die auch teilweise aus Brasilien kommen, nur sehr schwer zum Pazifik gelangen. In den Wintermonaten kommt es nämlich schon einmal vor, dass tausende LKWs an der Grenze zwischen Argentinien und Chile feststecken, weil der Schnee die Andenübergänge unpassierbar macht.

Das trübt den freudigen Blick in eine neue Richtung: "In 15 Jahren werden sich 50 Prozent des Weltmarkts im Nordpazifik abspielen", ist Tangelson überzeugt. Daher sehe Argentinien nun in Richtung Pazifik hin zu Asien und nicht mehr wie früher ausschließlich zum Atlantik nach Europa. Somit soll die Infrastruktur auch dahingehend angepasst werden. "Wir müssen zusehen, dass wir Mercosur-Produkte zum Pazifik bringen", forderte Tangelson. Schließlich müsse man die Welt im Sinn der Handelsströme neu überdenken.