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Argentiniens Zeitbombe tickt

Von Jan Uwe Ronneburger, Buenos Aires

Wirtschaft

In Argentinien braut sich ein immer gefährlicherer Cocktail zusammen. Während die Sparer noch Sturm laufen gegen die Einfrierung ihrer Guthaben und die Konfiszierung der Dollar, kündigte die Regierung schon den nächsten Schlag an. Alle noch im Banksystem festgehaltenen Peso-Ersparnisse sollen nun zwangsweise in staatliche Wechsel von zweifelhaftem Wert umgestellt werden. Die Regierung des peronistischen Präsidenten Eduardo Duhalde will mit dem Gesetzentwurf den Zusammenbruch des Bankensystems verhindern. Aber sie könnte das Fass auch zum Überlaufen bringen.


Mit Hilfe der Gerichte hatten immer mehr Bürger ihr Geld erstritten und die zuvor schon durch staatliche Maßnahmen geschröpften Banken an den Rand des Zusammenbruchs getrieben. Es sei nur noch Geld für eine Woche da, warnten Finanzexperten. In ihrer Not ließ die Regierung alle Banken und Wechselstuben von Montag an zwangsweise auf unbestimmte Zeit schließen. Über das Wochenende bildeten sich sofort bis zu 100 Meter lange Schlangen vor Geldautomaten. Die aber waren schnell leer. Statt wie geplant in Ruhe von den Zinsen ihrer Dollarguthaben zu leben, sollen die Menschen nun mit so genannten Bonex abgegolten werden, die erst in fünf oder zehn Jahren eingelöst werden können. Es ist bereits das zweite Mal in nur zwölf Jahren, dass die Ersparnisse auf diese Weise entwertet werden. Und auf das Zahlungsversprechen eines seit Anfang Jänner zahlungsunfähigen Staates gibt kaum jemand einen Pfifferling - höchstens 20% ihres Nominalwertes dürften die Papiere wert sein.

"Dies ist der letzte Akt eines plündernden Regimes", wetterte die oppositionelle Abgeordnete Elisa Carrio. "Sie werden rennen wie die Ratten", prophezeite sie den Regierenden. Ein Restaurantbesitzer rauft sich die Haare. "Die Gäste können nur noch mit Kreditkarten zahlen, aber ich bekomme mein Geld nicht mehr und muss bald schließen", klagt er. "Jetzt geht gar nichts mehr", berichten auch Immobilienmakler. Das Bauwesen liegt schon seit längerem darnieder.

Seit der frühere Präsident Fernando de la Rua kurz vor Weihnachten durch Massenproteste aus dem Amt gefegt wurde, sitzt den Politikern die Angst im Nacken. Wagen sie sich noch in die Öffentlichkeit, werden sie bestenfalls ausgepfiffen und nicht selten von einem wütenden Mob durch die Straßen getrieben. "Verschwindet alle", ist die beliebteste Parole bei allen Demonstrationen.

Während der einst legendäre argentinische Mittelstand seinem eigenen Niedergang hilflos zusehen muss, wird die Armut der breiten Masse der Bevölkerung immer verzweifelter. Bilder von Hunger und Mangelernährung gehören zu den absurden Nachrichten aus dem einst reichen Agrarland. Selbst robuste Gemüter fragen sich, wie lange es noch dauert, bis die Zeitbombe explodiert.

Wer kann, der flieht. Gut ausgebildeten Argentinier kehren in die europäischen Heimatländer ihrer eingewanderten Großeltern zurück. Die kulturelle Nähe zu Spanien und Italien, aber auch Deutschland oder Polen, und die meist bewahrte Staatsbürgerschaft machen die Rückwanderung verhältnismäßig leicht. Wer es sich leisten kann, flieht im Lande in die geschlossenen und teuren Wohnsiedlungen, in denen es wie in dem gepflegten Villenviertel einer US-Kleinstadt zugeht. Und alle versuchen, in den Dollar zu fliehen.

Viele flüchten in auch in etwaSarkasmus - ein junger Architekt etwa scherzt: "Eines Morgens wird es im Radio heißen, Argentinien sei nun aufgelöst. Die Bevölkerung wird aufgerufen, sich am Hafen einzufinden, um sich einzuschiffen. Frauen, Kinder und Alte zuerst." Richtig lachen kann er über seinen Witz nicht. dpa