Zum Hauptinhalt springen

Armani für jede Größe

Von Kurt Geisler

Reflexionen

Wieso eigentlich wird jede, die nicht wie Heidi Klum gebaut ist, als plumpe und problematische Figur bezeichnet? Wo liegt das Problem? Doch wohl am ehesten an einer Modeindustrie, die ihre wahren Marktchancen lange Zeit nicht richtig genutzt hat, die einem falschen Schönheitsbild nachgelaufen ist und damit die Normalität vernachlässigt hat.


Der Schlankheitswahn ist schädlich - für die Mode, für das Wohlbefinden der Frauen, für die Gesundheit und manchmal auch fürs Geschäft. Denn in der Realität sind die Mitteleuropäerinnen in den letzten Jahrzehnten figürlich stärker geworden. Schließlich befinden sich die Größen ab 44 in der Mehrheit. Nur ein Fünftel der Frauen passen in die Standardgrößen 36, 38, 40 und 42! Da hat die Industrie wohl irgendetwas verschlafen . . .

Randthema. Für Karl Lagerfeld kommen nur dürre Figuren in Frage, und andere Designer denken ähnlich. Auch im Einzelhandel wird das Thema "Mode für Dicke" vielfach in die Ecke gedrängt. Erstaunlich. Denn welche Frau hat schon die Idealmaße der Models aus den Hochglanzblättern in ein gewisses Alter gerettet, wer hat keine Problemzonen? Die Figur verändert sich, bei Mann und bei Frau. Zudem sieht man in Mitteleuropa eine stattlichere, größere Jugend heranwachsen, die durchaus "Figur" hat, aber hier und da ein paar Zentimeter mehr aufweist, teilweise durch Sport oder Fitnesstraining bedingt.

Bitte keinen Kartoffelsack! Übergrößen gab es schon immer. Vermisst wird eine richtige Mode für die Starken. Denn wer etwas mollig ist, möchte nicht unbedingt wie Oma herumlaufen. "Rund, na und", formulierte einmal die Schriftstellerin Margrit Schönberger in ihrem Buch gleichnamigen Titels, um trotzig ein Selbstbewusstsein pfundiger Menschen zu dokumentieren.

Das Thema ist generell ein wenig heikel. Denn die Sache beim Namen zu nennen, traut man sich nicht so recht. Da ist die Rede von den "Golden Girls" oder man weicht aus auf "Happy Size" oder Rubensfiguren oder Mode für Mollige oder nicht ganz schlanke Frauen, aber nur selten wird klar gesagt, dass es sich schlicht um große Größen handelt, wenn es um starke Figuren geht. Auch Maxi-Mode und Mollig-Chic konnte die Betroffenen nicht so recht ansprechen. Nun scheint man die Zauberformel für die "Mode 40 plus" gefunden zu haben: Anschlussgrößen! Nur ein kleiner Psycho-Trick und alles wird gut.

Wille. Der Berliner Spezialist Wille übersetzt die aktuellen Modetrends passformgerecht auf die Anschlussgrößen, selbst mit dem Anspruch auf Designer-Niveau. Bei ihren Handelspartnern in Holland und in der Schweiz gilt die Firma gar als "Armani für große Größen". Wille-Mitinhaberin Christine Stroppe: "Die Symbiose von aktueller Mode, hochwertiger Qualität und perfekter Passform muss stimmen". Im eigenen Berliner Laden in der Friedrichstraße/Ecke Leipziger Straße, wo auch ihre sportive Linie "ppep." Verkauft wird, spürt man die Dankbarkeit der Kundinnen: endlich Mode für uns! Ihre Anschlussgrößen gehen bis 54. In Wien zu haben bei Pia Antonia, Tuchlauben, und Titziana, Kaiserstrasse.

Mona Lisa. Der Name klingt italienisch, es ist aber ein deutscher Hersteller von Kombimode bis Größe 60. "SAMOON" ist eine "Anschluss"-Kollektion des Damenmoden-Spezialisten Gerry Weber. Und noch eine erwähnenswerte deutsche Kollektion für starke Frauen: Elena Grunert. Sie verspricht raffinierte Formen und extravagante Silhouetten.

Marina Rinaldi. Das Tochterunternehmen des italienischen Modemachers Max Mara setzt auf hochwertige Stoffe, die den Körper umschmeicheln. Und auf die Betonung schöner Taillen und Dekolletés, ist doch "la bella figura" in Italien alles andere als ein vom Hungertod gekennzeichneter Körper. Es gibt allein 280 eigene Rinaldi-Shops weltweit, mit schicker Mode von Größe 42 bis 52 sowie andere Kaufmöglichkeiten, so im Wiener Shop im Steffl.

Elena Miro. Das Label kreiert Trendkollektionen mit modischen Styles für den Cityalltag und das Büro, für Sport und auch Elegantes für den Abend. Furore machen die Italiener seit einigen Saisonen mit einer Modenschau anlässlich der Modemesse "Milano Moda Donna". Dort präsentieren 21 internationale Top-Models mit einer Konfektionsgröße ab 40 plus traumhafte Trends und Einzelstücke, die in handverlesene Elena Mirò-Geschäften in Italien verkauft werden. Die P-à-P-Kollektionen gibt´s weltweit, auch in Österreich.

Ulla Popken. Das Traditionsunternehmen, das "junge Mode ab Größe 42" anbietet, gibt es in über 300 Filialbetrieben in neun Ländern, besonders über Katalog bzw. per Versandhandel.

Gesine Moritz. Mit einem Outfit von Gesine Moritz kauft die Kundin echten Designer-Chic. Die Kölner Modemacherin vertreibt ihre etablierten Avantgarde-Kreationen bis Größe 48 in die ganze Welt. Seit einem Jahr hat sie sogar eine spezielle Linie für die Anschlussgrößen herausgebracht: "Moritz Plus". Diese reicht sogar von Größe 50 bis 58! "Genauso modisch, mit exklusiven Stoffen und raffinierten Schnitten wie bei den schlankeren Ausgaben".

Eigenerfahrung. Interessante Selbsterfahrung hat eine prominente Konsumentin von Übergrößen gemacht, die RTL-Ratgeberin von "Einsatz in vier Wänden", Tine Wittler. Sie spricht ironisch von "Moppel-Mode" und beklagt, dass sie oft beim Anprobieren das Gefühl habe, dass da jemand nicht nachgedacht hat. Beim Anziehen sitzen aufgrund der weiblichen Proportionen die Teile nicht richtig: vorne tief, hinten hoch.

Das hat die Wohnexpertin zu einem Online-Shop für Pummelige ab Größe 44 veranlasst. Sie hat ein paar Ratschläge parat: "Normalerweise hören die meisten Oberteile an der Hüfte auf, was meistens gar nicht so vorteilhaft ist - deshalb empfehlen wir, eine Handbreit länger zu messen, weil das den ganzen Oberkörper streckt." Und: "Man soll darauf achten, eher eine Nummer zu groß als zu klein zu kaufen. Es gibt nichts Schlimmeres, als dass andere Leute sehen: Zwei Zentimeter mehr Stoff wären besser".

Schlank zu sein ist "in", Diätenquälerei eingeschlossen. Doch das Leben ist mächtiger. Und: Mode ist für alle da. Wie modisch auch immer ein Kleidungsstück in Anschlussgrößen sein mag - die Verbraucherin muss sich in erster Linie wohl fühlen. Sollten aber alle Stricke oder gar Nähte reißen, bleibt immer noch der Gang zur Schneiderin. Aber, meine Damen, bei solcherlei Angeboten von Designern und Konfektion?