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Arme Universitäten - ehrlich

Von Ernest G. Pichlbauer

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Dr. Ernest G. Pichlbauer ist unabhängiger Gesundheitsökonom und Publizist.

Die fortschreitende Aushöhlung der medizinischen Universitäten durch immer mehr Patienten: Zum Wohle der Länder, zum Weh von Österreich.


Wer in Wien, Graz oder Innsbruck lebt, geht, wenn er ein Spital braucht, gerne in die Universitätskliniken. Dort, so der landläufige Verdacht, wird wirklich Spitzenmedizin betrieben. Kaum jemand weiß aber um die komplizierten Verhältnisse, die darin herrschen.

Die Spitäler Steiermarks, Tirols und Wiens - die drei Länder mit öffentlichen medizinischen Universitäten - kosten zusammen etwa fünf Milliarden Euro pro Jahr. 450 Millionen davon werden allerdings nicht durch die Länder bezahlt, sondern von den Unis selbst, die dafür vom Bund Geld kriegen. Das Bundesgeld - es ist im internationalen Vergleich sehr viel - soll dazu dienen, die "Mehr"-Kosten, die durch Forschung und Ausbildung von Medizinstudenten entstehen, abzugelten.

Wie in jedem Spital, arbeiten auch in Uni-Kliniken Ärzte, Pflege-, Verwaltungspersonal und so weiter. Allerdings stehen die Ärzte auf dem Lohnzettel der Uni, alle anderen auf dem des "gastgebenden" Landes. Die Sachkosten teilen sich beide. Und zwar zahlt das Land etwa 80 Prozent, den Rest die Uni. Seit vielen Jahrzehnten gibt es um diese Aufteilung Streitereien.

Seit einigen Jahren, was wohl nicht zufällig mit den größer werdenden Finanzproblemen der Länder zusammenhängt, werden immer mehr Patienten durch die Uni-Kliniken "geschleust". Pro Arzt und Jahr werden mittlerweile etwa 180 stationäre Patienten behandelt (Graz: 130, Innsbruck 210, Wien 175). Zum Vergleich: In den größten Spitälern, die keine Universität sind, sind es 235.

Nun, das schaut auf den ersten Blick so aus, als verfügten Unis über Reserven für Forschung und Lehre. Aber ist das so? Ein Blick in Nachbarländer bringt Klarheit. In der Schweiz werden pro Arzt 96, in Deutschland gar nur 60 Patienten behandelt. Da bleibt Zeit für international herzeigbare Forschung und qualitativ hochwertige Ausbildung - die eigentlichen Aufgaben der Universitäten. Bei uns wird diese Zeit wohl knapp, besonders in der Forschung. Kein Wunder also, dass immer weniger gute Forscher hier bleiben wollen.

Um diese Situation zu verbessern, ist es natürlich verlockend gleich nach mehr Uni-Ärzten zu schreien. Doch an der Anzahl liegt es nicht. In der Schweiz gibt es pro 100.000 Einwohner 25,1, bei uns 25,6 Uni-Ärzte. Deutschland, das ein praxisorientiertes Ausbildungssystem hat (ohne Turnus, diese Ausbildungsschritte sind in das Studium integriert), verfügt über 32. Dass unsere Uni-Ärzte so viele Patienten behandeln, liegt also nicht an einer "Unterausstattung", sondern an einer Überlastung mit "Routine-Fällen", die an einer Uni nichts zu suchen haben.

Verantwortlich dafür sind die Länder, die, zwar an Bundesgeldern und dem Prestige einer Uni, nicht aber an Forschung und Lehre interessiert sind. Und so werden diese als "Routinehäuser" eingeplant. Bei der lautstark geforderten Linzer MedUni vermute ich die gleichen Gründe.

Es ist zu vermuten, dass bei immer leereren Kassen die Routine weiter steigt. Allerdings verlieren wir damit Generationen an guten Wissenschaftern. Denn warum soll ein junger Forscher (junge Uni-Ärzte verdienen einen Spott und haben nur befristete Verträge; lediglich alte Professoren verdienen gut und sind zudem "leistungsfördernd" pragmatisiert) an der Uni bleiben, wenn er doch nur Routine macht? Mit der kann er außerhalb der Universitätsmauern mehr und sicherer Geld verdienen.