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Armenien: Gedenken an den Genozid

Von WZ Online

Politik

 Tausende Menschen haben am Freitag in der armenischen Hauptstadt Eriwan der Massaker an Armeniern im Osmanischen Reich gedacht. Die Teilnehmer der Gedenkveranstaltung zum 94. Jahrestag versammelten sich bei einem Denkmal auf einem Hügel der Stadt. Staatspräsident Serzh Sarkissian betonte, sein Land werde weiter dafür kämpfen, dass die Massaker als Völkermord anerkannt würden.

"Verbrechen gegen die Menschlichkeit haben kein Verfallsdatum, weder im Gedächtnis der Menschen noch in der Geschichte", rief Sarkissian. Bei der internationalen Anerkennung und Verurteilung des Völkermordes an den Armeniern gehe es darum, historische Gerechtigkeit wiederherzustellen.

Schon die Revolte der Jungtürken, die am 27. April 1909 den seit 1876 regierenden Sultan Abdulhamid II. stürzten und dessen machtlosen Bruder Reschad unter dem Namen Mehmed V. als ihre Marionette auf den osmanischen Thron setzten, war von Massakern an Armeniern in mehreren Landesteilen begleitet. Nach einem Militärputsch 1913 führten die Jungtürken unter Enver Pascha die Türkei an der Seite Deutschlands und Österreich-Ungarns in den Ersten Weltkrieg gegen die Entente-Mächte. Nach schweren militärischen Niederlagen warfen sie den christlichen Minderheiten, vor allem den Armeniern, vor, den Kriegsgegner Russland zu unterstützen, und organisierten deren Verfolgung und Deportation.

Die Türkei als Nachfolgerin des Osmanischen Reiches lehnt die Bezeichnung Völkermord ab. Zwischen beiden Ländern herrscht seit Jahrzehnten Eiszeit; am Donnerstag verständigten sich Ankara und Eriwan aber auf einen Fahrplan zur Normalisierung ihrer Beziehungen. Präsident Sarkissian zeigte sich am Freitag versöhnlich gegenüber dem Nachbarstaat Türkei: "Der Prozess einer Anerkennung des Völkermordes richtet sich nicht gegen das türkische Volk, und die Anerkennung des Genozids durch die Türkei ist keine Bedingung für die Aufnahme bilateraler Beziehungen."

Armenien, mehrere westliche Staaten und ein Großteil der internationalen Forschung sehen es als erwiesen an, dass bei den Massakern zwischen 1915 und 1917 bis zu 1,5 Millionen Menschen starben, und sprechen von Völkermord. Ankara weist den Völkermord-Vorwurf zurück, setzt die Zahl der Opfer weit niedriger an und argumentiert, die Armenier seien im Zuge einer Umsiedlungsaktion unter Kriegsbedingungen ums Leben gekommen. Außerdem seien bei Aufständen der Armenier im Osmanischen Reich Hunderttausende muslimische Türken getötet worden.

Auch die Armenier in Österreich gedenken des Beginns des Genozids. Am Vormittag fand im Hof der armenisch-apostolischen St. Hripsime-Kathedrale im 3. Wiener Gemeindebezirk eine Gedenkmesse statt. Am Abend erfolgt eine Kranzniederlegung mit Gebet am Denkmal für Franz Werfel (1891-1945) auf dem Schillerplatz. Der Schriftsteller hatte mit seinem Werk "Die vierzig Tage des Musa Dagh" die armenische Tragödie literarisch festgehalten. Auf dem Wiener Zentralfriedhof wurde 1995 ein Gedenkstein für die Opfer des Armenier-Genozids errichtet

Am 24. April 1915 war in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, die erste gezielte Aktion der vom (jungtürkischen) "Komitee für Einheit und Fortschritt" (Ittihad ve Terakki) gestellten kaiserlich-osmanischen Regierung gegen die Armenier ausgelöst worden. Staatspolizisten verhafteten im Morgengrauen Hunderte armenische Honoratioren - Parlamentarier, Beamte der Hohen Pforte, Industrielle, Journalisten, Künstler. Auf der Grundlage eines "provisorischen Gesetzes über die Verschickung verdächtiger Personen" wurde später aus Hunderten von Städten und Dörfern Anatoliens die armenische Bevölkerung deportiert, in Konzentrationslager gesteckt oder in die syrische Wüste getrieben.

Die bürokratisch geplante Verfolgung der Armenier wurde mit Wissen der damaligen Verbündeten durchgeführt, wie unter anderem aus den umfangreichen Aufzeichnungen des österreichisch-ungarischen Militärattachés und k.u.k. Feldmarschall-Leutnants Joseph von Pomiankowski und den Berichten deutscher Diplomaten hervorgeht.

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