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Ärmste verlieren am stärksten

Von Christine Zeiner

Politik

Die ärmsten Haushalte Griechenlands verloren in der Krise fast 86 Prozent Einkommen. Die deutsche Kanzlerin Merkel dämpfte vor Sondertreffen in Brüssel die Hoffnung auf schnelles Geld.


Athen/Berlin. Die ärmsten Griechen verlieren in der Krise am stärksten - das geht aus einer Studie über die Auswirkungen der bisherigen Sparpolitik hervor, die das deutsche Institut für Makroökonomie bei griechischen Wissenschaftlern in Auftrag gegeben hat. Die einkommensschwächsten Haushalte haben demnach im Jahr 2012 gegenüber 2008 fast 86 Prozent ihres Einkommens verloren, die reichsten 17 bis 20 Prozent. Fast jeder dritte griechische Haushalt habe 2012 von einem Jahreseinkommen von unter 7.000 Euro gelebt.

Für ihre Studie standen den Autoren Tassos Giannitsis von der Wirtschaftsuniversität Athen (und ehemaliger Sozial- und Innenminister Griechenlands für die sozialdemokratische Pasok) und Stavros Zografakis von der Agraruniversität Athen nur Einkommensdaten bis zum Jahr 2012 zur Verfügung. In diesem Zeitraum sanken die nominalen Bruttoeinkommen griechischer Privathaushalte im Schnitt um ein Viertel.

In mehreren Runden wurden Löhne und Gehälter in der Privatwirtschaft um 19 Prozent gekürzt. Der Mindestlohn sank, kollektivvertragliche Vereinbarungen wurden beschnitten. "Sicher sind die Löhne in den zehn Jahren vor der Krise höher gestiegen, als die Produktivität", sagte Giannitsis am Donnerstag in Berlin. Ökonomisch gesehen sei das nicht vernünftig gewesen. "Nun aber wurde zu viel gekürzt", befand Giannitsis. Zugleich stiegen die Steuererhöhungen, was die Einkommen um weitere 8 bis 9 Prozent schrumpfen ließ. Dazu wuchs die Arbeitslosigkeit auf 27 Prozent an. Unter den jungen Menschen bis 29 Jahren ist gar jeder zweite arbeitslos.

"Das griechische Budget muss auf Dauer in Ordnung gebracht werden", sagte Gustav Horn, Leiter des Instituts für Makroökonomie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. "Aber die bisherigen Maßnahmen haben die Nachfrage zum Erliegen gebracht." Nun müsse es "weitreichende Änderungen im politischen Kurs" geben. Horn glaubt an eine "Einsicht" unter den zuständigen Politikern, anderenfalls hätten vergangene Woche auch nicht die EU-Finanzminister dem Investitionsplan von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker zugestimmt. Helfen würden auch, so Horn, steigende Löhne in Deutschland, da diese die deutsche Nachfrage im Euroraum erhöhen würden.

Griechenland brauche außerdem mehr Spielraum auf der Ausgabenseite - zugleich müsse von Griechenland verlangt werden, den Schuldendienst zu leisten. "Je mehr Spielraum, umso weniger Zugeständnisse beim Schuldendienst. Beim einem kleineren Spielraum wird man dagegen nicht um einen Schuldenschnitt herumkommen."

Ein drittes Hilfsprogramm sieht Horn als unvermeidlich an. "Solange es keinen durchgreifenden Wachstumsprozess gibt, solange die Wirtschaft schrumpft, solange es riesige Lücken bei den Steuereinnahmen gibt, ist die Regierung nicht in der Lage, aus eigener Kraft den Schuldendienst leisten zu können."

Merkel dämpft Hoffnungen

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel dämpfte unterdessen Griechenlands Hoffnungen auf schnelles Geld der Euro-Partner. Entscheidungen dazu erwartete sie weder bei einem Sondertreffen am Rande des EU-Gipfels am Donnerstagabend noch beim Besuch des griechischen Premiers Alexis Tsipras am Montag in Berlin, erklärte die Politikerin noch im Vorfeld des Brüsseler Treffens. Die Eurogruppe sei zuständig. Und nur wenn das Land seine Zusagen einlöse, könnten die Partner helfen.