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Armut kann die Gesundheit gefährden

Von Wolfgang Zaunbauer

Politik

Tagung zu "Soziale Ungleichheit und | Gesundheit" in Wien. | Hoher Sozialstatus erhöht auch die | Lebenserwartung. | Wien. Wohlstand, Bildung und sozialer Hintergrund sind auch im 21. Jahrhundert noch immer wesentliche Faktoren für die Gesundheit eines Menschen. Das ist die ernüchternde Bilanz der 9. Österreichischen Präventionstagung, die am Donnerstag in Wien begann. Viel schlimmer noch: Die gesundheitliche Kluft zwischen Arm und Reich nimmt zu, warnt Rotkreuz-Präsident Fredy Mayer, stellvertretender Vorsitzender des Kuratoriums des Fonds Gesundes Österreich.


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Laut Statistik Austria liegt etwa die Lebenserwartung eines 35-jährigen Akademikers, also einer Person mit hohem sozioökonomischem Status, bei 81 Jahren. Die eines Pflichtschulabsolventen hingegen um sechs Jahre niedriger. Noch größer ist die Kluft in einigen neuen EU-Ländern. So beträgt der Lebenserwartungsunterschied etwa in Estland 13 Jahre.

Margaret Whitehead von der Universität Liverpool ortet mehrere gesundheitsgefährdende Faktoren der Armut: Schlechtere Lebens- und Arbeitsbedingungen, Arbeitslosigkeit und geringere Bildung auf Seiten der Betroffenen.

Kranke Pflichtschüler, gesunde Akademiker

Gerade wenn man Bildung als Maßstab hernimmt, sieht man klare Unterschiede im gesundheitlichen Bereich: Während 52 Prozent der Pflichtschulabsolventinnen übergewichtig oder fettleibig sind, trifft dies nur bei 28 Prozent der Akademikerinnen zu. Der Grund für diese Differenz: Während jede dritte Akademikerin mindestens einmal wöchentlich körperlich aktiv ist oder Sport treibt, ist es bei den Pflichtschülerinnen nur jede Fünfte. Der Anteil der Raucher unter den Hochschulabsolventen liegt um zehn Prozent niedriger als bei den Pflichtschulabsolventen (28 Prozent). Gleich groß ist der Unterschied bezüglich chronischer Krankheiten.

Die Ursache für dieses Ungleichgewicht ortet Christoph Hörhan, Leiter des Fonds Gesundes Österreich, in verschiedenen Lebensstilen und fordert die Schaffung "gesundheitsfördernder Lebenswelten" für alle sozialen Schichten.

Um dies zu erreichen, fordert Whitehead strukturelle Veränderungen der wirtschaftlichen, kulturellen und Umweltbedingungen. Auch beim Gesundheitssystem sieht sie für den Berich ÖffentlicherGesundheit Nachholbedarf und spricht sich für einen Ausbau der Infrastruktur bei gleichzeitigem Abbau von Zugangsbarrieren zum Gesundheitswesen aus.

Mit diesen strukturellen Maßnahmen müsse jedoch auch eine "Stärkung des Individuums" einhergehen, fordert Whitehead. Gemeint ist damit in erster Linie eine Erhöhung der Bildungschancen unterer sozialer Schichten, die zur Erreichung eines höheren sozioökonomischen Status und somit auch zu besseren gesundheitlichen Aussichten führen kann.

Keine Patentlösung für alle sozialen Schichten

Whitehead gibt allerdings auch zu bedenken, dass es keinen Königsweg zur Überwindung der sozialbedingten gesundheitlichen Ungleichheit gibt. "Wir müssen Strategien zur Gesundheitsförderung entwickeln, die ganz spezifisch auf die unterschiedlichen sozioökonomischen Gruppen Rücksicht nehmen. Man kann nicht davon ausgehen, dass eine Maßnahme, die bei einer Gruppe wirkt, das automatisch auch bei allen anderen tut."

Will heißen, es macht wenig Sinn, eine Kampagne gegen Übergewicht zu starten mit der Botschaft, öfter mal ins Fitnessstudio zu gehen, wenn sich die am meisten von Fettleibigkeit betroffene Gruppe dies nicht leisten kann.