Aschermittwoch: Ein heilsamer Spiegel für die Seele

Von Pater Johannes Regele

Gastkommentare
Pater Johannes Regele ist Distriktoberer der Priesterbruderschaft St. Pius X. in Österreich.
© privat

Die Asche führt uns drastisch vor Augen, wer wir sind.


Mit dem Aschermittwoch beginnt die 40-tägige Fastenzeit. An diesem Tag segnet der Priester die Asche, die aus den Palmzweigen des Vorjahres bereitet wurde, und streut sie den Gläubigen in Kreuzesform auf das Haupt oder spendet sie als Aschenkreuz auf die Stirn: "Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und zum Staub zurückkehren wirst."

Warum beginnen wir die Fastenzeit mit dieser so inhaltsreichen und symbolträchtigen Handlung? Die Asche ist das Zeichen für das Vergängliche schlechthin, schon ein schwacher Windstoß wirbelt sie auf, und nichts ist mehr da, was uns an das erinnert, woher sie kam. Die Kirche gebraucht dieses Bild, um uns an unsere eigene Vergänglichkeit zu erinnern, an die Möglichkeit, dass unser Leben scheitern könnte, aus eigener Schuld. Wer aber will das heutzutage noch hören? Die Menschen der Gegenwart ziehen es vor, die unangenehmen Wahrheiten des Lebens zu verdrängen, denen sich aber doch jeder eines Tages stellen muss.

Die Asche führt uns drastisch vor Augen, wer wir sind: vergängliche Wesen, die eines Tages alles hinter sich lassen müssen. Die bis dorthin verbleibende Zeit gilt es zu nutzen - wie haben wir die bisherige Lebenszeit genutzt? Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, führen uns diese Überlegungen wohl bald zur Erkenntnis der eigenen Schuld, zur Erkenntnis dessen, was wir als Christen Sünde nennen. Die Fastenzeit soll uns also helfen, uns unserer Verfehlungen Gott gegenüber bewusst zu werden, unserer Missachtung Gottes, aber durchaus auch unserer unzähligen, täglichen Verfehlungen unseren Mitmenschen gegenüber, auch uns selbst gegenüber. Darüber hinaus führt sie weiter zum nächsten Schritt, und das ist ihr eigentlicher und tiefer Sinn, nämlich zur Buße.

Die Buße stellt vor allem eine innere Haltung der Reue dar, um das Erbarmen Gottes zu erlangen. Das kommt sehr stark in den Gebeten der traditionellen Liturgie des Aschermittwochs zum Ausdruck. Als Menschen sind wir von unseren Sinnen abhängig, und so braucht diese innere Haltung, um wirksam zu werden, auch einen äußeren Ausdruck: das Fasten des Leibes. Was unsere Vorfahren durch viele Jahrhunderte hindurch als reinigend und heilsam für ihre Seele und ihren Körper ansahen, sollten wir nicht aus unserer heutigen Hybris heraus geringschätzen. Zwar liegt das Fasten in Zeiten gesteigerten Körperkultes im Trend, aber es geht um etwas viel Wichtigeres. Das Fasten soll uns frei machen von äußeren Abhängigkeiten und innerlich öffnen für Gott, uns einen wachen Geist geben, reifen lassen in unserem geistlichen Leben.

Noch bis vor wenigen Jahrzehnten war das Fasten an vielen Tagen des Jahres vorgeschrieben, nicht nur am Aschermittwoch und am Karfreitag. Und wenn die Kirche diese Fasttage vorschrieb, so tat sie es nicht, um die Menschen zu quälen, sondern sie gab ihnen damit ein wirksames Hilfsmittel für ihr Leben in die Hand. Heute kennen selbst die meisten bekennenden Katholiken kaum noch die echte Tradition des heilsamen Fastens. Hier erkennen wir glasklar, wie zerstörerisch das Sägen an den Wurzeln unseres christlichen Erbes, das nun schon etliche Jahrzehnte andauert, wirkt.

Es wäre wert, die Fastenzeit wieder zu entdecken, als eine große Chance, uns der Würde bewusst zu werden, die wir als Kinder Gottes haben - und die uns unsere Zeit so oft rauben will. Nehmen wir die Mahnung des Priesters ernst, die er zu uns bei der Auflegung der Asche spricht, und machen wir uns auf den Weg durch diese vierzig Tage der Fastenzeit.