Zum Hauptinhalt springen

Asfa-Wossen Asserate

Von Urs Fitze

Reflexionen

Der äthiopisch-deutsche Schriftsteller Asfa-Wossen Asserate ist der Meinung, den meisten Europäern fehle die seelische und geistige Ruhe. Um diesen Zustand zu ändern, empfiehlt er sowohl die Rückbesinnung auf die christliche Religion als auch ein anmutiges und manierliches Verhalten.


Wiener Zeitung: "Manieren sind das Parfum, das vergessen lässt, das wir stinken," schreiben Sie in Ihrem Buch "Manieren". Denn diese seien dazu da, von unserer Hinfälligkeit abzulenken. Dienen Manieren demnach dazu, das zuzudecken, was wir gar nicht wissen wollen? Asfa-Wossen Asserate: Ja, aber nur in einem beschränkten Sinne. Denn Manieren sind nicht einfach eine Etikette des guten Benehmens, sondern sie sind letztlich der formale Ausdruck einer inneren Haltung, eines Inhaltes, der sehr viel gewichtiger ist als die Form selber. Manieren sind der ästhetische Ausdruck der Moral. Thomas Mann, für mich der bedeutendste deutsche Schrifsteller des 20. Jahrhunderts, hat diese innere Haltung in einem Brief an seinen Bruder Heinrich wunderbar zum Ausdruck gebracht. "Mein lieber Heinrich. Du bist mir zu absolut. Ich habe mir aber erlaubt, mir selbst eine Verfassung zu geben".

Bleiben wir beim Bild des Parfums. Wie mache ich jemanden darauf aufmerksam, dass er stinkt?

Wenn überhaupt, dann werde ich allenfalls von mir erzählen, wie sehr mir die aktuelle Hitze zu schaffen macht und wie sehr ein gerade von mir entdecktes Parfum mir hilft, den Schweissgeruch zu übertünchen. Mein Gegenüber wird den Hinweis richtig zu deuten wissen. Mit Sicherheit werde ich aber das Wort ,stinken´ nicht verwenden. Dieser Ausdruck ist in diesem Zusammenhang schlicht fehl am Platz.

Abzulenken von der menschlichen Hinfälligkeit könnte ja aber auch heißen, den anderen nicht ernst zu nehmen.

Ganz gewiss nicht. Ablenken heißt ja nicht, Probleme zu negieren. Jeder Psychologe wird Ihnen bestätigen, wie wichtig es für den Menschen ist, auch verdrängen zu können. Bezogen auf die Manieren heißt das: Es ist nicht meine primäre Aufgabe, über den anderen zu richten oder über ihn zu urteilen und schon gar nicht, ihn in welcher Weise auch immer zu verletzen. Für den manier-bewussten Menschen steht nicht das eigene Ich, sondern der Nächste im Mittelpunkt. Die Wurzeln dieser Haltung liegen im Christentum begründet, wo es so schön heißt: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst". Wer das beherzigt, der braucht sich über Manieren nicht lange aufzuhalten. Er hat sie verinnerlicht. Aber ich bin mir wohl bewusst, wie schwierig das in egozentrischen Zeiten wie diesen geworden ist.

Und wo liegen die Grenzen dieser vornehmen Zurückhaltung?

Es gibt sie nicht, zumindest wenn wir im Bereich des Alltäglichen und des menschlichen Zusammenlebens bleiben.

Einem vulgären Menschen, der zum Beispiel jemanden öffentlich bloßstellt, begegnen wir mit Nichtachtung. Das tun wir aus der Erkenntnis heraus, dass wir es niemals zulassen dürfen, uns auf das Niveau eines solch vulgären Menschen hinab zu begeben. Denn das hieße letztlich, dessen Verhalten und Regeln anzuerkennen.

Dann hätten auch die Manieren jegliche moralische Bedeutung eingebüßt. Dieses Nicht-Beachten ist in diesem Fall für einen manierlich handelnden Menschen die größte denkbare Strafe.

Ist die Bibel das Lehrbuch der Manieren?

Wenn wir von den europäischen Manieren sprechen, dann ist sie die wesentliche Quelle. Denn deren Ursprung liegt im Christentum begründet. Es gibt aber neben Golgatha, wo Jesus gekreuzigt wurde, noch eine zweite Wurzel: Hellas. Griechische Philosophie und der christliche Glaube haben gleichermaßen zu den europäischen Manieren beigetragen.

Aber war es nicht der europäische Hochadel, der aus Standesdünkel heraus die Manieren begründet und gefestigt hat?

Das stimmt. Aber deren eigentlichen Lehrmeister waren die Mönche und Nonnen in den Klöstern, die sowohl christlichen Glauben als auch die antike Philosophie vermittelten. Was sich dann an den adeligen Häusern als europäische Sittenlehre entwickelte, bildet bis heute das Gerüst der Manieren. Es war das Bürgertum, das diese Manieren übernahm, übrigens sehr zum Ärger des Adels, der damit gewissermaßen sein Privileg verlor. Das zeigt, dass den Manieren etwas Universalistisches anhaftet, sie bleiben nicht auf einen bestimmten Stand oder, modern ausgedrückt, eine Klasse beschränkt. Selbst die Proletarier, die vor einem Jahrhundert streikten, trugen dazu einen Melonenhut auf dem Kopf.

Den Streikenden ging es aber nicht darum, so zu werden wie die Fabriksherren . . .

Nein. Aber wir sprechen hier nicht von deren politischen Forderungen, sondern von ihrer äußeren Erscheinung als Ausdruck einer inneren Haltung. Und die Melone symbolisierte nichts weniger als die große Bedeutung, die der Streikende diesem Anlass beimaß. Da war auch eine entsprechende Bekleidung angebracht.

Das scheint aus heutiger Sicht kaum mehr vorstellbar.

Das mag sein. Aber das liegt etwa auch daran, dass kaum jemand mehr weiß, dass der bedeutendste deutsche Sittenlehrer, Adolph Freiherr Knigge, auch als wichtigster Philosoph der Aufklärung gelten darf. Gute Manieren, Anmut und Demut und der Glaube an Gott waren für Knigge so universal wie die Menschenrechte.

Sie haben einmal geschrieben, seit sie vor 40 Jahren nach Europa gekommen waren, hätten sie den Eindruck, die Europäer stünden unter einem ständigen inneren Druck. Was meinen Sie damit? Was ihnen letztlich fehlt, ist die seelische und geistige Ruhe. Das habe ich während meiner afrikanischen Kindheit, aber auch auf Reisen in Asien oder Lateinamerika ganz anders erlebt. Dort gibt es einen Hort, den die Menschen haben: die Religion. Die Europäer sind derweil zu Sinnsuchern geworden. Das macht sie unruhig und lässt sie unter diesem permanenten Druck leiden.

Wo läge denn das Seelenheil der Europäer?

Es liegt ganz nah: in der christlichen Religion. Aber keiner will mehr dorthin. Die Europäer tun so, als ob es keine Kirche mehr gäbe. Aber sie realisieren nicht, dass sie damit auch ihre eigenen Wurzeln verleugnen. Nicht einmal mehr in der Präambel der europäischen Verfassung gibt es Gott. Das grenzt an Selbstverleugnung. Wie sollen Politiker, aber auch die Bevölkerung, verantwortungsbewusst und moralisch handeln, wenn sie das Streben nach etwas Höherem, symbolisiert durch Gott, aufgegeben haben? Das sind doch universale Werte, die auch für Angehörige anderer Religionen gelten. Golgatha, aber auch Hellas, geraten leider in Vergessenheit. Und damit auch die Manieren.

Manieren zelebrieren die Ungleichheit, zumindest dann, wenn ich mein Gegenüber wichtiger nehme als mich selbst. In einer Demokratie sind aber alle gleich. Lässt sich dieser Widerspruch überwinden?

Nein. Der Politiker, der während des Tages im Parlament demokratische Gesetze beschließt, wird am Abend, wenn er zu einem Empfang eingeladen ist, sich manierlich verhalten und damit die Ungleichheit akzeptieren. Doch ich halte das für unproblematisch. Es sind zwei Mäntel, die wir abwechselnd tragen. Wir sollten da vor allem den Manieren die leichte, spielerische Seite abgewinnen. Denn todernst ist diese Sache nicht. Und wer die Einhaltung gesellschaftlicher Umgangsformen für sich selbst einfordert, hat das Wesen der Manieren nicht verstanden. Ein Mann hat die Pflicht, vor einer Frau aufzustehen, aber eine Frau hat nicht das Recht, die Einhaltung dieser Pflicht zu fordern. Wer als Mann vor einer Frau nicht aufsteht, tut sich selbst den größten Schaden an, er deklassiert sich selbst in seiner Humanität.

Was wären denn die perfekten Manieren eines Demokraten?

Als Willy Brandt, schon todkrank, Helmut Kohl im privaten Rahmen empfing, bat er seine Frau um den besten Anzug. Er konnte schon nicht mehr gehen und empfing Kohl auf der Bettkante sitzend. Als dieser bemerkte, er gehöre doch ins Bett, meinte Brandt: "Ich werde meinen Bundeskanzler doch nicht im Schlafanzug empfangen." Das war eine großartige Geste des Respekts und des Anstands. Ich würde mir wünschen, wir hätten in einer der über 2000 afrikanischen Sprachen auch nur ein ähnliches Wort für politische Gegner: mein Bundeskanzler!

Sie haben Ihre Kindheit als Prinz am äthiopischen Kaiserhof verbracht. Was nahmen Sie davon als wichtigstes Gut mit ins Leben?

Ganz klar: den Respekt vor dem Alter. Ich hatte das Privileg, in einem Haus aufzuwachsen, in dem die Generationen noch zusammenlebten. Wer da nur schon weiße Haare hatte, genoss den höchsten Respekt und die größte Verehrung. Hier lebten Großeltern, aber auch alte Onkel und Tanten Seite an Seite mit den Kindern. Wir kannten ihre Gebrechen, wir erlebten ihren Tod, und wir schätzten ihre Weisheit und Lebenserfahrung. Diese Nähe der Generationen kennen die jungen Europäer kaum mehr. Wenn sie den Respekt vor dem Alter nicht mehr haben, dann hat das primär damit zu tun, dass sie die Alten gar nicht mehr kennen.

Wo liegen die Ursachen?

Natürlich hat sich die Lebensweise gewandelt, der Alltag lässt sich weder mit jenem eines äthiopischen Hofstaates der 1950er-Jahre noch mit jenem in Europa vor zwei oder drei Generationen vergleichen. Die großen, die Generationen bindenden Familien sind zerfallen, wir sind alle zu egozentrischen Individualisten geworden. Dazu kommt ein Jugendkult, der bizarre Ausmaße angenommen hat. Alt werden erscheint da wie eine Krankheit. Aber ich glaube, die eigentlichen Ursachen liegen in der anti-autoritären Erziehung, die diesen Namen übrigens alles andere als verdient. Das, was im Zuge der 1968er-Bewegung als anti-autoritäre Erziehung propagiert wurde, war schlicht gar keine Erziehung. Die Folgen trägt die junge Generation von heute.

Das klingt arg zugespitzt.

Ein Jugendlicher hat mich nach einer Lesung angesprochen und meinte, das Einzige, was meine Generation ihm hinterlassen habe, sei eine gesellschaftliche Kälte. Ich musste ihm recht geben. Das schmälert nicht andere Errungenschaften der 68er, etwa den Mief, den sie nicht nur aus den Hörsälen vertrieben haben.

Haben Sie viele jugendliche Leser?

Ich habe in den vergangenen Jahren rund 150 Lesungen aus meinem Buch "Manieren" abgehalten. Etwa ein Fünftel der Zuhörer sind junge Leute unter 25 Jahren. Was sie mir sagen, stimmt mich optimistisch. Sie haben erkannt, dass wir an einem Scheideweg sind, gerade, was die Manieren betrifft. Damit meine ich nicht aktuelle Trends wie das Heiraten in Weiß oder Ähnliches, sondern die innere Haltung, die Moral, die allem unseren Handeln zugrunde liegen sollte.

Was werden diese jungen Leute verändern?

Das kann ich nicht genau beantworten. Aber mir scheint, sie suchen auf eine andere Weise als meine Generation. Sie haben weniger Hemmungen vor dem Religiösen und dem Göttlichen. Ich hoffe sehr, es gelingt ihnen, die Tradition mit der Moderne zu versöhnen. Dann brauchen wir uns um die Zukunft keine Sorgen zu machen.

Ist damit die Demokratie auch am Scheideweg?

Nein. Im Gegenteil. Wenn die Manieren wieder an Bedeutung gewinnen, gewinnt auch die Demokratie. Es gibt für mich keinen anderen Weg. Ein Mensch mit Manieren ist auch der beste Demokrat. Er weiß um unsere Schwächen, er weiß, dass wir im Kern uns selbst am nächsten sind, und er weiß, dass der Abgrund viel näher ist, als wir glauben wollen. Aber er wird nie aufhören, Ausschau zu halten nach dem letzten verbindenden Strohhalm. Und wenn wir ein gemeinsames Ziel haben, dann kann es nur darum gehen, zu verhindern, dass sich die Katastrophen des 20. Jahrhunderts wiederholen. Die Demokratie bietet dazu die besten politischen Aussichten. Und die Manieren sind Ausdruck des dafür notwendigen moralischen Fundamentes.

Was raten Sie Eltern, wenn sie ihren Kindern Manieren beibringen wollen?

Es gibt eigentlich nur ein Rezept: Sie müssen die Manieren vorleben, sie müssen Vorbilder sein in jeder Hinsicht. Das klingt schwerer als es ist. Ganz wichtig scheinen mir dabei die Tischmanieren. Es geht mir weniger um Dinge wie zum Beispiel die Anordnung von Messer und Gabel oder das richtige Halten des Bestecks als vielmehr um Verhaltensregeln: Warten mit dem Essen, bis alle am Tisch sind, die Köchin oder die Koch darf anfangen, um das beste Stück wird nicht gestritten, sondern man bietet es dem andern an, und auch die jungen Leute tragen unaufgefordert das Geschirr zur Spüle.

Sie kritisieren die Namensgebung der heutigen Eltern.

Leider sind Namen zur Modeerscheinung geworden. Zurzeit liegen in Deutschland gerade englische Namen wie Mortimer oder Alan weit vorne in der Gunst. Ausgerechnet in einer Zeit, in der soviel von der Autonomie des Kindes die Rede ist, hinterlassen Eltern ihren Nachkommen das schwere Gepäck eines Vornamens, der nach eigenen individuellen Vorlieben ausgesucht wurde. Stattdessen hätten sie Namen wählen können, die die ganze Breite des Männlichen oder Weiblichen enthalten, wahrhaft demokratische Namen wie Adam und Eva zum Beispiel.

Zur Person

Prinz Asfa-Wossen Asserate, geboren 1948 in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba, ist der Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie. Er wuchs am Kaiserhof auf und besuchte die deutsche Schule in Addis Abeba. Danach ging er nach Europa und studierte in Tübingen und Cambridge Jura, Volkswirtschaft und Geschichte. 1978 schloss er seine Studien mit einer historischen Dissertation in Frankfurt am Main ab.

1974, während der kommunistischen Revolution in Äthiopien, wurde sein Vater ohne Prozess hingerichtet und seine Familie verhaftet. Asfa-Wossen Asserate blieb in Deutschland und nahm 1981 die deutsche Staatsbürgerschaft an. Bis zum Sturz des Mengistu-Regimes 1991 war es ihm nicht erlaubt, in sein Heimatland zurückzukehren.

Von 1980 bis 1983 war Asfa-Wossen Asserate Chef der Presseabteilung der Düsseldorf Messegesellschaft, seither ist er als selbständiger Unternehmensberater tätig. Seit dem Ende der kommunistischen Herrschaft 1991 bemüht er sich intensiv um wirtschaftliche Verbesserungen in Äthiopien. Er ist auch der Gründer der ersten Menschenrechtsorganisation für Äthiopien und des "Orbis Aethiopicus", einer Gesellschaft für die Erhaltung und Förderung der äthiopischen Kultur.

Als Schriftsteller hat Asfa-Wossen Asserate zwar auch einige historische Studien über Äthiopien verfasst, aber bekannt geworden ist vor allem mit zwei Büchern anderer Art:

Manieren. Eichborn-Verlag, Frankfurt am Main 2003, 388 Seiten ( Taschenbuch im Verlag dtv).

Ein Prinz aus dem Hause David und warum er in Deutschland blieb. Scherz-Verlag, Frankfurt am Main 2007, 384 Seiten (Taschenbuch im S. Fischer Verlag, Frankfurt).