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Asoziale Medien

Von Thomas Seifert

Leitartikel

Den digitalen Feudalismus kann niemand wollen.


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Twitter war der Traum jedes Techno-Optimisten: ein Marktplatz der Ideen, eine Plattform zum Meinungsaustausch, eine digitale Agora - Demokratie 2.0, das Paradies. Die Sozialen Medien, so die Utopie, sollten den Marginalisierten eine Stimme und den Machtlosen ein Megafon geben.

Aus der Traum. Die Sozialen Medien sind zu Massenverwirrungswaffen verkommen, zu Gefühlsverstärkern in einer gereizten Gesellschaft. Und so ist die heutige Übermacht der Politik der Gefühle paradoxerweise eine direkte Folge der emotionslosen, kalten und kalkulierenden Algorithmen der Social-Media-Konzerne. Die Sozialen sind zu Asozialen Medien pervertiert, die Bosse der Silicon-Valley-Konzerne tragen Mitschuld an der Krise der demokratischen Öffentlichkeit, die vergangene Woche im Sturm eines enthemmten Mobs auf das Kapitol in Washington gipfelte.

Spät, aber doch, sieht man nun in San Francisco (Twitter), Mountain View (Google) und Menlo Park (Facebook), was man angerichtet hat. Donald Trump wurde von den Social-Media-Plattformen verbannt, seine QAnon-Sturmabteilung gleich dazu.

Vom US-Soziobiologen Edward O. Wilson stammt die Erkenntnis, dass das Problem der Menschheit darin bestehe, über "paläolithische Emotionen, mittelalterliche Institutionen und gottgleiche Technologien" zu verfügen. Twitter, Facebook und YouTube zielen direkt auf das limbische System, den Sitz der Gefühle im Gehirn - die Steinzeitschicht unseres Bewusstseins. Die Silicon-Valley-Oligarchen wissen: Emotion provoziert Aktion, zumindest einen Click. Und die Währung in den Sozialen Medien ist nun einmal Interaktion.

Aber den derzeitigen digitalen Feudalismus, in dem Social-Media-Landlords ihre Claims abstecken (© ars-electronica-Chef Gerfried Stocker) und absolut herrschen, kann niemand wollen. Sollen etwa Silicon-Valley-CEOs entscheiden dürfen, wer Zugang zu ihrem Milliardenpublikum erhält und wer nicht?

Nein! Die digitale Sphäre braucht Regulierung, Verantwortlichkeit gegenüber dem Recht, transparente Rekursmöglichkeiten und Rücksichtnahme auf die Wertesysteme der Weltregionen, in denen die Unternehmen operieren. Das US-Magazin "Wired" - übrigens das Fanzine der Techno-Utopisten - brachte vor kurzem einen interessanten Gedanken ins Spiel: nämlich das Verbot von Zielgruppenwerbung, jenem Geschäftsmodell dieser Konzerne, das zu Filterblasen, hermetisch abgeschlossenen Echokammern und einer immer stärkeren Zersplitterung der Gesellschaft geführt hat. Die Lösung liegt in einem digitalen Humanismus, der den Menschen wieder ins Zentrum der Technologie stellt. Damit der digitale Traum eines Tages wahr wird.