Astronomischer Kassenschlager

Von Christian Pinter

Reflexionen
Ikonisches Plattencover: Die Prismenwirkung hat der Engländer Isaac Newton 1665 entdeckt.
© Warner Music Central Europe

Vor 50 Jahren erschien Pink Floyds epochales Konzeptalbum "The Dark Side Of The Moon".


Im März 1973 wird ein heute legendäres Album veröffentlicht. Es setzt Maßstäbe, hievt die englische Rockgruppe Pink Floyd in die "Superliga". Die LP wird sich gut 14 Jahre lang in den US-Billboard-Charts halten und 45 bis 50 Millionen Mal über den Ladentisch gehen.

Syd Barrett, einstiger Mastermind der Band, ist darauf nicht mehr zu hören. Der Kunststudent war ab 1966 mit dem Bassisten Roger Waters, dem Drummer Nick Mason und dem Keyboarder Richard Wright im Londoner Underground-Club UFO aufgetreten. Syd spielte Gitarre und schrieb die meisten Songs. Auch den Bandnamen "Pink Floyd" hatte er ersonnen, in Verehrung der schwarzen US-Bluesmusiker Pink Anderson und Floyd Council.

Gilmour statt Barrett

Die vier jungen Musiker aus England, geboren zwischen 1943 und 1946, prägten die Psychedelic Music und den Space Rock der Sechzigerjahre mit. Mit Songnamen wie "Astronomy Domine", "Set the Controls for the Heart of the Sun" oder "Interstellar Overdrive" griffen Pink Floyd weit ins All hinaus. Die Band experimentierte aber auch mit Beschallungstechnik und visuellen Effekten. Das Publikum sollte geradezu in ihre Musik "eintauchen".

Syd Barrett litt unter krassen Stimmungsschwankungen und konsumierte LSD. Auf der Bühne stimmte er schließlich die falschen Songs an oder erstarrte völlig. 1968 stellte man ihm den Sänger und Gitarristen David Gilmour zur Seite, der ihn schließlich ablöste. Mit dem Ausklang der Psychedelic Music sah sich die Band in Gefahr, zum Fossil zu werden, und suchte zunehmend nach neuen Wegen.

Im November 1971 treffen die Musiker einander in Masons Haus. Sie sammeln Ideen für ihr achtes Studio-Album. Die von Roger Waters verfassten Lyrics werden sich um Phänomene drehen, die Menschen in den Wahnsinn treiben können: Isolation, das berufliche Hamsterrad, die Herrschaft des Geldes, Gewalt, der unerbittliche Lauf der Zeit oder die Gewissheit des Todes. Wie Waters später erklärt, geht es in diesem Konzeptalbum aber auch um Empathie: Um die Fähigkeit, sich in andere hineinversetzen und mitfühlen zu können.

Der Titel des Liederzyklus’ - "The Dark Side Of The Moon" - wirkt zunächst seltsam. Denn eine beständig dunkle Seite besitzt der Mond gar nicht. Alle Mondpartien unterliegen dem Wechsel von Tag und Nacht, werden nach und nach von der Sonne beleuchtet. Schon kurz nach seiner Entstehung vor viereinhalb Milliarden Jahren hat die Erde ihrem Begleiter eine "gebundene Rotation" aufgezwungen. Eine Umdrehung des Mondes um seine Achse dauert seither ebenso lange wie ein kompletter Umlauf um die Erde. Deshalb wendet uns der Mond stets die gleiche Seite zu. Die andere verbirgt er vor unserem Blick. Bis 1959 wusste niemand, wie diese aussieht. Da man "unbekannt" bzw. "ungewiss" poetisch auch mit "dunkel" verband (vergleiche: "Im Dunkeln tappen"), verfielen etliche Menschen dem Irrglauben, die erdabgewandte Mondseite sei tatsächlich beständig finster.

Daran dachte auch Mark Twain, der sich 1897 in Wien niederließ. Im gleichen Jahr erschien sein Reisebuch "Following the Equator" mit dem Zitat: "Jeder ist ein Mond und hat eine dunkle Seite, die er niemandem zeigt." Diese Mondseite diente Twain als Metapher für das Verborgene in der Menschenseele.

In der Abbey Road

Pink Floyd übernehmen diesen Gedanken. Die Musiker proben ab Anfang 1972 in einem Londoner Lagerhaus der Rolling Stones. Geld verdient man damals (wie heute) vor allem mit Konzerten. Deshalb wird die Arbeit von Auftritten in England, Japan, den USA und Deutschland unterbrochen. Auf der Bühne spielen Pink Floyd auch schon die neuen Songs, wenngleich noch ohne den späteren Feinschliff. Bei einem Londoner Gig entsteht ein Bootleg, das noch vor dem Original die Runde macht. 50 Jahre später werden weitere Mitschnitte trotz mangelnder Tonqualität auf Spotify auftauchen ("Pink Floyd 1972").

Pink Floyd im Jahr 1972: Richard Wright, Nick Mason, Roger Waters, David Gilmour (v.l.n.r.).
© Hipgnosis, Pink Floyd Music Ltd

Autorisiert aufgenommen wird ab Mai 1972 mit der taufrischen 16-Spur-Bandmaschine der Abbey Road Studios, damals noch "EMI-Studios" genannt. In diesem 1831 errichteten Londoner Haus hatten die Beatles mit ihrem Produzenten und den Toningenieuren neue Techniken entwickelt. Pink Floyd profitieren davon. Die überragende Klangqualität ist auch dem Tontechniker Alan Parsons geschuldet, der schon am Beatles-Album "Abbey Road" oder an Pink Floyds LP "Atom Heart Mother" mitgewirkt hat. Sein später gegründetes Alan Parson’s Project wird Ohrwürmer wie "Eye In The Sky" oder "Lucifer" abliefern. Pink Floyd stoppen die Recording Sessions, wenn Waters’ Lieblingsmannschaft Arsenal spielt oder die BBC "Monty Python’s Flying Circus" ausstrahlt. Die Musiker finanzieren später den Spielfilm "Die Ritter der Kokosnuss" mit.

Songs ohne Pausen

Roger Waters legt Studiomitarbeitern und Roadies einen Stapel Fragen vor. Er startet ganz unverfänglich mit Lieblingsessen und Lieblingsfarben, landet dann aber bei Themen wie Gewaltausübung, der Angst, verrückt zu werden, oder jener vor dem Sterben. Ein Teil der Antworten wird, ebenso wie Sounds aus dem EMI-Archiv, in die Songs eingebettet. Der Autodidakt Wright webt Klangteppiche am Klavier und kümmert sich um die Arrangements der Lieder. Sie gehen ohne Pausen ineinander über.

Gleich zu Beginn simuliert Mason mit Hilfe seiner Basstrommel den Herzschlag. Dann klingen einige Soundschnipsel der folgenden Songs an. Der Name dieser Ouvertüre - "Speak To Me" - will vielleicht die Bedeutung des zwischenmenschlichen Austausches betonen. Das folgende Lied, "Breathe", fordert jedenfalls dazu auf, das Leben selbstbestimmt und in vollen Zügen zu genießen. Schließlich sind es die Erlebnisse und Erfahrungen, die unser kurzes Dasein ausmachen. Die Akkorde sind jazzgefärbt, der Soundtüftler Gilmour setzt eine zweihälsige Pedal-Steel-Gitarre ein, die man sonst eher aus der Country-Music oder dem Blues kennt.

"On The Run" erzählt von der Hektik beruflicher Reisen. Die hetzend wummernde Sequenz wird dem Synthie AKS entlockt, einem aktenkofferkleinen elektronischen Instrument der Londoner Firma EMS. Man lauscht der Durchsage auf einem Flughafen, ein Mensch läuft keuchend durch die Szenerie. Ein simulierter Hubschrauber jagt vorbei. Die Explosion erinnert daran, dass Reisen nicht ohne Risiko sind: Wright leidet unter Flugangst.

Der Song "Time" beginnt, als stünde man im Uhrenmuseum: Alan Parsons hat die läutenden und schlagenden Zeitmesser für einen anderen Zweck aufgenommen. Einem metronomähnlichen Ticken folgen Gitarrenklänge wie Glockenschläge, dramatisch und mahnend. Masons Rototoms scheinen aus der Ferne zu erschallen. Die Begleitsängerinnen Doris Troy, Lesley Duncan, Liza Strike und Barry St. John - im Produktionsplan schlicht "Girls" genannt - klingen noch ätherischer als Gilmours Gitarrensolo.

Thema ist die sich verändernde Wahrnehmung der Zeit im Lauf eines Menschenlebens. In Jugendtagen verschwendet man sie. Irgendwann sind zehn Jahre verflogen, und der Startschuss ist verpasst. Jedes Jahr mutet schließlich kürzer an als das vorangegangene, Pläne verlaufen im Sand, etliches bleibt unvollendet. Am Ende steht Enttäuschung, ja stille Verzweiflung. "The time is gone, the song is over, thought I’d something more to say", heißt es mehrdeutig. Wer die Platte erstmals in den Siebzigerjahren hörte, wird heute so manches davon nachempfinden können.

Bei "The Great Gig In The Sky" verwandelt Clare Torry ihre Stimme brillant in ein Instrument. Die auf Parsons Vorschlag engagierte Session-Sängerin denkt an Grauen, Schmerz und Tod. Sie improvisiert zu Wrights leicht jazzigem Pianospiel. Es wird allzu lange dauern, bis man ihre Mitautorenschaft an diesem grandiosen Lied anerkennt.

Klassiker im 7/4-Takt

Die zweite Seite der Vinyl-Scheibe startet spektakulär. Münzen fallen auf den Studioboden, Papier wird zerrissen. Hinzu kommen die Geräusche einer Registrierkasse und des elektromagnetisch angetriebenen Stufenschalters einer Telefonvermittlung. Tontechniker haben diese Sounds auf Band aufgenommen und die Bandschleife anschließend um einen Mikrofonständer gespannt. Bald beginnt Waters’ hypnotisierendes Bass-Riff, flankiert von Gilmours Gitarre: "Money" gilt als einer der berühmtesten Rock-Songs im 7/4-Takt. Das bluesige, druckvolle Saxophon spielt Dick Parry, den Gilmour aus Jugendtagen in Cambridge kennt.

Waters sieht sich als Sozialist. Sein Text dreht sich, wie die Welt, um den Treibstoff Geld - und dessen scheinheilige Beurteilung: Ergreife es mit beiden Händen, teile es gerecht, aber nimm ja kein Stück von meinem Kuchen! Und wer sagt, Geld sei die Wurzel allen Übels, gesteht dir erst recht keine Lohnerhöhung zu. Ausgerechnet dieser Song wird, als Single ausgekoppelt, Unsummen in den USA einspielen.

"Us And Them" beginnt mit Wrights Hammondorgel. Rotierende Lautsprecher lassen die Töne schweben. Klavierakkorde, der Frauenchor und zwei Sax-Soli zieren den sanften Song, der ursprünglich für das Filmdrama "Zabriskie Point" gedacht war - Michelangelo Antonioni fand ihn allerdings zu "kirchlich".

Der nahtlose Liederzyklus wird bloß vom Wenden der Vinylscheibe unterbrochen ...
© Pinter

Waters’ Vater, anfangs Kriegsdienstverweigerer, dann Kämpfer gegen den Faschismus, ist 1944 in Anzio gefallen. Im Text geht es um die Frontlinie, die Menschen trennt, aber auch um Ab- und Ausgrenzung, Abwertung, soziale Kälte und Rassismus. Statt sich von Abneigung steuern zu lassen, kann man sich im Anderen auch wiederfinden und so die Kluft zwischen "Us" und "Them" überwinden: Für Waters ist das eine fundamentale Frage der Menschheit. Ohne Text, dafür mit Synthesizerklängen und spitzen Gitarren-Soli, kommt "Any Colour You Like" aus. Der Songname ist sarkastisch gemeint und soll wohl die Frage nach der tatsächlichen Wahlfreiheit aufwerfen.

Früher dachte man, der Mond hätte prägenden Einfluss auf die menschliche Stimmung. "Mondsüchtig" stand für schlafwandelnd, das Mondkalb war wegen des angeblich schädlichen Mondeinflusses missgebildet. Auch unsere Begriffe "Laune", "launenhaft", "launisch" oder "launig" fußen letztlich auf luna (lateinisch: Mond). Ähnlich ist das mit den englischen Worten "lunacy" (Wahnsinn) oder "lunatic" bzw. "loonies" (der Verrückte bzw. die Verrückten).

Der Song "Brain Damage" startet mit Erinnerungen an die Jugendtage in Cambridge, wo der Rasen nicht betreten werden durfte. Doch: "The lunatic is on the grass". Wer gegen die Regeln verstößt, wird rasch für verrückt erklärt. Das stellt die Ordnung wieder her. Im schlimmsten Fall droht das Skalpell: Die Zeile "You raise the blade" spielt auf die Lobotomie an - eine oft zwangsweise durchgeführte, stark persönlichkeitsverändernde Operation. Der Damm bricht früh, der Kopf explodiert mit dunklen Vorahnungen, man schreit, doch niemand scheint’s zu hören - zweifellos denkt Waters bei diesen Zeilen auch an seinen Freund Syd Barrett: "And if the band you’re in starts playing different tunes, I’ll see you on the dark side of the moon."

Diese "dunkle Seite des Mondes" ist das Unterbewusste, das Irrationale, das nur mühsam Kontrollierte. Dass man einander dort treffen kann, bedeutet: Weil man selbst eine dunkle Seite in sich trägt, kann man die eines anderen Menschen verstehen. Geschmückt wird der von Waters gesungene Text vom eigentümlichen Lachen des Roadmanagers Peter Watts, Vater der späteren Schauspielerin Naomi Watts.

Die erdabgewandte Mondseite (r.) sieht anders aus, ist aber nicht beständig dunkel.
© NASA / Pinter

Mit "Eclipse" - der Begriff steht hier für eine astronomische Sonnenfinsternis - hebt der melodiöse Songzyklus zu seinem triumphalen Finale an. Der Text zählt offensichtlich auf, was das Leben ausmacht: Alles was man berührt, sieht, fühlt, liebt, hasst, gibt, stiehlt, erschafft oder zerstört; alles was ist, war und sein wird. Alles unter der Sonne sei "in tune", also wohlgestimmt bzw. im Einklang. Doch die Sonne wird vom Mond verfinstert: "But the sun is eclipsed by the moon".

Bevor der simulierte Herzschlag ausklingt, klärt der Studioportier Gerry O’Driscoll noch auf: Es gibt gar keine dunkle Seite des Mondes, tatsächlich ist er zur Gänze dunkel. Fürwahr, denn ohne Sonnenlicht bliebe der Mond ein finsterer Geselle. Die uns zugewandte Mondseite ist zu einem Drittel von dunkelgrauen Lavaflächen überzogen. Sie zeugen von einer Zeit, als sich Gesteinsschmelzen aus dem Inneren an die Oberfläche erbrachen. So entstand das uns vertraute "Mondgesicht". 1959 sandte die sowjetische Sonde Luna 3 erstmals Fotos der Mondrückseite zur Erde. Wie sich zeigte, fehlen Mondmeere dort fast völlig, wohl der dickeren Mondkruste wegen. Zur Frage, warum die Kruste hinten dicker ist als vorn, gibt es mittlerweile konkurrierende Theorien. Im Dunkeln liegt also nicht die erdabgewandte Mondseite, sondern der eigentliche Grund ihrer Andersartigkeit.

Legendäres Klappcover

Unter mehreren Vorschlägen wählen die Bandmitglieder ein betont schlicht gehaltenes Motiv für das Klappcover aus. Es wird ikonisch. Vor schwarzem Hintergrund spaltet ein Prisma den weißen Lichtstrahl in Spektralfarben auf. Dieses Phänomen hatte Isaac Newton drei Jahrhunderte zuvor in seinem Heimatdorf entdeckt, während die Universität Cambridge der Pest wegen geschlossen hatte.

Das Deluxe-Boxset von "The Dark Side Of The Moon" zum 50. Jubiläum.
© Warner Music Central Europe

Die sechs stilisierten Farbbänder erinnern an die opulenten Lichtshows Pink Floyds. Klappt man das Cover auf, bildet das grüne Band ein EKG des Herzschlags nach - und greift so ein akustisches Motiv der Platte auf. Das Prisma ähnelt außerdem einer Pyramide: Diese steht für Ehrgeiz und, denkt man an die Pyramide auf der 1-Dollar-Banknote, wohl auch fürs Monetäre.

Der Plattenpräsentation im Londoner Planetarium bleiben drei der vier Bandmitglieder fern. Später wird ihr Album in zahlreichen Planetarien zu hören sein, wie etwa jüngst in Schwaz, Tirol. Zuletzt nahm sich auch der österreichische Akkordeonist Otto Lechner der hochgerühmten LP an. Er spielte deren Songs 2022 beim Festival Glatt & Verkehrt in Krems - zeitweilig unterstützt von Karl Ritter an der Gitarre und Pamelia Stickney am ätherisch anmutenden, berührungslos gesteuerten Theremin. Am 1. März führt Otto Lechner "The Dark Side Of The Moon" jetzt noch einmal auf - in der Sargfabrik in Wien. Der Auftritt wird ab 19:30 Uhr auch live im Internet übertragen.

Christian Pinter, geboren 1959, schreibt seit 1991, hauptsächlich über Astronomie, im "extra" der "Wiener Zeitung". Im Internet: www.himmelszelt.at