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Atatürks dunkles Erbe: In seinem Zeichen wird der "Tiefe Staat" geformt

Von Georg Friesenbichler

Analysen

Wenn es um das Kopftuch geht, erinnert man sich in Europa gerne an Mustafa Kemal Atatürk. Im Zuge einer strikten Trennung von Staat und Religion erließ der Staatsgründer der Türkei das Verbot, dieses Symbol des Islam zu tragen. Weil sich der "Vater der Türken" auch in anderer Hinsicht die europäische Zivilisation zum Vorbild nahm, wird er in den Augen des Westens zum Vorbild im Kampf gegen den Islamismus.


Absurderweise sind es aber gerade die nach Atatürk benannten Kemalisten, die heute einem möglichen Beitritt zur EU wesentlich skeptischer gegenüber stehen als die gemäßigt-islamische Regierungspartei AKP. Ihnen sind andere Erbstücke aus Atatürks Vermächtnis mindestens ebenso wichtig: Der Nationalismus, die Unterdrückung von Minderheiten wie Kurden oder Armeniern, eine starke Armee als Stütze des Staates. Diese gilt nach Einschätzung von internationalen Strategieexperten bis heute als wirklicher Stabilitätsfaktor des Landes.

Aus Streit- und Sicherheitskräften, Justiz, nationalistischen Parteien, der rechtsextremen Untergrundorganisation der "Grauen Wölfe" und Teilen der Wirtschaft - jenen, die sich vor allem aus der umfangreichen Schattenwirtschaft finanzieren - rekrutieren sich Kräfte, die die türkische Identität allerdings auch mit Gewalt verteidigen wollen. Die Existenz dieser einflussreichen und informellen Koalition, die im Türkischen als "derin devlet" ("Tiefer Staat") bezeichnet wird, wird von führenden Politikern seit Jahrzehnten beklagt. Jüngst warf AKP-Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan die Frage auf, ob dieser "tiefe Staat" nicht der moralische Urheber des Mordes an dem türkisch-armenischen Journalisten Hrant Dink sei.

Diese Vermutung scheint sich nun zu bestätigen: Nach dem Attentat wurden Bilder aufgenommen, die den ultranationalistischen Täter in Siegerpose zusammen mit lächelnden Polizisten und Gendarmen zeigen - vor einem Atatürk-Denkmal. Zudem dürfte die Polizei schon elf Monate vor dem Mord Hinweise auf den geplanten Anschlag gehabt haben, ohne diesen nachzugehen.

Die Gendarmerie ist halb dem Verteidigungs- und halb dem Innenministerium unterstellt und im Südosten der Türkei maßgeblich für die Repression gegen die Kurden zuständig. Es gibt auch erdrückende Indizien dafür, dass die Streitkräfte in diesem Landesteil immer wieder blutige Anschläge verüben, um sie kurdischen Separatisten in die Schuhe zu schieben.

Fans hat der 17-jährige Mörder aber nicht nur in diesem Bereich - aus Solidarität mit ihm trugen Fußballzuschauer aus seiner Heimatstadt Trabzon im Stadion eine weiße Wollmütze, wie sie der Attentäter auf dem Fahndungsfoto aufgehabt hatte.

Der nationalistischen Welle kann sich auch die AKP nicht entziehen: Erdogan versprach, den von der EU beeinspruchten Paragraphen 301, der die "Beleidigung des Türkentums" unter Strafe stellt, "nicht völlig" abzuschaffen. 7