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Atom-Pirat Khan ist frei

Von WZ-Korrespondentin Agnes Tandler

Politik

Forscher soll Iran, Libyen und Nordkorea beliefert haben. | Zuhause ein Held. | Lahore. In Pakistan ist er ein Held, anderswo ein Verbrecher: Abdul Qadeer Khan, der Vater der pakistanischen Atombombe, hat vermutlich jahrelang einen Schmugglerring für Nuklearwaffen betrieben und Staaten wie den Iran, Libyen und Nordkorea mit Technologie und Know-how beliefert. Am Freitag hob das Oberste Gericht in Islamabad den seit 2004 bestehenden Hausarrest für den in Ungnade gefallenen Physiker auf. Khan hatte schon seit längerem gehofft, unter der seit fast einem Jahr amtierenden zivilen Regierung frei zu kommen. Der Wissenschafter hat in seiner Heimat viele glühende Verehrer, weil er es war, mit dessen Hilfe die islamische Nation mit ihren Erzfeind Indien gleichzog. Seit 1998 haben beide Staaten Atombomben.


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"Er hat den verbotenen Handel zu einer Kunstform entwickelt", schrieb das britische Wirtschaftsmagazin "The Economist" über den 72-jährigen Khan. Sein florierender Atom-Bazar erregte immer wieder Entsetzen. Etwa als Libyen Atom-Kontrolleuren die Tüte einer Reinigung aus Islamabad überreichte, in der Baupläne für eine chinesische Atombombe aus den 60er- Jahren steckten.

Der frühere pakistanische Präsident Pervez Musharraf stellte Khan 2004 nach einem öffentlichem Geständnis unter Hausarrest. Khan hatte damals erklärt, dem Iran, Libyen und Nordkorea beim Aufbau eines Atomwaffenprogramms geholfen zu haben. Doch weder US-Beamte noch Inspektoren der Internationalen Atombehörde in Wien durften ihn bislang zu seinen illegalen Geschäften befragen, sodass die Dimension seines Netzwerkes weiter unklar ist. Immer wieder gab es Gerüchte, dass auch Algerien, Saudi-Arabien und Syrien zu Khans Kunden gehörten. Es bleibt abzuwarten, ob internationale Kontrolleure Khan nun vernehmen dürfen.

Im Januar hatten die USA Personen und Firmen mit Verbindungen zu Khan mit Sanktionen belegt. Im vergangenen Jahr hatte der Atomwissenschafter erklärt, Pakistan habe im Jahr 2000 Geräte zur Urananreicherung nach Nordkorea transportiert - mit Wissen der pakistanischen Armee und der Regierung. Dies wurde von Pakistan dementiert. Khan hat damals auch bestritten, selbst etwas mit dem Atom-Schwarzmarkt zu tun gehabt zu haben. Die damalige Regierung habe ihn zu seinem Geständnis gezwungen, sagte er.

Khan soll europäische Pläne für eine Zentrifuge zur Urangewinnung, dem Schlüssel zur Atomwaffenproduktion, gestohlen haben, als er in den 70er-Jahren in einem Labor im niederländischen Amsterdam arbeitete. Die technischen Informationen sollen später als Basis für das pakistanische Atomprogramm gedient haben. Ein holländisches Gericht verurteilte Khan 1983 wegen Atomspionage zu vier Jahren Haft, doch das Urteil wurde später aus formalen Gründen aufgehoben.