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Atomarer Schachzug auch mit Blick auf Wahlen und Europa

Von Hanns-Jochen Kaffsack

Europaarchiv

(dpa) Präsident Jacques Chirac war erst wenige Monate im Amt, als er im Herbst 1995 mit unterirdischen Atomtests im Südpazifik auf sich und die "Grande Nation" aufmerksam machte. Als dieses Ziel erreicht war, konnte die heftig kritisierte Versuchsreihe eingestellt werden. Gut ein Jahrzehnt später greift der französische Staatschef auf einem Tiefpunkt seiner Karriere erneut zum "atomaren Feuer" und droht "Terrorstaaten" mit dem Einsatz der Bombe. Bei aller Sorge um die undurchsichtigen Pläne der Mullahs in Teheran ist seine "Anpassung der französischen Atomstrategie" auch ein innenpolitischer Schachzug. Und der Versuch, sein angekratztes Image bei den Verbündeten in Europa aufzupolieren.


Das Nein der Franzosen zur EU-Verfassung beim Referendum Ende Mai 2005 stürzte Europa in eine tiefe Krise. Mit Berlin über Kreuz in der Frage, wie die Verfassung nun noch gerettet werden kann, nimmt der 73-jährige Staatspräsident die Idee einer europäischen Verteidigung - mit Paris als atomarer Schutzmacht - wieder auf. 1995 hatte sich der französische Vorschlag einer konzertierten Abschreckung in Europa jedoch als Flop erwiesen.

"Er hat noch diesen europäischen Trumph", meint die Tageszeitung "Ouest-France". Denn einen Atomschirm haben sonst von den Europäern nur die Briten zu bieten. Die meisten vertrauen bisher lieber auf den US-Schutz. "Ein bisschen gaullistischer Stolz muss schon sein", sagten Kommentatoren am Tag nach der Rede, die vor allem im Ausland Wellen schlug. Hatte Chirac doch auch das Galileo-Navigationssystem, mit dem Europa unabhängig vom amerikanischen GPS wird, seit Wochen immer wieder als "Riesenerfolg" Frankreichs und der EU gefeiert.

Vor seinem atomaren Muskelspiel vom Donnerstag hatten Pariser Blätter begonnen, gehäufte Versprecher des Präsidenten aufzuzählen. In 15 Monaten wählen die Franzosen einen neuen Staatspräsidenten, die voraussichtlichen Daten für die Wahlgänge wurden am Tag von Chiracs Rede publik. Die ihn 2007 beerben wollen, auch aus dem eigenen bürgerlichen Lager, hatten ihn schon ins Abseits gedrängt. Nun sucht er ein neues Profil.

"Ein gutes Jahr vor der Präsidentenwahl holt Chirac zum rechten Zeitpunkt die wichtige Atomfrage aus der Vergessenheit. Er zwingt die Kandidaten für seine Nachfolge, Farbe zu bekennen", folgert die Zeitung "La Montagne". Natürlich sollen sich die Franzosen auch nach außen sicher fühlen, so wie sein "Superminister" und Widersacher Nicolas Sarkozy dies im Inneren verfolgt.