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Atombomben am Kudamm?

Von Markus Kauffmann

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Markus Kauffmann , seit 22 Jahren Wiener in Berlin, macht sich Gedanken über Deutschland.

Erst ein dumpfes Grollen, dann zittern Decke, Boden und Betten. | Am Ende atem beraubende Stille. Blass und knieweich steigt die Gruppe nach oben ans Tageslicht.


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Wer sich einen raschen und bequemen Überblick über die Geschichte Berlins verschaffen wollte, ging bis vor einigen Jahren ins Europa-Center, kaufte sich ein Päckchen Popcorn und versank in einem Sessel einer unterhaltsamen Multi-Media-Show, die so ähnlich in vielen Großstädten zu sehen war. Eines Tages schloss dieses opulente Déjà-vu für immer seine Kinokassen.

Bis eines Tages am Kurfürstendamm eine private Initiative die "Story of Berlin" eröffnete, wobei die Stadt - im Amerikanischen wie im Deutschen - nicht wie Böhlin, sondern wie Bölinn, also auf der zweiten Silbe betont, ausgesprochen wird.

Zwischen zwei bekannten Boulevard-Theatern findet sich der Eingang zum "Kudammcarrée", einer riesigen Immobilie mit Shopping-Mall, Restaurants, Büros, Theatern und - der besagten "Story of Berlin". In ihrer Selbstdarstellung bezeichnet sie sich als "Erlebnisausstellung" und ergänzt: "Museum war gestern".

Zu Recht! Epoche für Epoche wird man durch eine 800-jährige Stadtgeschichte geleitet, in Bildern, Tönen und Gerüchen, die den Besucher auf eine Zeitreise mitnehmen.

Eine Station sei exemplarisch herausgegriffen - der Erste Weltkrieg: Sie betreten einen Raum, der durch eine alte Straßenlaterne nur unzureichend beleuchtet wird. Sie sehen eine typisch berlinische Hinterhofecke in einem Zinshaus.

Nur ein Fenster im Erdgeschoß hat Licht. Der Platz davor ist mit Kopfsteinen unregelmäßig gepflastert. An einer Seite ein verziertes Eisengeländer. Blickt man über die Barriere, schaut man von oben auf einen mehrere Meter tiefer liegenden Friedhof. Die Gräber sind mit echter Erde und natürlichem Gras bedeckt. Sie werden täglich mit Wasser besprengt, damit einem der Erdgeruch in die Nase steigt.

Hinter der beleuchteten Fensterscheibe läuft eine Collage aus alten Filmen der Kriegszeit. Eine Frauenstimme trägt aus dem Tagebuch einer damals jungen Berlinerin vor. In Bild und Ton erfährt man von dem Jubel, mit dem 1914 die Jungmänner in den Krieg zogen, aus dem sie meistens in Holzsärgen zurückkehrten.. .

Von der Gründung Berlins vor acht Jahrhunderten bis zum Fall der Mauer sind die einzelnen Stationen der leidgeprüften Stadt auf ähnliche Weise lebendig und beeindruckend dargestellt. Eine große Kommode mit drei Reihen kleiner Lädchen zum Beispiel demonstriert die religiöse Toleranz, die in Preußen schon relativ früh praktiziert wurde ("Jeder nach seiner Fasson"). Öffnet man die erste Lade in der ersten Reihe, kommt ein christliches Taufhäubchen zum Vorschein, und gleichzeitig erklingt die Melodie eines Kirchenliedes. Analog dazu werden in den beiden anderen Auszügen muslimische und jüdische Lebensbräuche illustriert.

Beim Thema Hitler sieht man auf der einen Seite die gigantischen Pläne für "Germania" - und auf der anderen die Trümmerhaufen, die daraus geworden sind. Um zum Kapitel Wiederaufbau zu gelangen, muss man erst einmal über diese Trümmer gestiegen sein. Nostalgische Gefühle übermannten mich, als ich in das winzige 50er-Jahre-Kino eingelassen wurde, in dem tatsächlich alte Rühmann-Filme in Schwarz-weiß zu sehen sind.

Höhe- oder besser: Tiefpunkt jeder Führung ist der Abstieg in den - authentischen - Atombunker unterhalb des Carrées, der auch heute noch im Notfall 3600 Menschen Schutz böte. Man erfährt alles über die Logistik eines Atombunkers und kann zum Abschluss die Simulation eines Bombeneinschlags miterleben.

So mancher Besucher der "Story" soll danach das Pflaster des Kudamms geküsst haben.