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Auch das "Wir" hat Therapiebedarf

Von Walter Hämmerle

Europaarchiv

Es gibt nicht nur eine Politik der Gefühle, sondern auch Gefühle in der Politik. Und besonders gefährlich sind diese immer dann, wenn eine Gemeinschaft, sei sie ethnisch oder religiös, in Bedrängnis gerät. Ab diesem Zeitpunkt, so erklärt der US-Psychoanalytiker Vamik Volkan im Gespräch mit der "Wiener Zeitung", bestimmen irrationale Ängste das politische Handeln.


In außergewöhnlichen Stresssituationen fällt es vielen Menschen schwer, einen kühlen Kopf zu bewahren. Das gilt jedoch nicht nur für Individuen, sondern auch für Gemeinschaften. Statt einer nüchternen Analyse anhand von Tatsachen gewinnen irrationale Faktoren die Oberhoheit. "In solchen Krisensituationen ist rationale Politik zum Scheitern verurteilt, an ihre Stelle treten die jeweiligen nationalen Mythen, um den Zusammenhalt der Gemeinschaft zu gewährleisten", erläutert Volkan die eigentümliche regressive Dynamik ethnischer Konflikte.

Besonders deutlich lässt sich dies anhand des Zerfalls von Jugoslawien illustrieren: Nach dem Wegfall der jugoslawischen Identität musste jede Volksgruppe für sich ein neues "Wir"-Gefühl schaffen. Die Serben griffen dabei auf den Mythos der Schlacht vom Amselfeld 1389 zurück und definierten die damalige Niederlage gegen die Osmanen dahingehend um, dass Serbien "nie wieder" zum Opfer werden dürfe - entsprechend aggressiv war auch die Politik.

In jeder Krise kommt naturgemäß den politischen Eliten eine besondere Rolle zu. Für Volkan werden sie in Krisenzeiten zu "Sprechern ihrer kollektiven Identität, die kein "Ich" mehr kennen und nur noch in der 'Wir'-Form sprechen".

An dieser Stelle kommt die Psychoanalyse ins Spiel, denn, so Volkan, "wenn Fantasie und Realität sich mischen, wird Psychologie ein Faktor". Noch zusätzlich verstärkt werden die Folgen dieser irrationalen Politik durch die Massenmedien, die zu Verlautbarungsorganen der Regression mutieren, ist er überzeugt.

Bei seinen Einsätzen zur Lösung ethnischer Konflikte versucht Volkan, die politischen Eliten aller beteiligten Seiten in einem inoffiziellen Rahmen zusammenzubringen und einen "psycho-politischen Dialog" zu etablieren. Der große Vorteil: Im Unterschied zu diplomatischen Gesprächen haben diese Dialoge weder eine feste Struktur noch Inhalte. Dabei anwesende professionelle Psychoanalytiker wie Volkan verhelfen den Vertretern der Konfliktparteien zu Einsichten über tiefer liegende Schichten ihres jeweiligen "Wir"-Gefühls, aus denen sich die Probleme in der Realität speisen. Auf diese Weise kann oftmals die Dynamik von Gewalt durch das Ausräumen tief verwurzelter Ängste durchbrochen werden.

Grundsätzlich ist für Volkan das Erstarken des religiösen Fundamentalismus - egal ob nun christlich, jüdisch oder islamistisch - die Folge einer Krise der Aufklärung. Hier gebe es durchaus eine gewisse Parallelität zwischen den USA und dem arabischen Raum, stellt er fest: "Wenn es einmal um Aufgaben im Auftrag Gottes geht, kann man nicht mehr diskutieren." Denn: "Wirkliche Gefahren können rational erklärt werden."

Heute, Samstag, 20 Uhr, erläutert Vamik Volkan seine Thesen anhand der Ausstellung "Hidden Images" in der Galerie Werdigier (Marc-Aurel-Str. 10, 1010 Wien).