Zum Hauptinhalt springen

Auch der Sommer kann baden gehen

Von Heiner Boberski

Wissen
Ausbruch des Mount St. Helens1980: Zwei Wochen umrundete damals die Asche die Erde. Foto: US Geological Survey

Erdatmosphäre kann "vulkanischen Winter" erleben. | Experte erwartet von Island-Ausbruch "kühlenden Effekt". | Wien. Das Jahr 1816 ist in Europa und Nordamerika als das "Jahr ohne Sommer" in die Geschichte der Meteorologie eingegangen. Statt der Jahreszeit gemäße Temperaturen herrschte Kälte vor, und die Menschen erlebten von April bis September eine Folge von Regen-, Graupel- und Schneeschauern. Die folgenden Ernteausfälle, Hungersnöte und Seuchen kosteten Hunderttausende Menschen das Leben. | Island zittert vor noch heftigeren Vulkanausbrüchen


Die Ursache lag weit entfernt und wurde erst 1920 vom US-amerikanischen Klimaforscher William Humphreys nachgewiesen. Im April 1815 war in Indonesien der Vulkan Tambora ausgebrochen. Dabei soll nach Schätzungen die unvorstellbare Menge von etwa 150 Kubikkilometern Staub, Asche und Geröll in die Atmosphäre geschleudert worden sein. Bis 1819 hielt die Abkühlung des Weltklimas an, da auch große Mengen an Schwefelverbindungen in obere Luftschichten gelangten und sich wie ein Schleier über den ganzen Globus legten.

Dieses extreme Beispiel zeigt: Durch den Ausbruch eines Vulkans kann nicht nur das Wetter in einer Region für ein paar Wochen oder Monate, sondern sogar das Weltklima für einen Zeitraum von Jahren beeinflusst werden. Die aufsteigende Asche, die sich über tausende Kilometer ausbreiten und aus Magmapartikeln unterschiedlicher Größe bestehen kann, verdunkelt die Sonne.

Entscheidend: Schwefel

Windströmungen verändern sich, in feuchter Luft kommt es zu heftigen Niederschlägen, wobei statt klarer Regentropfen wahre Schlammkugeln zu Boden prasseln können. Erreichen die Partikel die Stratosphäre - also eine Höhe von mindestens 12.000 Metern -, wo es keinen Niederschlag gibt, werden sie auch nicht ausgewaschen und können sich dort längere Zeit, manchmal auch Jahre, halten.

Entscheidend für die Länge und Intensität der Abkühlung, die im Extremfall bis zu einem "vulkanischen Winter" von Jahrzehnten führen kann, ist, ob auch größere Mengen an Schwefelwasserstoff und Schwefeldioxid in die Stratosphäre gelangen. Mit Wasser bilden sich dann leicht Schwefelsäuretröpfchen, die das einfallende Sonnenlicht streuen und einen Teil davon ins All reflektieren.

Die derzeitige Aschewolke über Europa wird nach Aussage der Physikerin Claudia Timmreck vom Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie das weltweite Klima nicht verändern. "Bei diesem Vulkan ist nicht so viel Schwefel rausgekommen", begründet sie diese Ansicht. Ein Klimawandel in die andere Richtung - Abkühlung statt Erwärmung - ist also allein durch diesen Vulkanausbruch nicht zu erwarten. In Zeiten einer Klimaerwärmung könnte der Ausbruch in Island aber "einen kühlenden Effekt" haben, meinte der Wiener Klimatologe Herbert Formayer am Freitag im Ö1-"Frühjournal".

Kein Gesundheitsrisiko

Eine unmittelbare Gefahr für die Gesundheit besteht laut Aussagen von Fachleuten nicht. "Das ist nicht ungesünder, als wenn man in der Sahara in einen Sandsturm kommt", meinte der Würzburger Vulkanologe Bernd Zimanowski. Auch der Ulmer Lungenexperte Michael Barczok gibt Entwarnung: Zwar erhöhen die Aschepartikel die allgemeine Feinstaubbelastung, entscheidend sei aber, wie viel Asche in welcher Konzentration auf dem Boden ankomme. Ein unmittelbares Gesundheitsrisiko bestehe nur für Menschen, die in Island direkt und in hoher Konzentration dem Vulkanstaub ausgesetzt sind.

Die Geschichte lehrt jedenfalls, dass der Mensch immer wieder klimatische Veränderungen durch Vulkanausbrüche überstehen musste und dieser Gefahr weiter ausgesetzt bleibt. Man nimmt an, dass nach dem Ausbruch des Supervulkans Toba in Indonesien vor etwa 74.000 Jahren wegen der Abkühlung der Erdtemperatur um fünf Grad die damalige Population des Homo sapiens fast ausgestorben wäre.

Im 18. Jahrhundert gingen durch eine Serie von Ausbrüchen auf der Kanaren-Insel Lanzarote die fruchtbarsten Böden dort verloren, es folgten Dürrekatastrophen. Im August 1883 explodierten zwei Drittel der Vulkaninsel Krakatau (Indonesien). Spektakuläre Ausbrüche in jüngerer Zeit betrafen den Mount St. Helens in den USA (1980) und den Pinatubo auf den Philippinen (1991).

Gefahr Yellowstone

Derzeit gilt der Supervulkan Yellowstone im gleichnamigen Nationalpark (USA) als gefährlichster möglicher Auslöser für einen vulkanischen Winter. Sein Ausbruch könnte nach Meinung von Experten mehrere Jahrzehnte eiszeitartiges Klima, Missernten und Hungersnöte bewirken.

Wenn Europa plötzlich stillsteht