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Auch die Briten werden nervös

Von Anna Tomforde, London

Wirtschaft

Auch am britischen Konjunkturhimmel ziehen - noch kaum sichtbar - Wolken auf. Während die von der Londoner Regierung parat gehaltenen Wirtschaftsdaten rosig klingen, herrscht hinter den Kulissen Nervosität.


Wirtschaftlich und politisch setzt die Regierung von Tony Blair alle Mittel ein, um das Land vor den Auswirkungen der Negativ-Anzeichen in den USA zu schützen. Aber es dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein, wann die Wellen der US-Konjunkturabkühlung über den Atlantik schwappen, heißt es in der City.

Anfang März hatte Schatzkanzler Gordon Brown einen auf "Stabilität" ausgerichteten Zwischenhaushalt vorgelegt, der mit Blick auf die von Labour geplanten Unterhauswahlen von Zuversicht geprägt war. Er erwartet in diesem Jahr ein Wirtschaftswachstum von 2,75%, die Produktivität soll um 4,4% ansteigen, die Inflation soll bei nur 2,1% liegen.

Hinter dem zur Schau getragenen Optimismus verbirgt sich Nervosität. Allein der Druck auf eine schnelle Unterhauswahl, die nun wegen der Maul- und Klauenseuche voraussichtlich um einen Monat auf Anfang Juni verschoben wird deutet darauf hin. Labour will die "Früchte der Stabilitätspolitik" einfahren, bevor es zu spät ist.

Am deutlichsten aber zeigt sich die Unruhe in der Zinspolitik. Am vergangenen Donnerstag wurde der britische Leitzins schon zum zweiten Mal in diesem Jahr gesenkt. Er liegt jetzt bei 5,50%. Die Bank von England begründete ihren Schritt ganz offen mit der sich verschlechternden globalen Konjunkturlage. Auch die Einbrüche an der Londoner Aktienbörse, die der Wall Street auf Schritt und Tritt zu folgen scheint - wurden genannt. Die finanziellen Folgen der Maul-und Klauenseuche waren ebenfalls ein Faktor. All diese Entwicklungen könnten das Verbrauchervertrauen negativ beeinflusst haben, stellte die Notenbank fest, auch wenn sich eine Konjunkturabschwächung in Großbritannien bisher noch nicht feststellen lasse.

Während sich die britische Industrie über die Zinsentscheidung freute, verlangten die Gewerkschaften nach mehr. Der Generalsekretär des Dachverbandes TUC, John Monks, forderte, sobald klar sei, dass sich das Wachstum auch in Europa deutlich abschwäche, müsse die Bank die Zinsen weiter senken. Der Pfundkurs sei zudem immer noch zu hoch.

Die Regierung verweist mit Stolz darauf, dass die britische Wirtschaft von den Folgen des konjunkturellen Einbruchs in den USA bisher noch weitgehend verschont geblieben. Die Arbeitslosenzahl sank im Februar sogar erstmals seit 1975 wieder auf unter eine Million.

Aber Großbritannien werde keine Insel der Seligen bleiben, warnte kürzlich einer der größten Arbeitgeberverbände: Heuer könnten in der Industrie bis zu 150.000 Stellen verschwinden. Ein extrem schlechtes Jahr befürchtet die Tourismusbranche: Viele Naturgebiete sind wegen der Maul- und Klauenseuche gesperrt, die Besucher bleiben weg.

Der Beginn einer Abwärtsentwicklung lässt sich nach Einschätzung der Analysten auch an der Industrieproduktion ablesen. Sie ging im Februar um 0,3% zurück. "Das ist ein weiterer Beweis dafür, dass es internationale Auswirkungen auf den Produktionssektor in Großbritannien gibt", sagte Deborah Read von der Bank of America. Als nächstes würden sich die Einflüsse auf dem Verbrauchersektor bemerkbar machen, sagte sie voraus.