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Auch Eltern brauchen Förderung

Von Matthias Nagl

Politik

Die Diskussion über frühkindliche Förderung konzentriert sich auf öffentliche Einrichtungen. | Ein Schweizer Verein legt den Fokus auf den familiären Bereich.


"Wiener Zeitung": Frau Dähler, Sie sind Gründerin des Schweizer Vereins a:primo. Bitte erklären Sie uns kurz, was dieser Verein macht.Erika Dähler: Der Verein setzt sich für die frühe Förderung von Kindern aus sozial benachteiligten Familien ein. Ein Schwerpunkt des Vereins ist ein Programm mit Hausbesuchen, das von Städten und Gemeinden an aktuell 23 Standorten umgesetzt wird. Gerade bei benachteiligten Familien haben Kinder nicht die gleichen Chancen, sich zu entfalten. Deshalb besuchen Mitarbeiterinnen benachteiligte Familien zu Hause, bringen Spielideen mit und stärken die Eltern in ihren Erziehungskompetenzen. Das Zuhause ist für die Kinder ein wichtiger Lernort.

Wie finden Sie die Eltern, denen Sie helfen wollen?

Mit dem Hausbesuchsprogramm wollen wir gerade isolierte Familien erreichen. Wir versuchen ein Netzwerk zu aktivieren, damit die Familien überhaupt zu uns finden. Wir gehen in Einkaufszentren, auf Spielplätze, um Kontakt aufzunehmen, und versuchen auch mit den Institutionen, die im ersten Lebensjahr des Kindes mit den Eltern in Verbindung sind, in Kontakt zu sein.

Wie reagieren die Eltern, wenn Sie sie ansprechen?

Es ist ein freiwilliges Angebot. Wir sprechen die Familien nicht auf ihre Benachteiligung an, sondern vermitteln ihnen, dass sie eine wichtige Rolle im Leben ihres Kindes spielen, und dass es ein Angebot gibt, das sie unterstützt, damit das Kind einmal gut in der Schule sein wird und sie Lernbegleiter ihres Kindes werden. Das motiviert Eltern, an diesem Programm teilzunehmen. Die Mitarbeiterinnen arbeiten mindestens 18 Monate mit den Familien. Das ist eine intensive Zeit, und es ist nicht selbstverständlich, dass man jemand Fremden in seine Familie lässt. Aber wir haben eine geringe Abbruchquote.

Wer macht diese Besuche?

Die Hausbesucherinnen sind geschulte Laiinnen. Zudem gibt es Koordinatorinnen mit professioneller Ausbildung im Sozialbereich, die die Hausbesucherinnen passend für die Zielgruppe aussuchen, ausbilden und betreuen. Bei Migranten etwa ist es wichtig, dass die Hausbesucherin die jeweilige Sprache spricht, aber auch schon Deutsch kann. Durch die direkte Kommunikation haben sie einen anderen Zugang. Sie sind schon einen Schritt weiter und können als Rollenmodell wirken. Dadurch haben sie eine höhere Akzeptanz als professionelle Fachkräfte. Nach zehn Wochen versuchen wir, die Familien in Gruppentreffen zusammenzuführen, damit sie auch ein Netzwerk bilden, aus der Isolation herauskommen und sich gegenseitig unterstützen.

Sie stehen mit Ihrem Programm außerhalb des Bildungssystems. In Österreich gibt es die Diskussion, wann das Bildungssystem ansetzen sollte - Stichwort zweites verpflichtendes Kindergartenjahr. Wie sehen Sie das?

Diese Diskussion führen wir in der Schweiz auch. Es geht auch um Lebensansichten. Wir möchten dafür sensibilisieren, dass sich das Aufwachsen der Kinder in den letzten Jahren verändert hat, dass sich die Gesellschaft und die Anforderungen verändert haben. Es wäre gut, wenn man sagt, Qualität in früher Kindheit macht den Unterschied aus. Natürlich wäre es wünschenswert, wenn man von oben sagen könnte: "So ist es." Andererseits muss man die Bevölkerung mitnehmen, damit sie versteht, warum sich das lohnt. Wir alle in Europa investieren sehr wenig in den Frühbereich. Es wäre wichtig zu sehen, dass das nicht nur eine Kostenseite, sondern auch ein riesiges Potenzial hat.

In Österreich wird leidenschaftlich diskutiert, ob eine föderale oder zentrale Verwaltung besser ist. In der Schweiz ist auch das Bildungssystem föderal ausgerichtet. Haben Sie einen klaren Favoriten?

Es hat beides Vor- und Nachteile. Wenn es sehr föderalistisch geprägt ist, kann Innovation zum Teil besser geschehen. Man kann Fördermaßnahmen lokal besser verankern, weil es Leute gibt, die für etwas stehen und sagen: "Das ist es mir wert." Von oben ist das schwieriger durchzubringen. Aber es braucht beides, denn zu viel Föderalismus fragmentiert die finanziellen Mittel. Es ist gut, wenn es klare Statements vom Bund gibt. Aber selbst auf Bundesebene ist der Frühförderungsbereich durch verschiedene Abteilungen finanziert, denn er ist nicht nur eine Bildungsfrage, sondern auch eine Gesundheits-, Integrations- und Sozialfrage.

In Österreich hat vor kurzem der Chef der Industriellenvereinigungen gesagt, dass Kindergartenpädagogen wichtiger wären als AHS-Oberstufenlehrer. Stimmen das?

Ja, denn die ersten Jahre sind entscheidend, und die Qualität ist entscheidend für die Entwicklung der Kinder. Der Frühbereich wird immer noch belächelt und nicht als Lernort verstanden. Aber man braucht wirklich sehr gute Pädagogen, die die Kinder und Familien unterstützen. Jedes wiederholte Schuljahr von Kindern ist viel teurer, als wenn man in gute frühkindliche Bildung investiert. Es ist lobenswert, wenn sich die Industriellenvereinigung dafür interessiert. Die schwierige Berufsintegration von Jugendlichen war einst meine Motivation, mich der frühen Förderung zuzuwenden.

Wie finanziert sich Ihr Verein?

Uns unterstützten Stiftungen. Der Bund investiert noch nicht. An den Standorten übernehmen die Gemeinden, aber auch Kantone die Finanzierung. Ein Kind, das am Programm teilnimmt, kostet etwa 10.000 Schweizer Franken, wovon 80 Prozent Lohnkosten für Mitarbeiterinnen sind.

Diese Kosten muss man argumentieren, wenn man für eine Familie so viel Geld investieren möchte. Das gelingt nicht immer. Das Potenzial ist aber groß. Trotz Wartelisten schaffen wir es aber nicht immer, das Budget entsprechend zu erhöhen.

Erika Dähler Meyer ist Gründerin des Schweizer Vereins a:primo, der sich in der frühkindlichen Entwicklung engagiert.