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Auch im Tourismus fehlen qualifizierte Arbeitskräfte

Von Erika Bettstein

Wirtschaft

Erst vor kurzem hat die Bundesregierung wiederum betont, dass eine Erhöhung der Quote für ausländische Arbeitskräfte in Österreich nicht in Frage komme. In der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) wurde jüngst eine Wifo-Studie präsentiert, wonach auf Österreich ein massiver Arbeitskräftemangel zukommt. Deutschland kämpft mit vergleichbaren Problemen, bedingt durch die demografische Entwicklung - die Zahl der Erwerbstätigen soll sich bis 2050 dort auf 24 Millionen etwa halbieren - und dem Wirtschaftswachstum sowie neuen Herausforderungen an die Wettbewerbsfähigkeit im globalisierten Umfeld - und entwickelt sich zum neuen "Einwandererland" mit einem Zuwanderer-Punktesystem. In Österreich gehen auch dem wesentlichen Wirtschaftsfaktor Tourismus die Arbeitskräfte aus.


Tourismusvertreter betonen, dass der Bedarf im Inland nicht abgedeckt werden kann und kritisieren die Bürokratie: "Wir brauchen die Arbeitskräfte dann, wenn die Gäste kommen und nicht irgendwann, wenn die Genehmigung eintrudelt. Und dabei geht es nicht nur um Abwäscher oder Zimmermädchen, sondern sehr wohl auch um hoch qualifizierte MitarbeiterInnen", sagt Helmut Peter, Präsident der Österreichischen Hoteliervereinigung und selbst Hotelier.

"Ausgetrockneter" Arbeitsmarkt

Die Sozialpartner diskutieren Lösungsmöglichkeiten (siehe auch Seite 35), Wirtschaftsminister Martin Bartenstein hat die Nöte der Gastronomie und Hotellerie erkannt und für die Sommersaison 2001 ein Kontingent von 4.785 ausländischen Saisonarbeitskräften - um 60% mehr als im Vorjahr - bewilligt. Der Obmann der Sektion Tourismus in der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ), Johann Schenner, begrüßte diese Aufstockung - zumal für den kommenden Sommer eine gute Saison erwartet werde. Die Kontingentaufstockung sei deshalb notwendig, weil der touristische Arbeitsmarkt auf Grund der guten Konjunkturlage in den vergangenen Monaten bei inländischen Arbeitskräften vollkommen "ausgetrocknet" sei.

"Der Arbeitsmarkt ist nicht ausgetrocknet, es besteht aber der dringende Bedarf, dass junge Leute den Zugang zum Tourismus finden", meint Tourismusstaatssekretärin Mares Rossmann. Ihrer Meinung nach gibt es "genug junge Leute, die sich für den Tourismus interessierten", es fehle nur die "Initialzündung". "Der touristische Arbeitsmarkt funktioniert nicht, wir haben einen großen Engpass. Allein in der heurigen Wintersaison haben uns 10.000 Leute gefehlt", donnerte Peter bei dem von der WKÖ im März organisierten Tourismusforum. Probleme verursache nicht nur der massive Arbeitskräftemangel, sondern auch die extrem hohe Personalfluktuation. Diese ergebe sich nicht so sehr aus der Lohnstruktur, die im Tourismus durchaus mit anderen Branchen vergleichbar sei, sondern aus der Saisonstruktur des Tourismus, wo Mitarbeiter nur selten ganzjährig beschäftigt werden können, erklärt Peter.

Fluktuation "ein Fass ohne Boden"

"42% aller in Österreich im Vorjahr bestehenden Arbeitsverhältnisse wurden 2000 neu gegründet, im Tourismus waren es 96%", berichtete der Geschäftsführer des Arbeitsmarktservice (AMS) Österreich, Herbert Buchinger. Die Dynamik sei im Tourismus damit mehr als doppelt so hoch als in anderen Branchen. Das Problem des Personalmangels könne laut Buchinger jedoch nicht allein mit der Aufstockung des Ausländer-Saisonnier-Kontingentes gelöst werden: "Ausschließlich auf Ausländer zu setzen wird nichts bringen."

Auch ausländische Arbeitskräfte würden immer häufiger nach zwei oder drei Jahren in andere Branchen wechseln: "Das ist ein Fass ohne Boden", so Buchinger. Stattdessen müsste die Personalpolitik im Tourismus verändert und mehr Qualifizierungsprogramme geboten werden. "Der Ausländeranteil am touristischen Arbeitsmarkt beträgt derzeit 21%. Es wäre kein Problem, diesen Anteil auf mehr als 30% zu erhöhen", meint Peter. Der touristische Arbeitsmarkt müsste sich zu einem Drittel aus jungen Arbeitskräften bis 25 Jahren, aus einem weiteren Drittel aus einer fixen Kadermannschaft und zu einem letzten Drittel aus ausländischen Arbeitskräften zusammensetzen.

Nur ein "Marketing-Problem"?

Ein Risikofaktor erwachse aus der zunehmenden Abnahme der erwerbsfähigen Bevölkerung auch in Österreich: "Bis 2010 wird es 400.000 erwerbsfähige Menschen weniger in Österreich geben", rechnet Buchinger vor. Der Arbeitsmarkt werde sich in den kommenden Jahren aus diesem Grund in Österreich alles andere als entspannen. "Es wird einfach zu wenig offensiv Marketing betrieben", ist der Vorstandsvorsitzende des Österreichischen Verkehrsbüros, Rudolf Tucek, überzeugt. Die Branche jammere ständig über die Arbeitsbedingungen und vermittle keine positiven Botschaften. Daraus würden auch Nachwuchsprobleme erwachsen. Dass im Tourismus nicht nur fünf, sondern sieben Tage in der Woche gearbeitet werde, müsse als "Beschäftigungschance und nicht als Arbeitsleid" gesehen werden, so Tucek.

Der Tourismussektor sei als Dienstleistungsbranche nicht rationalisierbar, es müsste daher grundlegend dereguliert, die Strukturen müssten verändert und flexiblere Arbeitszeiten eingesetzt werden. Zudem müsse die Bindung der Mitarbeiter an die Tourismusbetriebe - etwa durch betriebliche Pensionskassen - stärker gefördert werden.

Bessere Rahmenbedingungen gefordert

Rossmann betont die Bedeutung der Branche für die österreichische Wirtschaft unter Verweis auf den zentralen Anteil der Tourismuseinnahmen an der Leistungsbilanz: Aus dem Reiseverkehr hätten sich die Deviseneinnahmen um 560 Mill. Euro (plus 4,8%) gesteigert - Zahlen mit Aufwärtspotenzial: Für Februar und März meldet die österreichische Mehrsternhotellerie einen Umsatzzuwachs von 5,25% auf 13,4 Mrd. Schilling (974 Mill. Euro). Die Vier- und Fünfsternbetriebe kamen auf ein Plus von 6%, die Dreisternhotellerie auf einen Zuwachs in Höhe von 4%.

Dem Sektor müssten für die Zukunft entsprechende Rahmenbedingungen eingeräumt werden: "Besonders die Senkung der Lohnnebenkosten sowie die Veränderung von steuerlichen Rahmenbedingungen werden in Zukunft für den Tourismus entscheidend sein", verlangt Rossmann - womit sie langjährige Forderungen der WKÖ teilt.