Zum Hauptinhalt springen

Auch in armen Ländern nimmt Fettleibigkeit zu

Von Heiner Boberski

Wissen
Mit Fitnessprogrammen bekämpft man in Asien die Fettleibigkeit der Jugend.
© Li Bo/Xinhua Press/corbis

Seit dem Jahr 1980 hat sich die Zahl der Übergewichtigen nahezu vervierfacht.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 10 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

London/Wien. Was Fachleute schon vor Jahren prophezeit haben, ist eingetreten: Übergewicht bis zur Fettleibigkeit stellt die größte medizinische Herausforderung des 21. Jahrhunderts dar. Nimmt man einen Body-Mass-Index (BMI) von 25 als Maßstab, so ist weltweit der Anteil erwachsener Personen, die über diesem Wert liegen, zwischen 1980 und 2008 von 23 auf 34 Prozent gestiegen. Wie "BBC News" berichtet, hat "The Overseas Development Institute" (ODI), ein britischer Thinktank, einen Bericht mit neuesten Zahlen zu dieser Problematik publiziert und die Regierungen aufgerufen, mehr zu tun, um richtige Ernährung zu propagieren.

Bemerkenswert ist, dass der Löwenanteil des Zuwachses an Übergewichtigen auf Entwicklungsländer, vor allem solche mit steigenden Einkommen, wie zum Beispiel Ägypten und Mexiko, entfällt. Der ODI-Report führt dies auf die Änderung der Ernährung zurück - statt Getreide und Körnern werden in vielen Ländern nun mehr Fette, Zucker, Öle und tierische Produkte konsumiert. Gab es im Jahr 1980 in Entwicklungsländern etwa 250 Millionen Menschen mit einem BMI von 25, so waren es 2008 bereits 904 Millionen, bis heute also fast eine Vervierfachung. In der Gesamtbevölkerung, die sich in dieser Zeit fast verdoppelt hat, ist der Anteil der Übergewichtigen merklich gestiegen, am stärksten in Südostasien: von 7 auf 22 Prozent. An der Spitze liegt der reiche Norden Amerikas mit 70 Prozent. Mit Europa, wo der Anteil Übergewichtiger an der Bevölkerung bei 58 Prozent liegt (in Großbritannien sind es 64 Prozent), haben in den letzten drei Jahrzehnten die Regionen Lateinamerika, Nordafrika und Mittlerer Osten praktisch gleichgezogen.

Auch bereits Anteile über 20 Prozent weisen die ärmeren Regionen Ostasiens und Afrikas südlich der Sahara auf, nur in Südasien (Indien) hält sich der Anteil Übergewichtiger noch sehr in Grenzen. Betrachtet man einzelne Länder, so ist die Zunahme Übergewichtiger vor allem in Mexiko, Südafrika, China und in Staaten des Mittleren Ostens überdurchschnittlich hoch.

Ernste medizinische Folgen

Steve Wiggins, einer der Autoren des Reports, sieht eine wesentliche Ursache dieser Entwicklung in höheren Einkommen der Menschen in ökonomisch aufsteigenden Staaten. Dazu komme die Möglichkeit, Nahrungsmittel aus einer Fülle von Angeboten auszuwählen, wobei Werbung und Medieneinflüsse eine Rolle spielen. Das Resultat sei "eine Explosion an Übergewicht und Fettleibigkeit in den letzten 30 Jahren", die ernste medizinische Folgen haben könne. Der gestiegene Konsum von Fett, Salz und Zucker sei ein signifikanter Faktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und einige Krebsarten. Wiggins forderte die Politiker auf, nicht schüchtern zu sein, sondern Einfluss darauf zu nehmen, was auf den Tellern der Bürger landet.

Der britische Experte Alan Dangour verwies darauf, dass Fettleibigkeit und Unterernährung oft Nachbarn seien, mitunter sogar im gleichen Haushalt. Es gehe darum, sowohl den Skandal des millionenfachen Hungers zu bekämpfen als auch über die Folgen exzessiven Konsums nachzudenken.