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"Auch Information an sich ist schon Hilfe"

Von WZ-Korrespondent Andreas Hackl

Politik

UNHCR geht neue Wege bei der Flüchtlingsbetreuung.


"Wiener Zeitung": Frau Sunjic, vor 20 Jahren haben Sie die "Wiener Zeitung" als Redakteurin verlassen. Heute sind Sie Kommunikationsexpertin beim Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR). Was verkörpert dieser Wandel für Sie?

Melita Sunjic: Ich war sehr gern Journalistin. Aber da berichtet man immer nur über das, was ist. Im Kommunikationsbereich, bei Nichtregierungsorganisationen oder im humanitären Bereich kann man nicht nur Wirklichkeit beschreiben, sondern sie direkt verändern. Ich wäre ja nie für die Wirtschaft aktiv geworden. Dafür aber im humanitären Bereich. Hier geht es darum, mit wenig Geld viel zu erreichen. Natürlich bewegen auch Journalisten viel. Aber nicht auf dieselbe Art in ihrem Alltag. Die Funktion von Journalisten ist vorrangig, Wirklichkeit zu beschreiben, unsere Funktion ist es, sie zu verändern.

Warum ist der Bereich Kommunikation gerade für humanitäre Organisationen so wichtig?

In vielen Krisensituationen konzentriert man sich auf die Hilfe, aber die Informationsleistungen fehlen oft. "Mass Communication" ist hier eigentlich ein ziemlich neuer Zweig. Wir haben es mit einer Zielgruppe von Menschen zu tun, die sich in einer sehr schwierigen mentalen Situation befinden. Flüchtlinge sind oft Analphabeten. Hinzu kommen viele kulturelle Tabus. Bei Flüchtlingen in Städten weiß man außerdem oft gar nicht, wo genau sie überhaupt leben und wie man sie erreicht. Da braucht man dnan ganz besondere Mittel der Kommunikation.

Um welche Informationen geht es konkret?

Zum Beispiel um Hygienevorschriften für Flüchtlingslager. Da geht es darum, Menschen ganz bestimmte Verhaltensformen anzutrainieren. Man kann etwa Cartoons kreieren, um Analphabeten und Kinder zu erreichen. Poster muss man an den richtigen Stellen aufhängen. Der Leitsatz ist, dass auch Information an sich schon Hilfe ist. Nur wissen viele Organisationen nicht wirklich, wie das funktioniert. Sie wissen vor allem, wie man humanitäre Hilfe leistet. Aber wenn ich als Flüchtling nicht weiß, wie ich diese Hilfe bekomme und wo ich mich als Flüchtling registriere, was oft die Voraussetzung für Serviceleistungen ist, dann werde ich auch keine Unterstützung bekommen.



Werden in diesem Bereich auch soziale Medien genutzt?

In Jordanien etwa werden soziale Medien von syrischen Flüchtlingen eher weniger genutzt. Aber Flüchtlingen in Abu Dhabi zum Beispiel nutzen Interneträume. Auch in länger etablierten Camps wird viel mit dem Internet gearbeitet. Wir setzen es auch schon lange bei der Rückkehr von Flüchtlingen ein. Schon in den 1990er Jahren hat man bosnischen Flüchtlingen mithilfe des Internet an Computern gezeigt, wie es derzeit in ihrer Heimatregion aussieht. Das Tolle an sozialen Medien ist heute, dass sie auch interaktiv sind. Aber humanitäre Organisationen nutzen diese Netzwerke noch nicht ausreichend. Gesundheitsexperten zum Beispiel konzentrieren sich in einer Krisensituation darauf, wie sie Leute impfen, nicht auf die Kommunikation. Auch SMS-Nachrichten werden noch nicht in allen Bereichen genutzt.

Warum?

Um Flüchtlinge per SMS zu erreichen, muss man schon langfristig eine Datenbank aufbauen. Man muss die Daten nach Geschlecht und anderen Kategorien sortieren. Das muss direkt bei der Registrierung der Flüchtlinge passieren. In Afrika, wo es große Bevölkerungsteile gibt, die Analphabeten sind, nutzen wir etwa auch Sprachnachrichten zur Information.

Wie sieht es in den Nachbarländern Syriens aus?

Nehmen wir Jordanien. Dort ist das große Problem, dass der Großteil der Flüchtlinge nicht in Camps lebt. Sie leben also verstreut in Städten. Dazu braucht es gefinkelte Methoden, eben auch SMS. Leute werden mit ihren Telefonnummern registriert. Dabei merken wir, dass sogar Analphabeten, die keine Nummern lesen können, über SMS erreichbar sind. Sie gehen dann oft zu Bekannten, die ihnen die Nachricht übersetzen. Syrier haben eine starke orale Tradition. Zentral ist, dass ihnen sofort klar ist, dass so eine SMS-Nachricht wichtige Informationen enthält. Andere Analphabeten scrollen durchs Telefon und merken sich die Nummern nach der Reihenfolge und Größe der Schrift.

Was ist noch besonders bei der Kommunikation gegenüber Flüchtlingen, die in Städten leben?

Erst muss ich wissen, wo sie leben. Dann: Wohin gehen sie? Das soziale Gefüge und die Gewohnheiten der Flüchtlingsbevölkerung müssen studiert werden, um ordentlich Hilfe zu leisten. Als humanitärer Arbeiter bin ich damit schnell überfordert. Aber Kanäle über sogenannte Schlüsselpersonen können dabei helfen, indirekt Informationen zu übermitteln. Im städtischen Bereich bringen wir Informationen an bestimmte Kontenpunkte. Das können alle möglichen Örtlichkeiten sein, etwa Moscheen, Geschäfte oder Lokale.

Wer sind jene Personen, die Sie häufig um Informationen und Hilfe bitten?

Auch religiösen Autoritäten kommt dabei oft eine wichtige Rolle zu. In Flüchtlingslagern kann Information sogar direkt über die Lautsprecher der Moscheen angekündigt werde.

Sollten humanitäre Organisationen nicht auch die Gastgesellschaft informieren, etwa um einer ablehnenden Haltung gegenüber den Flüchtlingen vorzubeugen?

Ja, doch das wird leider vernachlässigt. Die Kommunikationsbeauftragen, die bei uns im UN-Flüchtlingshilfswerk arbeiten, sind ja meist damit beschäftigt, Journalisten wie Sie und internationale Gäste zu betreuen. Da bleibt meist wenig Zeit für die lokalen Medien. In Sachen Medienarbeit ist das UNHCR ja sehr gut. Aber Kommunikationsstrategien gegenüber Flüchtlingen und der Gastgesellschaft - das ist noch Neuland.

Melita Sunjic Geboren 1955 in Rijeka (damals Ex-Jugoslawien, heute Kroatien), kam sie 1957 als Flüchtlingskind nach Österreich, studierte hier Politikwissenschaft und Publizistik, bevor sie - zunächst - die Journalisten-Laufbahn einschlug und als Redakteurin der "Wiener Zeitung" arbeitete. Seit 1993 arbeitet sie für das UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR, wo sie Kommunikationsleiterin ist.