Zum Hauptinhalt springen

Auch Türkei hat Probleme mit Migration

Von Martyna Czarnowska

Europaarchiv

Es war ein dünnes Heft, eine kleine Broschüre. Die hatte ein türkischer Regierungsberater vor ein paar Jahren auf Auslandsreisen oft bei sich. Darin enthalten waren ein paar Anweisungen an die Landsleute, die emigriert waren. "Lernt Deutsch", stand da etwa zu lesen. "Lasst eure Kinder Deutsch lernen, investiert in deren Ausbildung anstatt in Autos oder ein Sommerhaus in der Türkei."


Premierminister Recep Tayyip Erdogan hat das auch manchmal bei Zusammenkünften in Deutschland gesagt. Manches Mal fügte er ebenso hinzu, seine Landsleute sollen die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen. Böse Zungen behaupten, dass Ankara über Wahlstimmen Einfluss auf die deutsche Politik nehmen wolle.

Die Integration der Türken im Ausland - vor allem in Deutschland und Österreich - ist mittlerweile auch in der Türkei ein Thema. Dass Spracherwerb ein wesentliches Element ist, hat sich ebenfalls schon durchgesprochen. Doch hat das lange gedauert, in manchen Fällen viel zu lange. Das gilt jedenfalls für Österreich, wo der Staat jahrzehntelang kaum etwas zur Integration der Gastarbeiter beigetragen hat, wo die Debatten zu verpflichtenden Sprachkursen erst seit einiger Zeit geführt werden.

So trifft auch für Österreich zu, was die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel bei Premier Erdogans Besuch am Wochenende konstatiert hat: Es gebe noch "unverkennbare Probleme", die gelöst werden müssen. Dass türkische Jugendliche oft eine geringere Ausbildung und schlechtere Jobchancen hätten, sei durch bessere Integration zu ändern. Weniger produktiv - wenn auch wohl bei etlichen Bürgern populär - nimmt sich da die Aussage des CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer aus, der sich gegen eine weitere Zuwanderung aus "fremden Kulturkreisen" wandte.

Dass Ankara in der Diskussion immer wieder vor Assimilierungsdruck warnt, ist zwar aus türkischer Sicht verständlich. Doch hat dieser Staat selbst genau das über Jahrzehnte ausgeübt. Und auch dort ging es um Migration und Integration. Kurden, die aus den ärmeren Teilen der Türkei nach Istanbul oder Ankara zogen und sich schwer damit taten, sich an das städtische Leben anzupassen, wurden von vielen Istanbulern genauso scheel angesehen wie die Kopftuch tragenden türkischen Frauen von vielen Wienern. Es blieb auch nicht dabei, dass sie Türkisch lernen mussten. Ihre Sprache durften sie lange Zeit in der Öffentlichkeit nicht benutzen.

Wenn nun türkische Politiker oder Diplomaten türkischen Unterricht an deutschen Schulen fordern, sollten sie umgekehrt solche Freiheiten auch den Minderheiten in ihrem Land gewähren.