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Auf das Bauchhirn hören

Von Christina Mondolfo

Wissen
© © Fotolia (Collage)

Dass die Gesundheit im Darm sitzt, ist eine alte Weisheit.Doch leider achten wir erst dann auf unseren Verdauungskanal, wenn er uns Beschwerden verursacht. Ist unsere Körpermitte jedoch "in der Mitte", das heißt gesund und ausgeglichen, dann fühlen wir uns wohl . . .


Es grummelt und zwickt im Bauch, man fühlt sich aufgebläht und dazu kommen noch Durchfall oder Verstopfung - unser Darm ist in Aufruhr und lässt uns deutlich spüren, dass etwas nicht in Ordnung ist. Schenkt man diesen Anzeichen keine Beachtung, können Darmprobleme bei Nichtbehandlung zu chronischen Krankheiten werden. In den westlichen Industrieländern leiden immerhin bereits mehr als 50 Prozent der Menschen unter Verdauungsproblemen, die zu massiven gesundheitlichen Beeinträchtigungen und sogar zur Arbeitsunfähigkeit führen können.

Unsere Lebensweise mit vielen im Sitzen ausgeführten Tätigkeiten, grundsätzlich wenig Bewegung und Fast Food trägt nicht gerade dazu bei, dem Darm die Arbeit zu erleichtern, im Gegenteil. Das hastig in uns hineingestopfte Essen ist voll von Konservierungsmitteln, Zucker, Geschmacksverstärkern und sonstigen Zusatzstoffen, der Flüssigkeitshaushalt stimmt ebenfalls nicht und die Peristaltik wird nicht angeregt - der Darm ist mit der Weiterverarbeitung überfordert, die Probleme beginnen. Und die können sich bei einer Darmlänge von bis zu acht Metern und einer Oberfläche von rund 400 Quadratmetern dementsprechend unangenehm auswachsen . . .

Verantwortlich für dieses Ungemach ist ein Ungleichgewicht von gesunden zu krankmachenden Bakterien. Jeder Mensch hat grundsätzlich Milliarden von Bakterien im Darm, die dieser auch braucht, um überhaupt funktionieren zu können. Diese sogenannte Darmflora ist allerdings leicht aus dem Gleichgewicht zu bringen, etwa durch eine ungesunde Lebensweise oder aber etwa durch die Einnahme von Antibiotika. So hilfreich diese auch sind, um Krankheitskeime abzutöten, so undifferenziert sind sie in der Erfüllung ihrer Aufgabe: Sie töten nämlich auch gesunde, lebenswichtige Bakterien im Darm ab. Die schädlichen Bakterien, die den Antibiotika standgehalten haben, können sich nun ungehindert ausbreiten und beeinträchtigen ihn massiv in seiner Funktion. Ergebnis sind die bereits genannten Beschwerden . . .

Ein besonders zeitgeistiger Faktor für die Entstehung von Darmproblemen ist Stress. Dieser löst eine chemische Reaktion im Darm aus, die zu Entzündungen führt. "Und jetzt stellen sie sich vor, da sitzen all die Bakterien der Darmflora quasi auf einer heißen Herdplatte und senden einen Hilferuf ans Gehirn: Uns geht es schlecht, mach etwas!", schildert Anita Frauwallner plastisch eine solche Situation. Die ausgewiesene Darmexpertin und Leiterin des Institutes Allergosan beschäftigt sich schon seit den 1980er Jahren mit dem Darm und seinen vielen winzigen Bewohnern. Und sie verleiht dem Spruch "auf den Bauch hören" auch eine ganz besondere Bedeutung: "Man weiß schon lange, dass es eine Verbindung zwischen dem Bauch und dem Gehirn gibt, allerdings hat man lange in die falsche Richtung gedacht. Bestes Beispiel ist eine Prüfungssituation: Man ist nervös und bekommt Durchfall. Doch wer hat ihn ausgelöst - das Gehirn oder der Bauch? Als man vor etwa zehn Jahren feststellte, dass etwa 75 Prozent der Menschen mit Reizdarmsyndrom auch psychische Probleme hatten, widmeten sich Wissenschafter intensiver dieser der Sache und entdeckten, dass der Bauch dem Kopf die Probleme macht und nicht umgekehrt. Denn Stress schlägt sich auf den Darm, der Kopf reagiert panisch und die Folge von lang anhaltendem Stress sind Depressionen, Burnout und Angstattacken." Womit wir wieder bei den Bakterien auf der Herdplatte wären und der Tatsache, dass wir viel öfter auf unser Gehirn im Bauch hören sollten . . .

Macht der Darm Probleme, fühlt sich der Mensch nicht wohl. Und da schließlich 90 Prozent des Wohlbefindens vom Bauch ausgehen, sollte man sofort beginnen, etwas gegen diesen Misszustand zu tun. Das geht am besten mit entsprechender Ernährung, einem entspannteren Lebensstil, mehr Bewegung - und Probiotika. Ihnen gilt Frauwallners besondere Aufmerksamkeit, seit Anfang der 1990er Jahre erforscht sie die einzelnen "guten" Bakterien und die richtige Kombination der Leitkeimstämme, um die Darmflora wieder zu sanieren und in der Folge gesund zu erhalten. Den Anstoß zu dieser Forschung gab ihr ein Meeresbiologe, der ihr erklärte, dass die meisten Bakterien im Meer leben und es intakt halten - und genauso funktioniert es beim Menschen. Jeder Darmabschnitt hat seinen eigenen Leitkeim, woraus sich eine Kombination von sechs Leitkeimstämmen ergibt, um den gesamten Darm wieder auf Vordermann zu bringen. Diese Kombination, die in ihrem Labor auch unter erschwerten Bedingungen getestet wurde, kam 1996 unter dem Namen "OmniBiotic 6" auf den Markt. Seither folgten weitere Produkte, die den Bedürfnissen verschiedener Lebenssituationen angepasst wurden, etwa für Kinder oder Menschen, die besonders unter Stress stehen.

Weil ihr das aber nicht genug ist, hat Frauwallner ihre rund 30 Jahre Erfahrung mit dem Darm und seiner Bedeutung für die Gesundheit des Menschen nun in einem gut verständlichen Ratgeber zusammengefasst. Das Schönste an diesem Buch ist, dass es trotz aller Ernsthaftigkeit des Themas Hoffnung vermittelt und der Humor nicht zu kurz kommt. Denn Sorgen machen sich die Betroffenen ohnehin schon selbst genug . . .