Zum Hauptinhalt springen

Auf das Erwerbsleben folgen die Jahre des "Un-Ruhestandes"

Von Petra Medek

Wissen

Noch nie gab es eine Gesellschaft, die so schnell gealtert ist wie die unsere. Allein in Österreich wird sich die Zahl der über 80-jährigen bis zum Jahr 2050 vervierfachen. Bevor sie - meist krankheitsbedingt - leiser treten müssen, genießen die Pensionisten aktiv ihren "Un-Ruhestand". Eine Tatsache, die nicht nur sozialpolitische Umwälzungen nach sich ziehen, sondern auch zur Umorientierung der Wirtschaft führen muss.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 21 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Heute ist ein 50-jähriger nicht mehr ein "ehrwürdiger Greis", wie Goethe zu seinem 50. Geburtstag in einer Festrede genannt wurde. Die 50-jährigen der Gegenwart haben noch Jahrzehnte vor sich, wie Altersforscher Bernd Marin kürzlich auf einer Enquete über das Altern erläuterte. Männer, die heute Anfang 60 sind, haben nach Auskunft der Statistik Austria im Schnitt noch knapp 20 Jahr vor sich, Frauen in diesem Alter knapp 24 Jahre.

Zweigeteilte Pension

Die Zeit nach der Erwerbstätigkeit scheint gerade in zwei Zeitabschnitte zu zerfallen - die aktiven Jahre und der Ruhestand ab etwa 80 Jahren, wie es Karl Unger, Vorstandsmitglied der Uniqa Versicherung, im Rahmen der Enquete formulierte. Die Generation 50plus zeichnet sich mehr als je zuvor durch Aktivität und Lebenslust aus - und nicht zuletzt auch durch beachtliche Konsumkraft.

Eine Zielgruppe, die die Wirtschaft also nicht außer Acht lassen kann. Um nicht am alternden Markt vorbei zu produzieren, haben einige Industriebetriebe auch in Europa schon vor Jahren begonnen, ihre Produkte auf die Tauglichkeit für ältere Menschen zu testen und nach deren Bedürfnissen auszurichten.

Das Alter "anprobieren"

Eine Möglichkeit, der Wirtschaft das Alter näher zu bringen, ist der Age Explorer. Dabei handelt es sich um einen Ganzkörperanzug, der, in wenigen Minuten übergezogen, jeden in den physischen Zustand eines ungefähr 70-Jährigen versetzt.

Erreicht wird das durch Versteifungen der Gelenke, eine gewichtige Weste, die die Muskulatur schwächer erscheinen lässt, einen Overall, der den Bewegungsradius reduziert, Handschuhe, die die stumpfere Feinmotorik sowie Arthrose nachstellen, Kopfhörer, die die Hörfähigkeit mindern und einen Helm mit gelbem Sichtfenster, der u. a. das Blickfeld einschränkt.

Derart adjustiert können Industriedesigner verschiedenste Produkte oder räumliche Gegebenheiten wie etwa im Handel relativ einfach auf die Anforderungen Älterer testen. Die Palette reicht vom Testeinkauf im Supermarkt über die Prüfung von Verpackungen, Möbeln, medizinischen Geräten bis hin zu Autos. "Viele Branchen, darunter auch die Autoindustrie, würden sich aber nie auf die Fahnen heften wollen, dass sie ihre Produkte auch auf Altersfreundlichkeit überprüfen", erzählt Gundolf Meyer-Hentschel vom gleichnamigen deutschen Beratungsunternehmen im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Man soll einem Produkt nämlich nicht gleich anmerken, dass es auch für Ältere einsetzbar ist". "Benutzerfreundlich" ist das Adjektiv, das der Industrie verkaufswirksamer erscheint. Meyer-Hentschel Management Consulting hat den Age Explorer entwickelt und vermietet ihn seit 1994 samt Betreuungsleistungen an Industrieunternehmen und Dienstleister. Haupteinsatzgebiete sind neben dem Heimmarkt Deutschland die Schweiz und Österreich. Nach Angaben des Unternehmens haben bis jetzt rund 5.000 Arbeitnehmer aus verschiedensten Branchen mittels Age Explorer ihre Erfahrungen mit dem Alter gesammelt.

Dass jeder, der ihn trägt, subjektive Eindrücke vom Age Explorer mit nimmt und jeder Mensch individuell altert, scheint dem Erfolg dieser Idee keinen Abbruch zu tun. "Der Anzug wurde nicht mit dem Anspruch konzipiert, das Alter 1:1 nachzustellen. Er soll vielmehr Sensibilität erzeugen", sagt Meyer-Hentschel.

Alterserscheinungen auf Zeit

Und das tut er auch. Schlagartig stellt sich ein unbehagliches Gefühl ein, wenn man die Welt plötzlich als "70-er" erfährt. Die Börsekurse in der Zeitung sind kaum zu entziffern, das Aufstehen von einer niedrigen Bank ist schweißtreibend, und kleine Handgriffe wie das Öffnen der Kaffeekanne und Einschenken in die Tasse werden zu einem Langzeitprojekt. Jede Handbewegung sticht, das Bücken um ein Schlüsseltascherl gerät fast zur artistischen Nummer. Nach einigen Minuten ist man froh, vom Age Explorer Team wieder aus dem Anzug geschält zu werden. Während das Produkt Age Explorer international langsam bekannt wird, bastelt man in Deutschland bereits an einer Weiterentwicklung, die mentale bzw. psychologische Kompontenen des Alterns berücksichtigen soll.

Teure Pflege

Hinter diesen und ähnlichen Produkttests auf "Alters-Tauglichkeit" steht aber nicht nur der betriebswirtschaftliche Nutzen des einzelnen Unternehmens. Es ist eine sozialpolitische Zielsetzung, die Selbstständigkeit älterer Menschen so lange wie möglich zu erhalten. "Und zwar nicht nur aus ethischen, sondern auch aus ökonomischen Gründen", meint der Marketingexperte.

Denn die Betreuung pflegebedürftiger Menschen ist kostpielig: In Österreich wurden im Jahr 2000 für Pflege-Dienstleistungen insgesamt 330 Mill. Euro aufgewendet, weiß Werner Kerschbaum, Generalsekretär der Österreichischen Rotes Kreuzes. Davon entfielen etwa 70% auf die öffentliche Hand (Länder, Gemeinden, Sozialversicherung), der Rest wird von den Patienten selbst aufgebracht. "Bei den notwendigen massiven Ausweitungen dieser Dienstleistungen in den nächsten zehn Jahren wird sich der Selbstbehalt der Patienten erhöhen müssen", betont Kerschbaum. Je älter wir werden, desto höher wird die Wahrscheinlichkeit, Pflege zu brauchen. Angesichts der Überalterung der Gesellschaft folge daraus, dass bis zum Jahr 2011 etwa 800.000 Österreicher hilfs- und pflegebedürftig sein werden. Eine Problematik, mit der sich die Gesellschaft auseinandersetzen sollte, bevor "Pflegenotstand" eintritt.