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"Auf dein Wohl, Tayyip"

Von Linda Say

Politik

Erdogan setzt auf hartes Vorgehen, doch Polizeibrutalität konnte Proteste nicht stoppen.


Was mit einer Besetzung des Gezi-Parks, dem einzigen grünen Stadtteil der Gegend, angefangen hat, ist nun in eine Massendemonstration, die nun sechs Tage anhält, ausgeartet. Demonstranten hatten den Park, welcher abgerissen und durch eine Shoppingmall ersetzt werden sollte, okkupiert. Die gewaltsame Räumung der Besetzung, bei der auch Todesopfer zu beklagen waren, legte die Nerven der Bevölkerung blank.

"Uns hat man schon genug zugemutet, das war nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte", so eine Demonstrantin, die auch am sechsten Tag nicht daran denkt, den Ort des Geschehens zu verlassen. "Es reicht" hallt es nun auf den Straßen, genauso wie auf den sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter. Im Sekundentakt werden Fotos und Videos geteilt, die Opfer von der Brutalität der Polizeikräfte zeigen. Die Opfer werden als Helden hochgepriesen und alle anderen zum Mitmachen und Erheben der Stimmen motiviert.

Doch das ist leichter gesagt als getan. Die öffentlichen Verkehrsmittel sind zum Transport nicht geeignet, da aufgrund des Andrangs völliges Verkehrschaos herrscht. Wer den Weg zu Fuß bewältigt, muss sich vorher über Hotspots der Polizeieinsätze informieren, um nicht mitten in die Gefechte zwischen Polizei und dem Volk zu geraten. Zu der Basisausrüstung der Demonstranten gehören Gasmasken, Zitronen, Wasser und Essig. Wer diese nicht mit sich trägt, läuft Gefahr zu ersticken, da die Polizei nicht an Tränengas spart wenn es heißt, die Massen zu zerstreuen. Doch wie mehrere Vorfälle bestätigen, ist dies auch nicht ihr einziges Ziel. "Wenn es denen darum gehen würde, uns nur zu verjagen, würden sie nicht auf unsere Köpfe zielen. Sie schießen mit Plastikgeschossen auf uns, hunderte sind verletzt", so ein wütender Demonstrant.

Tatsächlich ist die Brutalität, mit denen die Polizei auf die Bürger losgeht enorm. Die Kapseln, welche Gas beinhalten und in die Meute geworfen werden, verletzen die Menschen teilweise schwer. Ganz zu schweigen vom Inhalt, der bei einem jungen Menschen zu Herzversagen geführt hat und verstorben ist. Auch jene, die nach einer Hetzjagd seitens der Polizei gefangen werden, müssen mit schlimmen Folgen rechnen. So ist auf einem Video zu sehen, wie eine Gruppe von Polizisten sich auf einen Demonstranten stürzt und wild auf den wehrlosen Mann einschlägt. Zuletzt wurde ein Arbeiter durch echte Munition einer Schusswaffe am Kopf getroffen und getötet.

Während dieser Ereignisse war in den türkischen Medien lange Zeit nichts zu hören bzw. zu lesen. In den TV-Kanälen herrschte Normalprogramm. Von den beliebten Serien bis über Kochshows lässt teilweise immer noch nichts von der Situation auf den Straßen Istanbuls vermuten. Doch das Volk lässt sich nicht irritieren: "Selbst die, die nicht auf die Straßen gehen, nehmen an den Demonstrationen teil. Bewaffnet mit Kochtöpfen und Löffeln stehen sie an den Fenstern, schalten die Lichter an und aus und stimmen in die Gesänge auf den Straßen ein", ist eine junge Frau stolz auf ihre Mitmenschen.

Was die Gesänge und Parolen betrifft, so ist das türkische Volk sehr einfallsreich. Kein Wunder, fehlt es ihnen ja nicht an Themen, mit der die Regierung unter Premierminister Erdoğan schon allzu oft die Gemüter erhitzt hat. Sei es nun das Gesetz, keinen Alkohol ab 22:00 Uhr zu verkaufen oder die jüngsten Bombenanschläge in der Grenzstadt Reyhanlı (Hatay) in Verbindung mit der misslungenen Außenpolitik- das Maß ist nun voll. Doch anstatt die aufgebrachte Masse zu beschwichtigen, provoziert Erdoğan weiter, indem er den Grund der Ausschteitungen auf "ein paar Bäume" reduziert und damit droht, selbst eine Million Menschen zu mobilisieren, sollte dies nötig sein. Dass die Polizei es mit dem Einsatz von Tränengas übertreibt, sei ihm zwar bewusst, doch müssen sich die Einsatzkräfte schließlich gegen "ein paar wildgewordene Randgruppen" wehren.

Doch nicht alle machen dabei mit. Unterschiedlichen Quellen zufolge, sollen etwa 1000 Polizisten und 15 Polizeidirektoren gekündigt haben, unter anderem wegen moralischer Bedenken. Genaue Angaben dazu fehlen bisher. Diese und ähnliche Nachrichten lassen die Demonstranten aufatmen und motiviert sie zum Weitermachen. Dabei kommt es immer wieder zu ungewohnten Szenen: Kaum einer hätte beispielsweise noch vor kurzem daran gedacht, dass sich Galatasaray und Fenerbahçe-Anhänger Seite an Seite für eine Sache einsetzen, war doch zuletzt ein Fenerbahçe-Fan von der gegnerischen Seite getötet worden.

Auch der Menschenstrom, der in den frühen Morgenstunden von der asiatischen auf die europäische Seite zu Fuß wanderte, hat sich in die Köpfe der Bevölkerung eingebrannt.

Was mit dem Gezi-Park passiert, ist ungewiss. Fest steht aber, dass die türkische Bevölkerung genug hat von einer pseudodemokratischen Regierungspolitik. Oder wie die einander zuprostenden  Menschen in Beyoğlu sagen:"Wir sind ein Volk und darauf trinken wir. Auf dein Wohl, Tayyip!"

1700 Festnahmen
Bei den seit Freitag anhaltenden landesweiten Protesten gegen die türkische Regierung sind nach Angaben von Innenminister Muammer Güler mehr als 1.700 Menschen festgenommen worden. Die überwiegende Mehrheit sei nach Überprüfung ihrer Papiere und kurzer Befragung wieder freigelassen worden, zitierte die Nachrichtenagentur Anadolu am Sonntag den Minister.