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Auf dem Markt der Parolen

Von WZ-Korrespondent Andreas Schneitter

Politik
© reu/Ratner

"Alles außer Bibi" gegen "Nur Bibi": Anhänger und Gegner von Israels Premier prallen am Carmel-Markt in Tel Aviv aufeinander.


Tel Aviv. Als gehe es ihn nichts an, zieht Tomer langsam an einer Zigarette, schnippt sie weg und sortiert das Süßgebäck auf seiner Ablage neu. Er dreht den Personen hinter ihm, in einer Seitenstraße des schmalen, jeden Freitag vollgepackten Carmel-Marktes von Tel Aviv, demonstrativ den Rücken zu. Die Menschenmasse skandiert derweil: "Oha, wer kommt denn da? Der nächste Regierungschef!" In ihrer Mitte, umgeben von einem Ring an Polizisten, zwängt sich Jitzchak Herzog hindurch, lächelt und hält eine Melanzani hoch, die ihm ein Gemüseverkäufer hingestreckt hat.

Als sich die Menge an seinem Baklava-Wagen in der engen Gasse vorbeidrückt, wirft Tomer seinen breit gebauten Oberkörper schützend über seine Waren und ruft Herzog hinterher: "Bibi, nur Bibi!" Es ist Wahlkampf, die Kandidaten und Parteien drängeln sich in den Markt, demonstrieren Volksnähe, eine Schar Fotografen hinterher. Tomer fährt jeden Morgen aus den ärmlichen südlichen Vorstädten von Tel Aviv zum Markt ins alte Zentrum der Stadt. Er ist unbeeindruckt. In seiner Familie, die - in den jungen Tagen des Staates aus Nordafrika kommend - in Israel den Neuanfang versuchte, wählt man rechts. Likud. Die Partei des amtierenden Premierministers Benjamin "Bibi" Netanjahu. Und dabei soll es bleiben: "Bibi hält Israel stark, die Linke wird uns schwächen", meint Tomer.

Was ist Israel?

Der Markt war seit den Tagen der Osmanen ein Ort mit eigener politischer Macht, deren Besucher es zu umgarnen und bei Laune zu halten galt, und zumindest auf dem Carmel-Markt ist diese Tradition aufrecht. In den letzten Tagen, bevor Israel am kommenden Dienstag ein neues Parlament und damit möglicherweise einen neuen Regierungschef und einen Kurswechsel wählen wird, werden hier neben Gemüse und Gebäck auch politische Parolen angeboten. Bereits frühmorgens sammeln sich auf dem David-Platz vor dem Eingang der Marktstraße die Aktivisten der Parteien und decken die Passanten mit Flugblättern ein. Sie sind kaum auseinanderzuhalten: Alle tragen blau-weiße Shirts, die Nationalfarben Israels, alle schmücken sich mit Flaggen, auf denen der Davidstern prangt. Die kommende Wahl, polarisierend wie kaum eine zuvor, handelt nicht von konkreten politischen Geschäften, nicht von Steuersätzen oder Armeedienstpflicht, nicht von Wohnungsknappheit oder dem wieder einmal brachliegenden Friedensprozess mit den Palästinensern. Sondern vom großen Ganzen: davon, was das sein soll, der zionistische Staat.

Mitte-Links hat sich zur "Zionistischer Union" zusammengeschlossen, ein Bündnis der Arbeitspartei und der liberalen Hatuna, deren Leitfiguren Herzog und Tzipi Livni zukünftig das Amt des Premiers rotierend übernehmen sollen. Sie versprechen einen "Zionismus reloaded", eine sozialdemokratische Rückbesinnung auf die Staatsgründer, deren Politik allen Israelis dienen soll statt nur wenigen. Der regierende Likud kontert mit Sicherheitspolitik, warnt vor Islamisten und dem Iran und schart sich hinter den Slogan, dass "nur Likud, nur Netanjahu" Israels Überleben in einer aus den Fugen geratenen Region garantieren könne.

Auf der anderen Straßenseite des Marktes, wo sich die alten Tel Aviver Hauptstraßen Allenby und King George schneiden, steht das Zelt der Bewegung V15 - das "V" steht für Victory. Die hat sich vor drei Monaten zuerst in Tel Aviv, dann in den übrigen großen Städten des Landes erhoben und verkündet: "Hauptsache ein Wechsel!" Ihre spektakulärste Aktion führte sie vor einer Woche zusammen anderen parteiungebundenen, jedoch links der Mitte verorteten Organisationen durch: Auf dem zentralen Rabin-Platz versammelten sich zehntausende Demonstranten. "Alles außer Bibi" war ihre Forderung. "Schluss mit einer Politik, die auf die Kraft von Angst und Bedrohung setzt", sagt die Sprecherin von V15. "Wir brauchen positive, einigende Visionen für die Zukunft. Die Regierung vertritt keine der Werte, die wichtig für Israel sind - die Gemeinschaft, die Demokratie, die Menschenrechte, den Ausgleich mit den Nachbarn." Die rasant wachsende Zahl ihrer Freiwilligen geht von Tür zu Tür, redet mit den Bürgern. Eine Kamera ist immer dabei, die Filme landen sofort im Netz. "Wir haben nur ein Ziel", sagt Tuli, "eine neue Regierung mit einer neuen Politik." Danach, betont sie, werde sich die Organisation sofort wieder auflösen.

Auflösung nach Ablöse

Gemäß den jüngsten Umfragen könnte sich ihre Hoffnung erfüllen. Die Zionistische Union liegt mit einem Vorsprung von drei bis vier Sitzen vor dem Likud. Dort beginnen die Abrechnungen mit Netanjahu bereits: Laut "Haaretz" schieben verschiedene Parteimitglieder die Verantwortung für die gesunkenen Umfragewerte auf ihren Parteichef, der die Kampagne vollständig auf seine Person ausgerichtet hat. In einem Fernsehinterview wurde Netanjahu bereits darauf angesprochen, ob er nach einer Wahlniederlage die Politik verlasse und somit, für israelische Verhältnisse, wo Regierungen kaum länger als drei Jahre im Amt bleiben, das Ende einer Ära einleite. Er ließ die Frage unbeantwortet.

"Nur Netanjahu" oder "Hauptsache Wandel" - man wird es in wenigen Tagen wissen. Der Carmel-Markt hat an diesem letzten Wochenende vor den Wahlen hingegen noch andere Alternativen im Angebot. Ein Anwalt im Businessanzug verwickelt die Passanten in Gespräche, um sie von der Sinnlosigkeit der Wahlen zu überzeugen, da nur eine tiefe Wahlquote die Regierung zwingen würde, wieder auf die Anliegen der Menschen zu hören. "I Amun" steht auf dem Shirt, das er sich über sein Sakko gezogen hat: "Kein Vertrauen!". Und zwischen den Straßenmusikanten haben die Missionare der religiösen Chabad-Bewegung wie jeden Freitag ihren Tisch aufgestellt, rollen ihre Gebetsriemen und Torah-Texte aus und sprechen säkular gekleidete Männer an, um sie für den Weg Gottes zu ermuntern. Auch der junge Igal mit rostrot gelocktem Bart und schwarzkrempigem Hut geht an die Urne, welche Partei er wählt, lässt er offen. Aber: "Was sie auch versprechen, keine Partei kann die Bedürfnisse aller Menschen erfüllen", sagt er. "Das schafft allein Gott."

Jitzchak Herzog - antithese zu netanjahu aus linker Polit-Dynastie

Falls die israelischen Wähler ihren konservativen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu durch sein exaktes Gegenbild ersetzen wollen, haben sie leichtes Spiel: Sie wählen Jitzchak Herzog. Zurückhaltend und diplomatisch auftretend, ist der Chef der sozialdemokratischen Arbeitspartei das charakterliche Gegenteil Netanjahus mit seinem bombastischen Stil.

Der "Anti-Bibi" sieht seine Stunde gekommen, die Ära Netanjahus, der mit einer Unterbrechung neun Jahre an der Regierungsspitze stand, zu beenden. Dann müsste der 54-jährige Rechtsanwalt und Vater dreier Kinder das Haus seiner Kindheit in Tel Aviv verlassen, in dem er bis heute lebt. Dabei hatten die Leitartikler der israelischen Medien geätzt, der "blasse Aktenfresser" werde niemals in die Premierministerresidenz in Jerusalem einziehen, als er im Herbst 2013 zum Oppositionschef aufrückte. "Als ich für den Vorsitz der Arbeitspartei kandidierte, schrieben sie, ich hätte kein Charisma und sei chancenlos", erinnerte Herzog kürzlich im Gespräch mit der Zeitung "Haaretz": "Und als ich vor einem Jahr sagte, ich sei die Regierungsalternative zu Netanjahu, wurde ich ausgelacht."

Als erfolgreich erwies sich die Bildung des Listenbündnisses "Zionistische Union" mit der liberalen Hatnua-Partei von Tzipi Livni. An sie will Herzog im Erfolgsfall den Chefposten im Kabinett nach zwei Jahren abgeben. Auch dies mag als Beleg für sein kontrolliertes Ego gelten.

Doch es bleibt ein ehrgeiziges Ziel, erstmals seit Ehud Barak 1999 die Arbeitspartei wieder dorthin zu führen, wo sie jahrzehntelang ihren Stammplatz hatte: an die Spitze der Regierung. Ein relativer Wahlerfolg könnte sich als Pyrrhussieg erweisen, wenn es Herzog nicht gelingt, eine Koalition zu bilden und danach Netanjahu doch zum Zuge kommt.

Für Zweistaatenlösung

Vor 16 Monaten wurde Herzog in einer Urwahl überraschend deutlich an die Spitze seiner Partei gewählt. Seit 2003 ist er Parlamentsabgeordneter und war zuvor Kabinettssekretär seines politischen Ziehvaters Barak. In der Knesset profilierte sich der Jurist als Sozialpolitiker. Er initiierte erfolgreiche Gesetzesvorlagen zur Besserstellung von Behinderten, von Opfern sexueller Gewalt und von Holocaustüberlebenden. In der großen Koalition ab 2005 wurde Herzog Minister für Wohnungsbau; später leitete er die Ressorts Tourismus, dann Soziales und bis 2011 das Ministerium für Auslandsjudentum und Antisemitismusbekämpfung. Außenpolitisch hat er sich immer für territoriale Zugeständnisse an die Palästinenser ausgesprochen und ist für die Zweistaatenlösung als Grundlage eines Friedensabkommens bekannt. Herzog setzt die Polit-Tradition der Familie fort: Großvater Jitzchak, war nach der Staatsgründung 1948 der erste Großrabbiner der aus Europa stammenden aschkenasischen Juden. Vater Chaim Herzog wurde israelischer General, UNO-Botschafter und dann Staatschef von 1983 bis 1993. Und Onkel Abba Eban war Außenminister zu Zeiten des Sechstagekriegs 1967.

Jitzchak Herzog - Antithese zu Netanjahu aus linker Polit-Dynastie

Falls die israelischen Wähler ihren konservativen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu durch sein exaktes Gegenbild ersetzen wollen, haben sie leichtes Spiel: Sie wählen Jitzchak Herzog. Zurückhaltend und diplomatisch auftretend, ist der Chef der sozialdemokratischen Arbeitspartei das charakterliche Gegenteil Netanjahus mit seinem bombastischen Stil.

Der "Anti-Bibi" sieht seine Stunde gekommen, die Ära Netanjahus, der mit einer Unterbrechung neun Jahre an der Regierungsspitze stand, zu beenden. Dann müsste der 54-jährige Rechtsanwalt und Vater dreier Kinder das Haus seiner Kindheit in Tel Aviv verlassen, in dem er bis heute lebt. Dabei hatten die Leitartikler der israelischen Medien geätzt, der "blasse Aktenfresser" werde niemals in die Premierministerresidenz in Jerusalem einziehen, als er im Herbst 2013 zum Oppositionschef aufrückte. "Als ich für den Vorsitz der Arbeitspartei kandidierte, schrieben sie, ich hätte kein Charisma und sei chancenlos", erinnerte Herzog kürzlich im Gespräch mit der Zeitung "Haaretz": "Und als ich vor einem Jahr sagte, ich sei die Regierungsalternative zu Netanjahu, wurde ich ausgelacht."

Als erfolgreich erwies sich die Bildung des Listenbündnisses "Zionistische Union" mit der liberalen Hatnua-Partei von Tzipi Livni. An sie will Herzog im Erfolgsfall den Chefposten im Kabinett nach zwei Jahren abgeben. Auch dies mag als Beleg für sein kontrolliertes Ego gelten.

Doch es bleibt ein ehrgeiziges Ziel, erstmals seit Ehud Barak 1999 die Arbeitspartei wieder dorthin zu führen, wo sie jahrzehntelang ihren Stammplatz hatte: an die Spitze der Regierung. Ein relativer Wahlerfolg könnte sich als Pyrrhussieg erweisen, wenn es Herzog nicht gelingt, eine Koalition zu bilden und danach Netanjahu doch zum Zuge kommt.

Für Zweistaatenlösung

Vor 16 Monaten wurde Herzog in einer Urwahl überraschend deutlich an die Spitze seiner Partei gewählt. Seit 2003 ist er Parlamentsabgeordneter und war zuvor Kabinettssekretär seines politischen Ziehvaters Barak. In der Knesset profilierte sich der Jurist als Sozialpolitiker. Er initiierte erfolgreiche Gesetzesvorlagen zur Besserstellung von Behinderten, von Opfern sexueller Gewalt und von Holocaustüberlebenden. In der großen Koalition ab 2005 wurde Herzog Minister für Wohnungsbau; später leitete er die Ressorts Tourismus, dann Soziales und bis 2011 das Ministerium für Auslandsjudentum und Antisemitismusbekämpfung. Außenpolitisch hat er sich immer für territoriale Zugeständnisse an die Palästinenser ausgesprochen und ist für die Zweistaatenlösung als Grundlage eines Friedensabkommens bekannt. Herzog setzt die Polit-Tradition der Familie fort: Großvater Jitzchak, war nach der Staatsgründung 1948 der erste Großrabbiner der aus Europa stammenden aschkenasischen Juden. Vater Chaim Herzog wurde israelischer General, UNO-Botschafter und dann Staatschef von 1983 bis 1993. Und Onkel Abba Eban war Außenminister zu Zeiten des Sechstagekriegs 1967.