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Auf den Bus gewartet, im Krieg gelandet

Von Lennart Laberenz

Politik

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Glendale, Los Angeles. Eine Mittelklassesiedlung zwischen Beverly Hills, Burbanks und Pasadena, weit weg vom Glamour des Hollywoodreichtums. Die Hälfte der hier Ansässigen sind nicht in den USA geboren.

Auf dem Weg nach Hause wartete Samantha Velazquez Velazquez gelegentlich länger auf ihren Schulbus. Neben der Haltestelle vor ihrer Schule warteten außerdem noch die Angestellten im Rekrutierungsbüro der US Army. Die einen, so kann man sich das bildlich vorstellen, warten auf den Bus, vertreiben sich die Zeit. Die anderen warten auf mögliche Rekruten für die militärischen Launen der Regierung. Sie warten auf jene, die sich die Zeit vertreiben.

"Ich wollte immer zur Polizei oder zur Feuerwehr. Und sie sagten mir, Militärpolizistin könne ich auch mit siebzehn Jahren werden," in den regulären Polizeidienst hätte sie erst mit 21 eintreten können. "Ich dachte, nach meiner Zeit bei der Armee kann ich immer noch zur Polizei." Und so unterschrieb die siebzehnjährige Samantha Velazquez Velazquez bei der Armee, während sie auf den Bus wartete. "Natürlich hat meine Mutter Angst, aber sie ist auch stolz. Sie zeigt mich herum und sagt, das ist meine Tochter, die Soldatin." Samantha, mittlerweile 22 Jahre alt und Tochter mexikanischer Einwanderer, wurde Militärpolizistin, erst in Fort Lewis (Bundesstaat Washington), dann im Kosovo, in Mazedonien und im Pentagon, nun bei ihrer "definitiv letzten Station", im Irak.

Samantha Velazquez Velazquez wartete nicht zufällig neben der Armee auf den Bus, die Militarisierung der Gesellschaft ist eine politische Strategie der Regierung.

Als die Regierung von George W. Bush im Januar 2002 das "No child left behind"-Gesetz verabschiedete, sahen viele Kommentatoren darin einen Bruch mit US-amerikanischen Bildungstraditionen. Nach Horace Mann und später auch John Dewey sollten öffentliche Schulen aus einer Immigrationsbevölkerung eine auf gemeinschaftliche Werte bauende Gesellschaft machen. Junge Menschen sollten zu selbstreflexiven und kritischen Bürgern herangezogen werden, rationale Deliberation sollte zum Zwecke des Gemeinschaftsgedankens und der Eigenverantwortlichkeit erlernt werden, Partizipation das Gefühl von "cultural ownership" vermitteln.

Militarisierung der Schulen

Mit dem neuen Gesetz hatte sich die Richtung endgültig ins Gegenteil verkehrt. Fortan ging es um den "globalen Konkurrenzkampf" um die Werte des Kapitalismus und dessen Denkarten: Die Ausbildung sollte den Input, also die Dollars, die für das Bildungssystem ausgegeben werden, in ein direktes Verhältnis zum Output, den standardisierten Testergebnisse der Schüler setzen, resümierte Stephen Metcalf von der linksliberalen Zeitschrift "The Nation". Kapitalismus statt Kritik und Emanzipation also.

Einen weiteren Haken entdeckten manche Politiker und Schulen erst viel später: sie waren fortan verpflichtet, alle persönlichen Daten von SchülerInnen über sechzehn Jahre an die Rekrutierungsbehörde weiterzuleiten. Bei Zuwiederhandlung werden Bundesmittel gestrichen. In einigen Schulen unterrichten Army-Ausbilder bereits selbst. Autorität, Disziplin und Unterordnung wird dann trainiert, Sekundärtugenden geraten zum primären Ziel. Plötzlich ist Samanthas Stimme auch nicht mehr gleichgültig: "Ich bin stolz darauf mein Land zu verteidigen," sagt sie entschieden.

Ethnische "Integration"

Das Militär spielt eine wichtige Rolle im Integrationsprozess der multiethnischen Bevölkerung; 15,5 Prozent der Marinesoldaten waren im Jahr 2000 Hispanics, wie sie statistisch erfasst werden, 14,9 Prozent gehörten zu elitären Marine Corps. Dabei sind in den USA nur etwa 11,7 Prozent der Bevölkerung latein- oder zentralamerikanischer Abstammung. Nachdem die Armee vor dem Irak-Krieg sogar auf mexikanischem Territorium damit warb, den einfachsten Weg zur Staatsbürgerschaft darzustellen, dürfte diese Quote erheblich nach oben geschnellt sein: ganzen Regimentern wurde im Schnellverfahren der Eid abgenommen und der blaue Pass ausgehändigt.

Camp an heiliger Stätte

Velazquez spricht mit entspannter Stimme, ihr Ton ist eine Art verbales Achselzucken, als wäre es gleichgültig, dass sie aus ihrem eigenen Leben berichtet. Ihre Erzählungen aus dem Irak wirken distanziert, so ist auch ihre Einstellung zum Feldzug gegen die "Achse des Bösen": "Wir machen einen Job und den ich will gut machen," wiederholt sie. Seit sechs Monaten lebt sie in einem Camp in den Ruinen der alten Stadt Babylon, auch als Wiege der Zivilisation bekannt. "Die Ruinen sind toll," lacht sie, es sei ein Sicherheitsaspekt, an diesem Ort das Lager aufzuschlagen: "Wir werden seltener mit Mörsergranaten beschossen, der Ort ist den Irakern heilig." Für das Ansehen der Besatzungsmacht sei dies zugegebenermaßen nicht grade förderlich, aber "unsere Sicherheit geht eben vor, denke ich." Ob sie sich vorstellen könne, was das bedeute, wenn eine Besatzungsarmee ein nationales Heiligtum besetzt? Ihre Antwort kommt zögerlich, "es ist vielleicht so, als würden feindliche Truppen ihr Camp im Disneyland aufbauen." Ende des Jahres soll das Lager verlegt werden.

Normalerweise versieht Velazquez ihren Dienst beim 504. Militärpolizeibataillon in Fort Lewis (Bundesstaat Washington), ein Bürojob mit körperlicher Ertüchtigung, wie sie sagt. Wären da nicht Uniform, martialische Maskottchen und die contingency missions, plötzliche Einsätze in aller Welt. Ihre Kompanie, die War Eagles der 66. Militärpolizei-Einheit, trainierte einen Monat unter Kriegsbedingungen in Kalifornien und wurden im Februar in den Irak geschickt. Dort laufen sie mit irakischen Kollegen Streife in den Straßen kleinerer Städte südlich von Bagdad. "Wir sollen die Korruption bekämpfen, den Menschen wieder Vertrauen zur Polizei geben." Eine schwierige Mission, nicht nur, weil sie Sitten und Heiligtümer der Iraker mit Füßen treten. Aus ihren gepanzerten Fahrzeugen können sie nicht aussteigen, "durch manche Dörfer können wir nicht einmal durchfahren."

Ständige Anspannung

Samantha Velazquez Velazquez war mit 22 Jahren Teamleaderin, als ihr Konvoi in einen Hinterhalt geriet. Ihr Fahrzeug wurde aus dem Straßengraben beschossen. Sie wies ihren Schützen an zurückzufeuern, dirigierte den Fahrer und schoss mit dem Gewehr in die Richtung, in der sie den Gegner vermutete. "Das ging sehr schnell, es war verwirrend. Nach fünf Minuten war alles vorbei, wir sind heil herausgekommen." Wenn ihr Lager nachts, trotz der heiligen Stätte, mit Mörsern beschossen wird, muss sie sich blitzschnell in den Bunker zurückziehen. "Ich habe meine Schutzweste, das Gewehr und meinen Helm neben dem Bett," sagt Velazquez und: "Hier ist nichts wie in der Propaganda von George W. Bush. Die war komplett falsch."

Ihr Bett steht in einem Container, wie er auch für Überseefracht verwendet wird. Und doch gibt es keinen Ort zum Abschalten, "wir stehen ständig unter Stress. An die Hitze kannst du dich gewöhnen, an den Staub auch, aber diese ständige Anspannung gräbt sich in dich hinein." Jeder Fehler kann tödlich enden, für sie selbst oder ihre KollegInnen. Zwar meint Samantha gut auf den Einsatz vorbereitet zu sein, trotzdem hätte das Trainingslager bei aller Anstrengung eher den Charakter einer Saisonvorbereitung gehabt. Und der Irak, das seien wohl die Playoffs? "Das sind die Olympischen Spiele, auf höchstem Niveau!"

Psychologische Waschstraße

Die Professorin Dr. Paula Schnurr vom nationalen Zentrum zur Bekämpfung des posttraumatischen Stress-Syndoms (PTSD) in Vermont erklärt, dass junge Soldatinnen am ehesten von Ängsten, Beklemmungen und Niedergeschlagenheit als Spätfolge von Kriegseinsätzen betroffen sind. "Frauen werden im Militär immer noch anders trainiert als Männer. Sie erwarten seltener ihre Waffen einsetzten zu müssen, lernen nicht auf die gleiche Art und Weise mit lebensbedrohlichen Situationen umzugehen." PTSD-Kranke schwanken zwischen Anspannung, Aggressivität, Wahnvorstellungen und Depressionen. Menschen fallen plötzlich in ein Loch, aus dem sie ohne fremde Hilfe nicht mehr herauskommen. Nachdem sich die Verhaltensauffälligkeiten in den Generationen von VeteranInnen aus Kriegen gegen Deutschland, in Korea und Vietnam zu Pathologien entwickelt hatten, "sind wir davon abgekommen, das Individuum verantwortlich zu machen," so Schnurr. Nunmehr wird der Kriegseinsatz als etwas verstanden, dass eine Therapie nach sich ziehen müsste, auch wenn nicht jeder Veteran PTSD ausprägt. Eine wirksame Strategie zur Prävention gibt es nicht, die Kompanien führen geschultes Personal mit, ein Art emotionaler Waschstrasse für Frontkämpfer.

Zweifel an den Gründen

Velazquez hat nach dem Hinterhalt einige Tage frei bekommen, die Ereignisse mit ihren Kollegen durchgesprochen. Ein Krisenreaktionsteam stand bereit, "das hilft die Erfahrungen als normal zu erklären und verständlich zu machen," erklärt Schnurr die Arbeit der Psychologen. Es hat der jungen Soldatin geholfen, sie macht weiter ihren Job, nach dessen Gründen sie nicht fragt. Was sie also mit George W. Bush anfangen würde, wenn sie die Gelegenheit hätte, ihn allein zu sprechen, weiß sie nicht recht. "Vielleicht fragen, warum wir wirklich in dieser Scheiße stecken, was die wirklichen Gründe für den Einsatz sind." Aus ihrem Mund klingt es wie eine Frage.

Samantha Velazquez Velazquez fliegt bald wieder zurück nach Babylon. Dort wird sie noch einmal sechs Monate ihren Job tun. Sich dem zu verweigern ist ihr nie in den Sinn gekommen, eine Desertion, wie der populäre Jeremy Hinzman es vorgemacht hat, ist völlig abwegig. "Ich habe unterschrieben, meinem Vaterland zu dienen. Ich habe nicht unterschrieben, ihm vielleicht zu dienen, wenn es mir gefällt." Die Worte scheinen viel zu groß für die junge Frau, sie hören sich an, wie aus einem Film, den wir alle schon einmal gesehen haben.

In sechs Monaten läuft der Vertrag von Velazquez aus, sie wird ihn nicht verlängern. Zur Polizei will sie danach nicht. Sollte sie lebend zurückkehren, will sie sich an kleinen Dingen freuen. "Zum Beispiel einen Burger an der Ecke kaufen, nach Disneyland fahren." Diesmal klingt ihre Stimme belegt.